Ich hatte mich seit zwei Wochen nicht mehr rasiert. Die Stoppeln hätten ein Bart sein können, wenn ich mit einem ordentlichen Bartwuchs gesegnet gewesen wäre. Die Haarpracht war nicht mehr, als ein Durcheinander voller Lücken und bedeckte nur Teile meines Gesichts. Mein Spiegelbild zeigte mir Augenringe, die schlimmer zu sein schienen als sonst. Ich atmete tief ein und sah, wie sich mein Brustkorb hob und wieder senkte. Dabei bemerkte ich, dass mein Gesicht um zehn Jahre gealtert zu sein schien. Zumindest seitdem die Toten angefangen hatten … nun, nicht tot zu bleiben. Ich war tief im unterirdischen Bunker begraben und fragte mich oft, ob wir die richtige Wahl getroffen hatten … diese schicksalhafte Entscheidung, nach Avalon zurückzukehren. Selbst damals schien es eine ziemlich furchtbare Idee gewesen zu sein, zu einem Ort zurückzukehren, an dem wir dazu gezwungen worden waren, als Gladiatoren in einer Arena zu kämpfen, während eine Revolte in den Mauern dieses angeblich sicheren Hafens ausbrach.
Am Ende kehrten wir vor allen Dingen deswegen zurück, weil wir nirgendwo anders hingehen konnten. Wir hatten also keine richtige Wahl. Da war nur noch Fort Gordon in Augusta und Georgia, was aber eine Sackgasse war. Außerdem waren die Bewohner Avalons dazu bereit, uns mit offenen Armen zu empfangen. Die Helden der Arena. Die Männer, die dabei geholfen hatten, die Elite zu stürzen.
Ich persönlich war der Meinung, als wäre das alles Bullshit. Wir hatten nur versucht, zu überleben.
Im Waschbecken spülte ich die siebeneinhalb Zentimeter lange Rasierklinge aus Metall ab und beobachtete, wie die klare Flüssigkeit die Metallschüssel füllte und dann in einer Spirale den Abfluss hinunterfloss. Rasiercreme war heutzutage ein seltenes Gut und ich hatte mich schon viel zu lang davor gedrückt.
Ich wandte mich vom Spiegel ab und hörte ein winziges Husten aus dem schwach beleuchteten, provisorischen Kinderbett auf der anderen Seite des Raums. Dann legte ich die Rasierklinge hin und schüttelte eine Plastikflasche, die ich in jener Nacht bereits vorbereitet hatte, ging um den Tisch herum und an der langen Seite des Bettes vorbei. Dort lag Tyler. Seine tiefblauen Augen blickten zu mir auf, während er seine klitzekleinen Füße zu seinem Gesicht zog und sie durchknetete.
Mit meinem linken Arm griff ich nach unten und nahm ihn vom Kinderbettchen hoch. Dann plumpsten wir zusammen auf die Couch. Im Vergleich zu dem, was die meisten Menschen in Avalon hatten, war dieser Raum riesig. Ich denke, die anderen hatten ihn uns nur überlassen, weit weg vom Gemeinschaftsbereich, damit sie nicht mitten in der Nacht das Babygeschrei hören mussten.
Na ja … ich beschwerte mich nicht.
Langsam steckte ich ihm den Sauger der Flasche in den Mund und sah auf seine inzwischen geschlossenen Augen hinunter, während er die Milch in einem Zug hinunterstürzte. Man hätte denken können, dass er tagelang nichts zu essen bekommen hatte, aber ich hatte genau dasselbe nur Stunden zuvor getan.
Ausspülen und wiederholen, die ganze Nacht lang, bis zum Morgen.
Diese dunklen Nächte mit meinem Sohn, während ich ihn nah an mich drückte und seinen Herzschlag spürte, sollten die schönsten Momente meines Lebens sein. Stattdessen schien ich dadurch einfach viel zu viel Zeit zum Nachdenken zu haben. Zu viel Zeit für Erinnerungen. Zu viel Zeit für Schmerzen.
Ich saß in der Dunkelheit und versuchte meinen Kopf freizubekommen, aber ich konnte nicht anders und starrte auf sein Gesicht hinunter. Meine Augen wollten sich mit Tränen füllen. Ich schüttelte den Kopf und sah mir den Rost an, der über die metallverkleidete Decke kroch. Noch einmal atmete ich die wiederaufbereitete Luft in meine Lungen.
Er sah ihr so ähnlich …
Meine Gedanken drifteten oft zu dem Moment ab, als ich meine Frau zum letzten Mal gesehen hatte. Die Erinnerungen schienen sich immer einen Weg durch diesen dunklen Pfad zu bahnen, bis zu dem Moment, wo sie sich verwandelt hatte. Diese wilden, roten Augen starrten mich ausdruckslos an.
Ich denke an den Tag zurück, als ich an ihrem Grab stand.
Das Meiste, was an diesem Tag geschah, war verschwommen … bis auf den Moment, in dem ich meine Frau begraben hatte.
Ich erinnere mich daran, dass ich eine verrostete Schaufel benutzte. Meine Hände bekamen Blasen wegen des abgenutzten Griffs, während ich haufenweise rote Tonerde hochschaufelte, um ein flaches Grab auszuheben … ich bettete ihren Leichnam genau in der Nähe des Landeplatzes in Augusta zur Ruhe.
Eine Frau wurde ihrem Mann entrissen. Ein Junge, der niemals seine Mutter kennenlernen würde.
Wir konnten sie nicht mitnehmen und ich wollte sie nicht zum Verwesen zurücklassen. Ich erinnerte mich daran, wie ich über ihrem Grab stand und meinen Ehering betastete, ihn um meinen geschwollenen Finger drehte. Sie hatte mir gesagt, dass der Ring ein Leben lang hält. Er war aus Titan, einem nahezu unzerstörbaren Metall. Er symbolisierte unser gemeinsames Leben, das wir für immer miteinander verbringen sollten. Meine Hände waren voller Blut, Schmutz und Gott weiß was noch. Wut breitete sich in meinem Körper aus, als ich den Ring abzog und ihn in die frische Erde schmiss. Ich verdiente es nicht, solch ein heiliges Gelübde zu tragen.
Ich musste sie sterben lassen.
Dann fühlte ich, wie meine Knie zitterten, und ich fiel zu Boden, um Halt zu finden.
In diesem Moment fiel mir mein Ehering ins Auge. Ich werde es nicht Schicksal nennen. Es war nicht mehr als ein Sonnenstrahl, der über ihn hinweghuschte, aber ich fühlte mich dazu verpflichtet, hinunterzulangen und den Schmutz davon abzuwischen. Ich hielt inne. Dann hob ich ihn auf und schob das Gelübde zurück auf meinen Finger.
So leicht konnte ich mich nicht aus der Verantwortung stehlen.
Letztendlich hat es uns alle umgehauen. Manchmal trifft es uns härter und brutaler als andere. Die Frage ist immer, ob man die Kraft haben wird, wieder aufzustehen? An diesem Tag konnte ich graben und das finden, was ich brauchte, um den Kopf nicht hängenzulassen und weiterzumachen.
Egal wie schwer ich getroffen worden war und wie einfach es gewesen wäre, sich zusammenzurollen und zu sterben … am Ende durfte ich nicht nur an mich selbst denken. Immerhin hatte ich noch eine Sache, für die es sich zu leben lohnte. Meinen Sohn.
Ich wischte mit einem Ärmel über mein Gesicht, setzte mich auf, nahm meinen Fuß von dem Tisch vor uns und beugte mich nach vorne, um den Zerstäuber einzustellen. Dieses kleine, medizinische Gerät, das Flüssigkeit verdampfte, wurde dazu entwickelt, den feinen, lebensrettenden Nebel in Tylers Lungen zu pumpen. Ich rieb mit der Außenseite meines Fingers über seine weiche Wange und stieß einen tiefen Seufzer aus, als ich mich vergewisserte, dass seine Gesichtsmaske, die über Nase und Mund saß, immer noch fest an ihrem Platz war.
Die kostbare Medizin wurde ihm direkt in die Lungen verabreicht. Meine eigene Brust schnürte sich zu, als ich feststellte, dass dies hier im Zimmer das letzte Medikament war. Ich musste mich wieder zum MedCenter begeben, um vor der Dosis noch mehr zu holen.
Der Countdown lief jetzt für Tyler und ich hatte keine Ahnung, dass die Starttaste bereits gedrückt worden war. Wenn ich nur gewusst hätte, was den Flur hinunter passierte. Das Chaos, das bereits ausgebrochen war. Ich hätte ihn ein wenig fester gehalten, ihn mehr geküsst und ihn mit ein wenig mehr Liebe umarmt. Aber so funktionierte die neue Welt jetzt.
Im Nu konnte sich alles ändern.
Der Arzt hatte es bronchiale Entzündung der Atemwege genannt. Tyler hatte das Scheißglück, zu früh zur Welt gekommen zu sein. Darum waren seine Lungen eben unterentwickelt. Der Arzt erklärte, das würde dazu führen, dass Tylers Lungen anschwollen, sich zusammenzogen und sich eine Scheißtonne Schleim darin bildete. Etwas, das man mit einem einfachen Inhalator leicht in den Griff bekam.
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