Kapitän Wheaterhall, der, wie ich bereits bemerkte, ein edler, menschenfreundlicher Mann war, richtete sie auf, und gab ihnen mit seinem Ehrenworte die Versicherung, dass sie keinen Unglimpf erleiden sollten. Da seine Anwesenheit unter der Mannschaft nöthig war, um ihre weitere Bewegungen zu lenken, so gab er mich, als den Jüngsten und am wenigsten Rohen im ganzen Haufen, den Mädchen als Wache bei, und bedrohte mich mit dem Tode, wenn ich bis zu seiner Rückkehr irgend Jemand in’s Zimmer lasse; auch befahl er mir, meine Schützlinge mit meinem Leben gegen jede Beschimpfung zu vertheidigen. Ich war damals ein enthusiastischer Jüngling, wohlwollenden Herzens und konnte in Vergleich mit der Mehrzahl meiner Genossen als rein betrachtet werden, wesshalb ich das mir vertraute Amt mit Entzücken annahm. Das Herz klopfte mir, dass mir ein so ehrenhafter Dienst übertragen worden war.
Ich bot allen meinen Kräften auf, um den Schreck der Gefangenen zu beschwichtigen und ihre Besorgnisse zu mildern; aber während ich noch in dieser Weise beschäftigt war, erschien ein irischer Matrose, der sogar unter unserer Mannschaft um seines abscheulichen Charakters willen berüchtigt war, an der Thüre und wollte sich den Eingang erzwingen. Ich trat ihm augenblicklich entgegen und hielt ihm die bestimmten Befehle des Kapitäns vor; er aber, der der Frauenzimmer ansichtig geworden war, betheuerte mit einem schrecklichen Fluche, er wolle bald ausfindig machen, ob ein junger Bursch, wie ich, im Stande sei, ihm Widerstand zu leisten, und als er bemerkte, dass ich nicht wich, hieb er mit Wuth auf mich ein. Glücklicherweise hatte ich den Vortheil der Stellung, und durch die Gerechtigkeit meiner Sache gehoben, schlug ich ihn mit Erfolg zurück. Er erneuerte indess den Angriff, und die armen Mädchen sahen mit zitternder Angst dem Ausgang des Kampfes entgegen, von dem aller Wahrscheinlichkeit nach ihr Leben und ihre Ehre abhing. Endlich kam ich schwer in’s Gedränge, denn ich hatte eine Wunde in meinen rechten Arm erhalten, wesshalb ich mit der Linken eine Pistole aus meinem Gürtel zog, sie auf den Unmenschen abfeuerte und ihn in die Schulter verwundete. Also wehrlos gemacht und zugleich voll Furcht, der Knall könnte den Kapitän zurückführen, von dem er wohl wusste, dass er nicht mit sich spielen lasse, zog er sich von der Thüre zurück, aber nicht ohne mir vorher schwere Rache zu geloben. Ich wandte mich sodann an die Mädchen, welche in athemloser Spannung Zeugen des Kampfes gewesen waren und in den Armen des unglücklichen alten Paars lagen; denn Letztere waren gleich beim Beginne des Gefechts herzugeeilt, um den Töchtern ihren nutzlosen Schutz anzubieten. Obgleich zu einer Kapermannschaft gehörig, konnte ich mich doch bei diesem Anblick der Thränen nicht erwehren. Ich versuchte auf’s Neue, sie zu ermuthigen, und erklärte ihnen in der feierlichsten Weise, dass ich im Nothfall für ihren Schutz gern mein Leben einsetzen wolle — eine Versicherung, durch die sie wieder etwas vertrauensvoller wurden. Als die armen Mädchen bemerkten, dass mir aus der erhaltenen Wunde das Blut über die Finger hinunterträufelte, versuchten sie mit ihren Taschentüchern den Strom zu stillen.
Diese Scene wurde jedoch bald durch einen Lärmruf unterbrochen. Wahrscheinlich war es einem Neger gelungen, zu entwischen, und die Umgegend unter Wasser zu bringen. Die Bevölkerung der übrigen Pflanzungen hatte sich versammelt, und da unser Haufen, wie es gewöhnlich beim Plündern der Fall ist, sich sehr unvorsichtig benahm, so waren die Vedetten überrascht worden, so dass diese kaum Zeit gewannen, sich zu flüchten und uns von der Gefahr Meldung zu thun. Es war kein Augenblick zu verlieren, und unser Heil hing blos von einem plötzlichen Rückzug ab. Der Kapitän sammelte eiligst alle seine Leute, und während er noch damit beschäftigt war, den Rückzug zu ordnen, drang der alte Pflanzer, welcher aus dem Knallen der Feuerwaffen wie aus dem Lärm und der Verwirrung aussen wohl errieth, was stattgefunden hatte, in mich, auf seinem Gute zu bleiben, indem er mir vorstellte, unsere Mannschaft müsse nothwendig überwältigt werden, und in einem solchen Falle könne ich mir wohl denken, dass Schonung der Besiegten ausser Frage sei. Er legte seine Finger in Kreuzform und gelobte mir, Pardon für mich zu bewirken; auch solle ich stets mich seines Schutzes und seiner Freundschaft zu erfreuen haben. Ich wies sein Anerbieten zwar freundlich, aber mit Festigkeit zurück, worauf er mit einem Seufzer von mir abliess und keine weiteren Worte mehr verlor. Die alte Dame dagegen steckte mir einen Ring, den sie selbst getragen, an den Finger, küsste mich auf die Stirne und sagte mir, ich solle auf diesen Ring Acht haben und fortfahren, so gut und edel zu handeln, wie ich eben gethan habe.
Da ich keine Zeit hatte, auch nur die dargebotenen Hände der Mädchen anzunehmen, so schwenkte ich blos die meinige und eilte fort, um mich meinen bereits im Rückzug begriffenen Kameraden anzuschliessen, und mit unsern Verfolgern Kugeln zu wechseln. Die Angreifenden bildeten eine grosse Mehrzahl, bestanden aber aus einem Gemisch von Pflanzern, Mulatten und Sklaven, von denen nicht die Hälfte bewaffnet war, so dass wir sie leicht zurückschlugen, so oft es zu einem Kampf in der Nähe kam. Die Unthaten der Kapernmatrosen hatten ihnen jedoch einen so grimmigen Hass eingeflösst, dass sie uns auf den Fersen folgten, ein sehr belästigendes Heckenfeuer unterhielten und uns hinzuhalten suchten, bis wir durch ihre Ueberzahl bewältigt werden könnten: denn da die ganze Gegend aufgeboten war, so strömten mit jeder Minute neue Massen hinzu. Unser Kapitän, der dies wohl bemerkte, beschleunigte den Rückzug so viel möglich, ohne übrigens die Ordnung aufzugeben, und wir eilten nach der Stelle, wo unsere Boote lagen, da jedes Entrinnen unmöglich war, sobald wir von diesen abgeschnitten wurden. Aber ungeachtet der Sorgfalt unseres Führers wurden doch mehrere der Unsrigen durch die Irrgewinde des Waldes oder durch erhaltene Wunden, welche es ihnen unmöglich machten, gleichen Schritt mit uns zu halten, von uns getrennt. Nachdem wir viele Angriffe, die sich jedesmal mit erneuertem Nachdruck wiederholten, abgeschlagen hatten, erreichten wir endlich unsere Boote, schifften uns mit der grössten Eile ein, und steuerten nach unserem Schooner. Durch unsere Flucht ermuthigt, strömten die Feinde in grossen Haufen an’s Ufer herunter, und wir mussten voll bitteren Ingrimms mit anhören, wie unsere Nachzügler, die in Gefangenschaft gerathen waren, um Gnade flehten; ihr Stöhnen aber und die darauf folgende Stille belehrten uns zur Genüge, dass ihnen Schonung versagt worden war.
Kapitän Weatherall war so wüthend über den Verlust der Leute, dass er Befehl ertheilte, wir sollten zurückrudern und den Feind an der Küste angreifen; wir fuhren aber ohne Rücksicht auf seine Bitten und Drohungen fort, auf den Schooner abzuheben. Ein panischer Schrecken hatte uns Alle ergriffen, und es war auch kein Wunder. Ja, wir scheuten sogar das schlecht gezielte, unregelmässige Feuer, das sie wegen uns unterhielten, obschon es unter anderen Umständen uns nur lachen gemacht haben würde. Der Schooner lag blos ein paar hundert Ellen von der Küste ab und wir befanden uns bald an Bord. Das Feuer vom Ufer aus machte fort, aber die Kugeln flogen über uns hin. Wir setzten eine Springe auf unsere Kabel, warpten die Breitseite gegen die Küste, luden jede Kanone mit Kartätschen, und begrüssten unsere Angreifer mit einer vollen Salve. Das darauf folgende Geschrei und Aechzen belehrte uns, dass die Wirkung furchtbar gewesen sein musste. Die Matrosen wollten auf’s Neue laden und abermals Feuer geben; der Kapitän jedoch verbot dies mit den Worten: „wir haben schon zu viel gethan.“ Ich dachte das Gleiche. Er ertheilte sodann Befehl, den Anker zu lichten, und von einer steifen Landbrise getragen, hatten wir bald diesen unglückseligen Ort weit im Rücken.
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