«Nein», erwiderte Erling mit schelmischem Blick, «aber denken Sie doch nur, Herr Helmer, wieviel man in einem Jahre essen kann.» Der Gutsbesitzer schlug Erling lachend auf die Schulter, worauf sie sich alle miteinander zu dem wartenden Auto begaben.
«Oh», sagte Erling enttäuscht, «ich hatte so gehofft, daß wir in einem Landauer mit braunen Pferden fahren würden!»
«So, so», brummte Christian Helmer, «ich hätte euch wohl vierspännig abholen sollen? Nein, mein Guter, heutzutage fährt man im Auto. Vielleicht wäre es besser, wenn man bei den Pferden geblieben wäre. Ich begreife selbst nicht recht, warum alles immer so geschwind gehen muß. Aber das soll es nun einmal. Wenn die ganze Welt sich daran gewöhnt hat, Auto zu fahren, muß Christian Helmer eben mitmachen. Das ist nicht zu ändern. Ich verspreche dir, Erling, daß du im Pferdewagen mitfahren kannst, sobald wir wieder mit den Rossen aufs Feld müssen. Das heißt jedoch, daß du um sechs Uhr morgens loszockeln mußt. So, nun hinein mit euch!»
Von Anfang an waren die Ferien einfach wundervoll. Gutsbesitzer Helmer war ganz entzückt darüber, daß die Buben bei ihm zu Besuch weilten. Er war Witwer und hatte selbst keine Kinder; um so mehr Liebe brachte er den Kindern seines Bruders entgegen, und Jan war sein besonderer Liebling. Die beiden Knaben hatten es herrlich bei ihm. Christian Helmers Haushälterin, Fräulein Madsen – sie wurde immer nur «Mads» genannt – war eine energische Dame, die die Zügel des Haushalts in festen Händen hielt. Sie kochte so ausgezeichnet, daß Erling ihr gleich nach dem ersten Abendessen eine Liebeserklärung machte, woraufhin sie ihm einen Klaps versetzte und ihn einen Frechdachs nannte. Damit war die Freundschaft zwischen ihnen geschlossen.
Am Morgen nach der Ankunft krochen die Buben schon früh aus den Federn. Sie frühstückten mit Onkel Helmer zusammen und stürmten dann auf den Hof hinaus, wo sie mit großem Interesse den Knechten zusahen, die ihre Tagesarbeit schon aufgenommen hatten. Erling schloß sogleich Freundschaft mit dem Knecht, der mit den Pferden auf die Felder zu fahren pflegte. Das Ergebnis dieser Annäherung war, daß er wenige Minuten später auf einem Heuwagen saß und die Pferde äußerst flott über die Feldwege lenkte, während Jan sich an Anders’ Fersen heftete und Boy sich mit zufriedener Miene an die Sonne legte.
Anders, den Jan schon von früheren Ferienaufenthalten in Raunstal her kannte und mit besonderer Freude begrüßt hatte, war Onkel Christians Großknecht, ein wahrer Hüne mit erstaunlichen Kräften. So stark er war, so gutmütig war er auch. Seine Geduld kannte keine Grenzen. Alle auf dem Hof liebten Anders und vergaben ihm gern sein ewiges Gesinge, so falsch und ohrenzerreißend es auch war. Jan, der die Musik sehr liebte, ließ Anders’ Gesang ebenfalls Gesang sein; er hielt sich bloß bisweilen die Ohren zu, wenn die Melodie allzu falsch klang. Nur Boy war nicht imstande, Anders’ Glanzleistungen ohne weiteres hinzunehmen. Der arme Hund war nahe daran, aus der Haut zu fahren, wenn Anders zu singen begann. Er streckte dann die Nase in die Luft und winselte so jämmerlich, daß es einen Stein hätte rühren können. Anders blickte ihn daraufhin stets leicht erstaunt an und sagte: «Du mußt nicht etwa glauben, daß das besser klingt!»
«Nein, ganz gewiß nicht», warf Jan ein, «aber Boy ist sehr musikalisch.» Das begriff Anders nicht, doch zerbrach er sich nicht weiter den Kopf darüber, sondern sang aus vollem Halse: «Horch, Kind, horch, wie der Sturmwind braust und rüttelt am Erker... »
*
An einem der ersten Ferienabende saßen die Buben draußen hinter der Scheune und plauderten mit Anders, der seine Stummelpfeife rauchte und den Jungen einige Pfeile für ihre Bogen schnitzte. Sie hatten natürlich sofort Haselruten gefunden, die sich prächtig für Bogen eigneten, und Anders verstand sich trefflich aufs Pfeilschnitzen.
Sie unterhielten sich über das Leben auf dem Lande, wo es so selten Neuigkeiten gab, und Anders sagte schließlich zu Jan: «Als Sohn eines Kriminalkommissars mußt du eigentlich eine Menge spannende Sachen miterleben.»
Diese Bemerkung bot Jan eine hochwillkommene Gelegenheit, von etwas zu sprechen, das ihm schon lange auf der Seele lag: von dem Raubüberfall in der Gewerbe- und Industriebank. Er berichtete alles, was er wußte, und Anders, der sich nur mit einiger Mühe durch den Artikel in der Bauernzeitung hindurchbuchstabiert hatte, hörte ihm gefesselt zu, bis Jan den Gentleman-Harry erwähnte.
«Den kenne ich», sagte Anders mit aller Gemütsruhe.
«Was?!» Jan fuhr auf und starrte den riesigen Jütländer an.
Anders schnitzte ganz gelassen an den Pfeilen weiter, und es dauerte eine Weile, bis er zu erzählen anhob: «Ja, der Gentleman-Harry diente früher hier in der Gegend als Knecht. Aber das ist schon mehrere Jahre her. Er war viel zu fein für die Arbeit. Er konnte sich nicht recht damit abfinden und verschwand eines Tages. Was aus ihm wurde, weiß ich nicht. Man sagt, er sei in eine Besserungsanstalt gekommen. Das würde mich gar nicht so sehr wundern. Denn er war auch viel zu fein dazu, sich anständig zu benehmen.»
«Stammt er denn aus der Gegend hier?»
«Ja, freilich. Aber seine Eltern leben nicht mehr. Er hatte eine Menge Freunde; denn er warf nur so mit dem Geld um sich und hielt immer alle im Wirtshaus frei. Woher er das Geld hatte, weiß ich nicht; aber man sagt, er hätte es gestohlen. Wahrscheinlich ist er deshalb in die Besserungsanstalt gekommen. Er hatte auch oft Besuch von feinen Herren aus der Stadt. Aber er war ein Waschlappen, das ist sicher. Die Polizei hat übrigens neulich nach ihm gefragt.»
«Wirklich?» warf Jan gespannt ein.
«Ja, da wir gerade von ihm sprechen, fällt’s mir wieder ein. Einige Leute wurden gefragt, ob Harry hier gesehen worden sei; aber keiner wußte etwas von ihm. Sicher hing das mit dem Bankraub zusammen.» Anders führte einen kräftigen Streich mit seinem Messer, daß die Holzsplitter nur so flogen, und sagte: «Die Polizei sollte sich lieber um die Wilddiebe kümmern. Die machen uns immer mehr zu schaffen.»
«Gibt’s hier wirklich Wilddiebe?» fragte Erling, der sich bis jetzt an der Unterhaltung nicht beteiligt hatte.
«Ja, wir haben hier Wilddiebe. Ich habe selbst einmal drüben in der Schonung ein angeschossenes Reh gefunden. Die Kerle knallen das Wild nieder, wo sie es finden, und legen auch Schlingen; dafür sollte man sie tüchtig verdreschen, denn ein Tier, das sich in einer Schlinge fängt, muß lange leiden. Sie bringen die Schlingen auf den Wechseln an, wo das Wild abends austritt. Ich habe schon oft einen Hasen in der Schlinge entdeckt und einmal auch einen armen Dachs. An einem Abend fand ich sogar einen Fuchs. Ich hörte ihn quietschen und ging dem Laut nach. Da saß er in einem Fangeisen, das die Kerle aufgestellt hatten. Auf diese Weise richten die Wilddiebe viel Schaden an. Diese Burschen sollte unsere Polizei unschädlich machen, statt sich um ein Verbrechen zu kümmern, das die Polizei in Kopenhagen viel besser ahnden kann.» Seit vielen Jahren hatte Anders keine so lange Rede gehalten, doch ging ihm nichts so nahe, als wenn ein Tier gequält wurde, so daß sich seine Zunge löste, wenn die Rede darauf kam.
«Wir hören oft in der Nacht drüben im Walde Schüsse fallen», fuhr er fort. «Aber wir haben bis jetzt noch nicht herausfinden können, wer da eigentlich sein Unwesen treibt. Früher oder später werde ich die Kerle aber schon noch erwischen, und dann möchte ich nicht in ihrer Haut stecken.» Sein gutmütiges Gesicht sah jetzt ganz grimmig aus.
*
Als die Buben im Bett lagen, sprachen sie noch lange über das, was Anders erzählt hatte. «Wenn wir doch bei der Entlarvung der Wilddiebe dabeisein könnten», meinte Jan. «Mir sind Leute, die Tieren etwas zuleide tun, verhaßt.»
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