Jan riß die Augen auf. «Heiliger Bimbam! Woher hast du denn diesen Deckel?» Er sprang vom Tisch hinunter, stürzte auf Lis zu und versuchte ihr den Hut zu entreißen.
Sie wehrte sich, so gut sie konnte. «Scher dich, du Frechdachs! Es geht nur mich etwas an, was für einen Hut ich aufhabe. Au! Jan, du bist ein Ungeheuer! Geh, du verdirbst mir ja meinen Hut!»
«Könnt ihr denn niemals Ruhe geben!» mahnte Frau Helmer. «Man möchte beinahe meinen, ihr wäret fünf Jahre alt.» Sie mußte dann aber doch lachen, als sie Jan sah, der sich den Hut seiner Schwester aufgesetzt hatte und damit durchs Zimmer stolzierte.
Plötzlich hielt er in seinem Spaziergang inne, und Lis nützte die Gelegenheit, sich ihren Hut wieder anzueignen und mit verächtlicher Miene hinauszugehen.
Jan fragte: «Kommt Vater heute spät nach Hause?»
«Ich weiß wahrhaftig nicht, wann er heimkommt», seufzte Frau Helmer. «Dieser Bankraub gibt ihm viel zu schaffen. Er rief vor kurzem an und sagte, daß er zum Abendessen hier zu sein hoffe; aber ich weiß zur Genüge, was das zu bedeuten hat. Es kann geradesogut sein, daß er die halbe Nacht hindurch arbeiten muß.»
«Wenn er nur den Räuber erwischen würde», bemerkte Jan. «Der Kerl war wirklich unverschämt. Fast wie in einem amerikanischen Film.»
Frau Helmer erhob sich. «Ich sehe jetzt in der Küche nach, ob Dagmar mit dem Essen fertig ist. Geh du dich inzwischen waschen, Jan; denn ich denke, wir werden bald essen. Vielleicht kommt Vater doch noch zur Zeit.»
Diese Hoffnung sollte sie nicht trügen. Sie saßen noch nicht lange bei Tisch, als Kriminalkommissar Helmer erschien und erklärte, er habe einen Bärenhunger. Das war gewöhnlich sein Gruß, wenn er nach einem arbeitsreichen Tage heimkam. Dann aber dauerte es nicht lange, und er erzählte von seiner Tätigkeit. «Es ist eine ernste Sache; aber ich hege einige Zweifel, ob es uns diesmal gelingen wird, den Fall zu klären», sagte er. «Ich muß offen gestehen, daß wir bis jetzt noch nicht die geringsten Anhaltspunkte haben, die uns möglicherweise auf die Spur der Verbrecher bringen könnten. Allerdings sind noch einige Nachforschungen im Gange, die uns vielleicht einen Fingerzeig geben werden.»
«Hat denn niemand gesehen, wie die Bankräuber das Auto vor dem Forum verließen?», erkundigte sich Jan.
«Das ist eins von den Dingen, die wir herauszubringen trachten. Aber bis jetzt sind wir noch zu keinem Ergebnis gekommen. Doch nun wollen wir von etwas anderem reden. Ich habe ja auch noch Pflichten als Familienvater zu erfüllen. Wie steht’s mit deinem Examen, Jan?»
«Ob Jan nicht erst sein Kapitänsexamen ablegen wird, bevor er das Mittelschulexamen besteht?» warf Lis mit unschuldiger Miene ein.
«Ich werde es schon schaffen, du Naseweis», gab Jan zurück.
«Das glaube ich auch, Jan», sagte Helmer. «Obwohl du kein Erling bist.»
Erling Krag war Jans bester Freund und sein vollkommenes Gegenstück. So schlank, geschmeidig und gelenkig Jan war, so rundlich und körperlich unbeholfen war Erling. Und während Jan auf dem Sportplatz und bei allen Freiluftunternehmungen in der ersten Reihe stand, zeichnete sich Erling in der Schule als Klassenerster und Bücherwurm aus, ohne deshalb jedoch ein Kopfhänger zu sein. Seit ihrem ersten Schultag waren Erling und Jan unzertrennlich.
«Erling ist nicht zu schlagen», räumte Jan ein. «Neulich haben wir in der Physikstunde von Niels Bohr und seiner Atomtheorie gesprochen. Ich glaube, wenn Herr Bohr heute das Mittelschulexamen machen müßte, würde er Erlings Noten auch nicht erreichen. Das ist eine ganz bestimmte Fähigkeit, die Erling im Speck sitzt. Alles, was er liest, bleibt in seinem Speck haften. So hat er wenigstens etwas, wovon er in kargen Zeiten zehren kann!»
Helmer lachte zu diesen Ausführungen, dann ging er zu einem andern Thema über: «Jetzt will ich dir etwas sagen, mein Sohn. Ich habe heute einen Brief von Onkel Christian erhalten. Er erwartet dich und Erling gleich nach dem Examen. Und weißt du, wer noch mitkommen soll?»
Jans Begeisterung, die bei den ersten Worten seines Vaters hell aufgeflammt war, ließ etwas nach. Fragend blickte er Lis an. «Wir sollen wohl die Dame da mitnehmen?»
«Wenn das der Fall wäre, solltest du dich freuen, daß deine Schwester ebenfalls aufs Land kommt», sagte Helmer. «Übrigens glaube ich, daß Lis lieber mit der Reise nach Jütland wartet, bis ihr euch dort ausgetobt habt. Die Sondereinladung, die ich meine, gilt keinem Geringeren als Boy!»
Diese Eröffnung bewirkte, daß Jan mit einem Freudengeheul aufsprang und in die Küche hinausstürzte, wo er fast das Dienstmädchen Dagmar umgerissen hätte, das friedlich am Küchentisch saß und sein Nachtessen verzehrte. Bei Jans stürmischem Erscheinen sprang Boy – ein schöner, großer Schäferhund – von seiner Matte auf, und Knabe und Hund stürzten ins Eßzimmer zurück, wo sie allen schüchternen Einwendungen Frau Helmers zum Trotz einen wilden Freudentanz aufführten. Helmer saß währenddessen in seinen Stuhl zurückgelehnt und sah lächelnd zu. Plötzlich aber kam ihm ein Gedanke; er fuhr auf und sagte: «Die Nachrichten!»
Er eilte zum Radioapparat und stellte rasch den Ortssender ein. Es dauerte eine Weile, bis die Röhren warm geworden waren, und als endlich die Stimme des Sprechers ertönte, stellte sich heraus, daß man einen Teil der Nachrichten schon versäumt hatte. Man hörte ihn nur noch sagen: «...hat die Gewerbe- und Industriebank eine Belohnung von fünftausend Kronen für denjenigen ausgesetzt, dem es gelingt, die Bankräuber festzunehmen, oder der Mitteilungen machen kann, die zur Wiederbeschaffung der geraubten Geldsumme führen.»
«Ach, wenn ich doch die fünftausend Kronen bekäme!» seufzte Jan. «Wenn ich doch bei der Jagd auf die Bankräuber mitmachen könnte!»
Einige Tage später radelte Jan zur Polizeidirektion, um seinen Vater abzuholen. Kriminalkommissar Helmer hatte inzwischen angestrengt an der Aufklärung des Bankraubs gearbeitet. Trotzdem schien die Lösung des Verbrechens noch in weiter Ferne zu liegen.
«Ich bin der festen Überzeugung», sagte der Kriminalkommissar, während er mit Jan durch die Stadt radelte, «daß wir die Verbrecher erwischen werden; aber das kann noch einige Zeit dauern. Wir kommen nur langsam vorwärts.»
«Hast du noch niemand in Verdacht?», fragte Jan.
Helmer blickte in das aufgeweckte Gesicht seines Sohnes. Er sprach gern mit Jan von seiner Arbeit; denn damit versuchte er, den Jungen dazu zu erziehen, Schlußfolgerungen anzustellen, auf Einzelheiten zu achten und klar und rasch zu denken. Aus diesem Grunde brachte er oft die Rede auf die Arbeit der Polizei und wachte darüber, daß Jan jede Frage gründlich durchdachte. «Ja», sagte er, «ich habe schon an einen alten Bekannten der Polizei gedacht, der gewöhnlich ‚Gentleman-Harry‘ genannt wird. Er ist vor ein paar Monaten aus dem Staatsgefängnis von Horsens entlassen worden; dort hat er wegen Raubes drei Jahre abgesessen. Mancherlei deutet darauf hin, daß Gentleman-Harry bei dem Bankraub seine Hand im Spiele hatte. Aber Beweise habe ich dafür noch nicht.»
«Was für ein Bursche ist er denn?»
«Er ist kein gewöhnlicher Dieb. Unter anderm ist er berühmt als Pistolenschütze. Auf diesem Gebiet hat er ganz einzigartige Fähigkeiten.»
«Und wo steckt er augenblicklich?»
«Das weiß ich nicht... noch nicht. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis hat er sich eine kleine Wohnung am Frederiksberg gemietet. Er erzählte einem meiner Beamten, der sich eines Tages mit ihm unterhielt, daß er von nun an ein ehrenhaftes Leben führen und irgendeine Vertretung übernehmen wolle.»
«Ist er denn jetzt nicht mehr in seiner Wohnung?»
«Nein. Wir haben uns nach ihm umgesehen; aber der Vogel ist ausgeflogen. Die Hausbewohner sagen, daß ‚Kaufmann Larsen sich auf eine Geschäftsreise begeben hat‘, und das klingt ja ganz hübsch. Aber wohin ist dieser ‚Kaufmann‘ gereist? Ich will dir übrigens von einer Entdeckung erzählen, die wir bei der Durchsuchung von Gentleman-Harrys Wohnung gemacht haben, und sehen, ob du damit etwas anfangen kannst.»
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