Likens bezog sich auf einen Branchenverband der Kohleindustrie namens »Edison Electric Institute«, der fast eine halbe Million Dollar als Belohnung dafür ausgeschrieben hatte, ihn in Verruf zu bringen.17 William Nierenberg, das bereits erwähnte Mitglied des GMI-Trios, nahm diese Herausforderung an, als Ronald Reagan ihn zum Vorsitzenden eines Gremiums zur Untersuchung des sauren Regens ernannte. Die Fakten erwiesen sich jedoch als hartnäckig, und die Schlussfolgerungen des Gremiums, die 1984 in einem Bericht veröffentlicht wurden, bestätigten weitgehend die Erkenntnisse von Likens und anderen wissenschaftlichen Experten. Aber in einem Anhang, der von einem konträren Wissenschaftler namens S. Fred Singer verfasst worden war, war eine Passage versteckt, die nahelegte, dass die Sachlage nicht eindeutig genug war, um Emissionskontrollen einzuführen. Diese Passage genügte der Reagan-Regierung als Rechtfertigung für ihre Politik der Untätigkeit.18
Zum Glück setzten sich die Kräfte der Leugnung und Untätigkeit letztendlich nicht durch. Die amerikanische Öffentlichkeit erkannte das Problem und forderte Maßnahmen, die Politiker reagierten schließlich. Genau so soll es in einer repräsentativen Demokratie funktionieren. George H.W. Bush, wohlgemerkt ein republikanischer Präsident, unterzeichnete 1990 den Clean Air Act (Luftreinhalteverordnung), der die Betreiber von Kohlekraftwerken dazu verpflichtete, Schwefel aus dem Rauchgas abzuscheiden, bevor er aus den Schornsteinen austrat. Er führte sogar einen als »Cap and Trade« bekannten marktbasierten Emissionshandel mit festen Obergrenzen ein. Ironischerweise wird das Cap-and-Trade-Prinzip heute von den meisten Republikanern angeprangert. Die Idee für das Prinzip geht auf William K. Reilly zurück, der unter George H.W. Bush Leiter der Umweltschutzbehörde (EPA) war. Reilly ist ein moderner Umweltheld, und ich bin stolz darauf, ihn zu kennen und meinen Freund nennen zu dürfen.
Meine Familie macht häufig Urlaub am Big Moose Lake in den westlichen Adirondacks (Gebirge im nordöstlichen Teil des US-Bundesstaates New York). Die Familie meiner Frau geht bereits seit siebzig Jahren dorthin. Ihre Eltern erinnern sich an die 1970er Jahre, als der See so säurehaltig war, dass man buchstäblich nicht duschen musste: Ein Sprung in den See, und schon war man sauber. Das Wasser war kristallklar, jedoch leblos. Inzwischen ist die Tierwelt zurückgekehrt und wir können sie sehen und hören, wenn wir dort sind: Insekten, Fische, Frösche, Enten, Schildkröten – und die eindringlichen Rufe der Seetaucher. Manchmal sieht man kleine Teams von Wissenschaftlern in Booten, die Wasserproben sammeln und untersuchen. Die betroffenen Ökosysteme haben sich noch immer nicht vollständig erholt, da Umweltverschmutzung die Nahrungsketten, Waldökosysteme und die Wasser- und Bodenchemie so stören kann, dass die Schäden noch Jahrzehnte oder Jahrhunderte andauern, selbst wenn die Schadstoffe gar nicht mehr vorhanden sind. Aber dank – ich traue mich es einmal so zu sagen – marktbasierter Mechanismen zur Lösung eines Umweltproblems, sind die Adirondack Mountains auf dem Weg der Besserung.
In den 1980er Jahren erkannten Wissenschaftler, dass Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKWs), die damals in Sprühdosen und Kühlschränken verwendet wurden, für das wachsende Ozonloch in der unteren Stratosphäre verantwortlich waren. Die Ozonschicht schützt uns vor der schädlichen, energiereichen ultravioletten Sonnenstrahlung. Die Erosion dieser Schicht brachte ein häufigeres Auftreten von Hautkrebs und anderen gesundheitsschädlichen Auswirkungen in der südlichen Hemisphäre mit sich. Mein Freund Bill Brune, der ehemalige Leiter der Abteilung für Meteorologie an der Staatlichen Universität von Pennsylvania (Penn State University), war einer der ersten Wissenschaftler, die die relevante atmosphärische Chemie erforschten. Er schrieb: »Einige der Wissenschaftler, die diese bahnbrechende Forschung durchführten, haben beschlossen, sich für Maßnahmen zur Minderung der durch einen Abbau der Ozonschicht verursachten Schäden einzusetzen. Diese Wissenschaftler waren heftiger Kritik ausgesetzt.«19 Jene Kritik nahm, wie Bill feststellte, unterschiedlichste Formen an: »Hersteller und Anwender von FCKWs und ihre Regierungsvertreter initiierten Öffentlichkeitskampagnen, die nicht erhellen, sondern verschleiern sollten. Das Ziel war, die Hypothese und die wissenschaftlichen Indizien in Zweifel zu ziehen und Gesetzgeber und Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Ergebnisse nicht zuverlässig genug waren, um darauf zu reagieren.« Bill weiter: »Wenn ihre Ansichten nicht mehr haltbar waren oder sich ihre eigenen Arbeiten als falsch erwiesen oder zur Veröffentlichung abgelehnt wurden, änderten diese konträren Wissenschaftler, Regierungsvertreter und Industriesprecher ihre Taktik, um den gesamten Peer-Review-Prozess (wissenschaftliche Begutachtung) zu verunglimpfen.« Unter diesen umstrittenen Wissenschaftlern war just jener S. Fred Singer, dem wir im Zusammenhang mit der Leugnung des sauren Regens bereits begegnet waren. Merken Sie sich diesen Namen – wir werden später auf ihn zurückkommen.
Ungeachtet der Neinsager unterzeichneten 1987 insgesamt 46 Länder – darunter die Vereinigten Staaten unter Reagan – das Montrealer Protokoll, das die Herstellung von FCKW verbietet. Seither ist das Ozonloch auf das geringste Ausmaß seit Jahrzehnten geschrumpft. Umweltpolitik funktioniert also . Aber sowohl beim sauren Regen als auch beim Ozonabbau kamen politische Lösungen nur aufgrund des unerbittlichen Drucks zustande, den die Bürger auf die politischen Entscheidungsträger ausübten, in Verbindung mit anhaltender parteiübergreifender Unterstützung durch redliche Politiker, die sich für systemische Lösungen bei Umweltbedrohungen einsetzen. Dieser Art von Redlichkeit geriet mit der Trump-Regierung ins Hintertreffen. Trump berief nach seiner Wahl viele Personen in wichtige Positionen, die nicht nur die Realität und Bedrohung des Klimawandels leugneten, sondern bereits vor Jahrzehnten eine entscheidende Rolle bei den von der Industrie geführten Bemühungen gespielt hatten, sowohl den Ozonabbau als auch den sauren Regen zu leugnen. Sie könnten auch als Allzweckleugner bezeichnet werden, die man anheuern kann.20
Man könnte sie auch als spirituelle Nachfolger des George-C.-Marshall-Instituts bezeichnen, jener wissenschaftsleugnenden Ideenschmiede von Frederick Seitz, die Ende der 1980er Jahre weitgehend auf Umweltfragen ausgerichtet war. Aber es war weder der saure Regen noch der Ozonabbau, die zur Gründung des Instituts geführt hatten. Es war vielmehr eine Bedrohung, die wissenschaftliche Erkenntnisse für eine ganz andere Interessengruppe, nämlich den militärisch-industriellen Komplex, darstellten. Während der Spätphase des Kalten Krieges profitierten führende Rüstungsunternehmen wie Lockheed-Martin und Northrop Grumman von dem eskalierenden Wettrüsten zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Sie profitierten insbesondere von Reagans Vorschlag einer strategischen Verteidigungsinitiative, auch bekannt als Star Wars, einem antiballistischen Raketenprogramm, das Atomraketen im Weltraum abschießen sollte. Ihnen stand jedoch ein Wissenschaftler im Weg.
Wissenschaftler als Kämpfer
Carl Sagan lehrte als Stiftungsprofessor für Astronomie und Weltraumwissenschaften und war Direktor des Laboratory for Planetary Studies an der renommierten Cornell University. Er war ein angesehener, kompetenter Forscher mit einer beeindruckenden Erfolgsbilanz in der Geo- und Planetenwissenschaft. Sagan leistete bahnbrechende Arbeit über das »Faint Young Sun Paradox« (Paradoxon der schwachen jungen Sonne), der überraschenden Tatsache, dass die Erde vor mehr als drei Milliarden Jahren bewohnbar war, obwohl die Sonne damals um 30 Prozent weniger leuchtete. Die Erklärung, so erkannte Sagan, muss ein stärkerer Treibhauseffekt gewesen sein. Diese Arbeit ist so grundlegend, dass sie das erste Kapitel des Lehrbuchs darstellt, mit dem ich Studierende im ersten Semester an der Penn State über Erdgeschichte unterrichtet habe.21
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