Sagan war jedoch weit mehr als ein Wissenschaftler. Er war ein kulturelles Phänomen. Er hatte eine unübertroffene Fähigkeit, die Öffentlichkeit mit der Wissenschaft in Kontakt zu bringen. Er verstand es nicht nur, Normalbürgern Zusammenhänge zu erklären, er konnte Menschen auch dafür begeistern. Ich kann mich persönlich dazu äußern, denn es war Carl Sagan, der mich zu meiner wissenschaftlichen Karriere inspirierte.
Ich hatte schon immer eine gewisse Begabung für Mathematik und Naturwissenschaften, aber es war sozusagen ein Weg des geringsten Widerstands, keine Leidenschaft. Dann feierte Sagans beliebte Fernsehserie Cosmos Premiere, gerade zu Beginn meines ersten Studienjahres an der High-School. Sagan zeigte mir die Magie der wissenschaftlichen Forschung. Er enthüllte einen Kosmos, der wundersamer war, als ich es mir hätte vorstellen können. Er zeigte die Kostbarkeit unseres Platzes in diesem Kosmos – als einfache Bewohner eines winzigen blauen Punktes, der von den äußeren Bereichen unseres Sonnensystems kaum wahrnehmbar ist. Und erst die Fragen! Wie hat sich Leben gebildet? Gibt es da draußen noch mehr davon? Gibt es andere intelligente Zivilisationen? Warum haben sie uns noch nicht kontaktiert? Ich dachte lange über diese und viele andere Fragen nach, die Sagan in der monumentalen dreizehnteiligen Serie aufgeworfen hatte. Sagan machte mir klar, dass es möglich ist, ein Leben lang seiner wissenschaftlichen Neugier nachzugehen, indem man solch fundamentale existentielle Fragen stellt und beantwortet.
Leider hatte ich nie die Gelegenheit, meinen Helden persönlich kennenzulernen. Ich schloss mein Doktorat in Geologie und Geophysik 1996 ab, im selben Jahr, in dem Sagan verstarb. Da ich auf dem gleichen Gebiet wie Sagan tätig bin, hätte ich ihn mit ziemlicher Sicherheit auf Tagungen oder Konferenzen getroffen, wenn ich ein paar Jahre früher in den Beruf eingestiegen wäre. Aber ich hatte das Vergnügen, ihn durch seine Schriften kennen zu lernen, und durfte einige Menschen treffen, die ihn gut kannten. Dazu gehört auch seine Tochter Sasha, eine Schriftstellerin, die das Werk ihres Vaters fortsetzt, uns mit Gedanken über den Kosmos und unseren Platz im Kosmos zu inspirieren.22
Sagan war eine so überzeugende und charismatische Persönlichkeit, dass er schnell zur Stimme der Wissenschaft für die Nation wurde. In Johnny Carsons Tonight Show (sehr erfolgreiche Late-Night-Show im US-Fernsehen) zog er Zuschauer in den gesamten Vereinigten Staaten mit seinen Beobachtungen, Einsichten und oft amüsanten Anekdoten in seinen Bann. Damit machte er Carsons früherem Wissenschaftsexperten den Garaus – keinem geringeren als Astrophysiker Robert Jastrow, den bereits erwähnten GMI-Mitbegründer.23 Womit wir wieder beim Hauptanliegen unserer Geschichte angelangt sind.
Carl Sagan wurde in den 1980er Jahren zunehmend politischer, als er die wachsende Bedrohung durch die atomare Aufrüstung erkannte. Er nutzte seine öffentliche Bekanntheit, seine Medienkompetenz und seine unübertroffene Kommunikationsfähigkeit, um das Bewusstsein für die existenzielle Bedrohung durch einen globalen thermonuklearen Krieg zu schärfen. Sagan erklärte der Öffentlichkeit, dass die Bedrohung weit über den unmittelbaren Tod und die Zerstörung oder die daraus resultierende nukleare Strahlung hinausging. Die Detonation nuklearer Sprengköpfe während eines solchen Krieges, argumentierten Sagan und seine Kollegen in der wissenschaftlichen Literatur, könnte genug Staub und Trümmer produzieren, um durch Blockierung des Sonnenlichts eine Abkühlung und folglich einen Zustand ewigen Winters oder, wie sie es nannten, »nuklearen Winters« herbeizuführen.24
Oder anders ausgedrückt, die Menschheit könnte das gleiche Schicksal erleiden wie die Dinosaurier nach einem massiven Asteroideneinschlag: ein sonnenlichtblockierender Staubsturm, der ihre Vorherrschaft vor 65 Millionen Jahren beendete. Sagan trug durch seine verschiedenen Interviews und einem Artikel für die weit verbreitete Sonntagszeitungsbeilage Parade zum öffentlichen Verständnis dieses Szenarios bei.
Sagan befürchtete, dass Reagans strategische Verteidigungsinitiative (SDI), die von vielen Falken des Kalten Krieges (Vertreter eines harten politischen Kurses gegen den sogenannten Ostblock) und Rüstungsunternehmen unterstützt wurde, zu einer Eskalation der Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion und zu einer gefährlichen Anhäufung von Atomwaffen führen würde, was wiederum auf das Szenario des nuklearen Winters hinauslaufen könnte, dass er so sehr fürchtete. Aber, wie Oreskes und Conway in Merchants of Doubt bereits anmerkten, sahen die Physiker des Kalten Krieges bei GMI diese legitimen Bedenken bezüglich der SDI als Panikmache von mit der Sowjetunion sympathisierenden Friedensaktivisten an.25 In ihren Augen war schon das bloße Gedankengut eines nuklearen Winters eine Bedrohung für unsere Sicherheit. In Zusammenarbeit mit konservativen Politikern und industriellen Einzelinteressen versuchte das GMI-Trio, die besorgniserregenden Argumente zu diskreditieren, indem es die zugrundeliegende Wissenschaft attackierte. Dabei schreckten sie auch nicht vor Versuchen zurück, Carl Sagan persönlich in Verruf zu bringen. Die Angriffe fanden im Rahmen von Briefings an den Kongress und in den etablierten Zeitungen statt, wo sie Artikel veröffentlichten, um die Ergebnisse von Sagan und seinen Kollegen zu untergraben. Diese Kampagne beinhaltete sogar die Einschüchterung öffentlicher Fernsehsender, die eine Sendung über den nuklearen Winter in Erwägung zogen.26
Interessanterweise ist Sagans Anti-SDI-Kampagne höchst relevant für das zentrale Thema dieses Buches, denn die Simulationen zum nuklearen Winter, die Sagan und seine Kollegen durchführten, basierten auf globalen Klimamodellen der ersten Generation. Wenn man also der Wissenschaft des nuklearen Winters nicht zugeneigt war, würde man von der Wissenschaft des Klimawandels umso weniger angetan sein, die dieselben mächtigen umweltverschmutzenden Interessen anprangerte, die Organisationen wie GMI verteidigten. Mit dem Ende des Kalten Krieges gegen Ende der 1980er Jahre brauchten die GMI-Leute ein anderes Thema, auf das sie sich konzentrieren konnten, wie Oreskes und Conway feststellten. Mit saurem Regen und Ozonabbau waren sie noch bis Anfang der 1990er Jahre beschäftigt. Aber als diese Themen aus dem Blickfeld verschwanden, was zum großen Teil daran lag, dass, wie bereits erwähnt, schließlich sogar Republikaner Gegenmaßnahmen unterstützten, benötigten die GMI-Leute und ihre Gesinnungsgenossen ein weiteres wissenschaftliches Schreckgespenst, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Der Klimawandel passte hervorragend ins Bild.
Kapitel 2
Die Klimakriege
Es gibt keinen Krieg, der alle Kriege beenden wird.
— Haruki Murakami
Wenn die Reichen Krieg führen, sind es die Armen, die sterben.
— Jean-Paul Sartre
Und so fängt es an
Anfang der 1990er Jahre war ich Doktorand und arbeitete an meiner Dissertation auf dem Gebiet der Klimawissenschaften im Fachbereich für Geologie und Geophysik an der Yale-Universität. Ich war vom Fachbereich Physik weggelockt worden, wo ich das Verhalten von Materie auf Quantenebene untersucht hatte. Stattdessen sollte ich nun das Verhalten unseres Klimasystems im globalen Maßstab untersuchen. Für einen ehrgeizigen jungen Physiker war die Klimawissenschaft ein noch wenig bearbeitetes Feld. Es gab noch große offene Fragen, zu denen ein junger Wissenschaftler mit Kenntnissen in Mathematik und Physik wesentliche Beiträge an der Spitze der Wissenschaft leisten konnte. Dies war meine Gelegenheit, die Vision zu verwirklichen, die Carl Sagan mir als Jugendlicher eingeflößt hatte – eine Vision der Wissenschaft als eine Suche nach dem Verständnis unseres Platzes in der umfassenden planetarischen und kosmischen Umgebung.
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