1 ...7 8 9 11 12 13 ...27 Klassenunterschiede und Klassengegensätze kommen jetzt auf. Je produktiver die landwirtschaftliche Arbeit wird, desto größere Überschüsse über den Bedarf des Landwirtes hinaus liefert sie. Diese Überschüsse dienen auf der einen Seite dazu, Handwerker zu ernähren, die sich auf die Herstellung mancher Gebrauchsgegenstände besonders werfen, wie Schmiede und Töpfer; andererseits kann man die Überschüsse dazu verwenden, Gebrauchsgegenstände oder Rohmaterialien einzutauschen, die nicht im Lande hergestellt werden können, weil die Natur sie nicht liefert oder das Geschick dazu fehlt. Solche Produkte werden aus anderen Gegenden durch Kaufleute gebracht. Das Aufkommen des Handwerkes und des Handels trägt dazu bei, die Ungleichheiten im Grundbesitz zu vermehren. Zu der Ungleichheit zwischen größerem und kleinerem Besitz gesellt sich nun auch die der größeren Nähe oder Entfernung von den Punkten, an denen Handwerker und Kaufleute sich zusammenfinden, um dort ihre Waren gegen die Überschüsse der Bauern auszutauschen. Je schlechter die Verkehrsmittel, desto schwieriger ist es, die Produkte zu Markte zu bringen, desto mehr ist der nahe am Markte Wohnende dort begünstigt.
So bildet sich aus den durch alle oder mehrere dieser Momente Begünstigten eine Klasse von Grundbesitzern, die größere Überschüsse erzielt als die Masse der Bauern, mehr Produkte des Handels und Handwerkes dafür eintauscht, mehr Muße hat als die Durchschnittslandwirte, über mehr Hilfsmittel der Technik bei der Arbeit wie im Kriege verfügt, mehr geistige Anregungen empfängt durch da Zusammenwohnen oder doch den oftmaligen Verkehr mit Künstlern und Kaufleuten und so ihren geistigen Horizont erweitert. Diese Klasse begünstigter Grundbesitzer gewinnt jetzt Zeit, Fähigkeit und Mittel, Geschäfte zu besorgen, die über die Grenzen der bäuerlichen Beschränktheit hinausgehen. Sie gewinnt Zeit und Kraft zur Zusammenfassung mehrerer Bauerngemeinden in einem Staatswesen, zu dessen Verwaltung und Verteidigung sowie zur Regelung seiner Beziehungen mit benachbarten und auch ferneren Staaten. Alle diese Klassen, größere Landwirte, Kaufleute, Handwerker, leben von den Überschüssen der landwirtschaftlichen Arbeit, zu denen sich bald auch Überschüsse des Handwerkes gesellen. Kaufleute und größere Grundbesitzer ziehen immer mehr von diesen Überschüssen an sich, je wichtiger ihre Funktionen in der Gesellschaft werden. Bald benützen die größeren Grundbesitzer nicht bloß ihre wirtschaftliche Überlegenheit, sondern auch ihre machtvolle Stellung im Staate dazu, der Masse der Bauern und Handwerker Überschüsse ihrer Arbeit abzunehmen. Sie gewinnen dadurch Reichtum weit über das bäuerliche und handwerksmäßige Maß hinaus, verstärken damit wieder ihre gesellschaftliche Macht und ihre Fähigkeit, weitere Überschüsse an sich zu ziehen, weiteren Reichtum zu gewinnen.
So erwachsen über den Bauern und Handwerkern verschiedene Schichten von großen Ausbeutern, Großgrundbesitzer und Kaufleute, daneben noch Wucherer, von welch letzteren wir in anderem Zusammenhang handeln werden. Je mehr deren Reichtum zunimmt, desto größer auch ihr Bedürfnis, ihren Haushalt zu erweitern, der mit dem landwirtschaftlichen Betrieb noch innig zusammenhängt. Wer einen eigenen Haushalt haben will, muß in dieser Zeit noch über einen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb verfügen, der am gesichertsten ist bei eigenem Grundbesitz. Alles drängt daher nach Grundbesitz, auch Handwerker, Wucherer und Kaufleute. und alle trachtet, den Grundbesitz zu vergrößern, denn noch herrscht die Produktion für den Selbstgebrauch vor; will man vermehrten Wohlstand, einen reicheren Haushalt haben, muß man eine größere Bodenfläche besitzen.
Da Streben nach Gewinnung und Ausdehnung de Grundbesitzes ist die vorherrschende Leidenschaft dieser Periode, die sich von dem Zeitpunkt der Seßhaftmachung der Gesellschaft auf der Grundlage des Ackerbaus, von der Begründung der bäuerlichen Landwirtschaft bis zu dem der Bildung des industriellen Kapitals erstreckt. Die antike Gesellschaft ist auch auf dem Gipfelpunkt ihrer Entwicklung während der Kaiserzeit über diese Periode nie hinausgekommen. Das war erst der neueren Zeit, seit der Reformation, vorbehalten.
Aber der Grundbesitz ist nichts ohne Arbeitskräfte, die ihn bebauen. Wir haben schon auf die eigenartige Arbeiterfrage hingewiesen, die aus dem Erstehen des größeren Grundbesitzes erwuchs. Bereits vor dem Beginn der historischen Zeit finden wir bei den Reicheren das Suchen nach Arbeitskräften, die man dem Haushalt über das Bereich der durch Blutbande an ihn gefesselten Familienmitglieder hinaus einverleiben und auf die man stets zählen konnte.
Solche Arbeitskräfte waren zunächst durch Lohnarbeit nicht zu gewinnen. Wohl finden wir schon früh Fälle von Lohnarbeit, aber immer nur als ausnahmsweise und vorübergehende Erscheinung, etwa zur Aushilfe bei Erntearbeiten.
Die Produktionsmittel, die ein selbständiger Betrieb erheischte, waren zu geringfügig, als daß sie nicht eine tüchtige Familie in der Regel hätte erwerben können. Und der familiale und kommunale Zusammenhang war noch zu stark, als daß einzelne Unglücksfälle, die eine Familie trafen und sie besitzlos machten, nicht meist durch Hilfe von Verwandten und Nachbarn wieder gutgemacht worden wären.
Gab es aber mir ein geringes Angebot von Lohnarbeitern, so auch nur eine geringe Nachfrage danach. Denn noch waren ja Haushalt und Betrieb eng vereinigt. Wollte man zusätzliche Arbeiter dem Betrieb einverleiben, dann mußten sie auch dem Haushalt einverleibt werden, sie mußten nicht bloß ohne eigene Produktionsstätte, sondern auch ohne eigene Familie bleiben, ganz in einer fremden Familie aufgehen. Dazu taugten freie Arbeiter nicht. Auch noch im Mittelalter ließen sich die Handwerksgesellen die Angehörigkeit zur Familie des Meisters nur als vorübergehenden Stadium gefallen, als Übergang zur Meisterschaft und zur Begründung einer eigenen Familie. Dauernd ließen sich auf dieser Stufe zusätzliche Arbeitskräfte für eine fremde Familie nicht als Freie durch ein Lohnverhältnis sichern. Nur zwangsweise Fesselung konnte die erforderlichen zusätzlichen Arbeitskräfte für die größeren landwirtschaftlichen Betriebe schaffen. Diesem Zwecke diente die Sklaverei. Der Fremde galt ja für rechtlos, und bei der Kleinheit der Gemeinwesen jener Zeit war der Begriff des Fremden ein weitausgedehnter. Im Kriege wurden nicht bloß die gefangenen Wehrmänner, sondern oft auch die ganze Einwohnerschaft des überwundenen Landes zu Sklaven gemacht und entweder unter die Sieger verteilt oder verkauft. Aber auch im Frieden gab es Mittel, Sklaven zu erbeuten. Namentlich der Seehandel bot ein solches. Er war in seinen Anfängen vielfach mit Seeraub verbunden, und eines der meistgesuchten Beuteobjekte bildeten arbeitsfähige und schöne Menschen, die man bei Küstenfahrten aufgriff, wenn sie wehrlos am Strande gefunden wurden. Daneben verfiel auch die Nachkommenschaft, die Sklaven mit Sklavinnen zeugten, der Sklaverei.
Materiell war die Lage dieser Sklaven anfangs keine allzu schlechte, und sie fanden sich mitunter leicht in ihr Los. Als Mitglieder eines wohlhabenden Haushaltes, vielfach der Bequemlichkeit oder dem Luxus dienend, wurden sie nicht übermäßig angestrengt. Soweit sie produktiv arbeiteten, geschah es oft – bei den Großbauern – in Gemeinschaft mit dem Herrn; stets nur für den Selbstverbrauch der Familie, der seine bestimmten Grenzen hatte. Neben dem Charakter der Herren entschied über die Lage der Sklaven der Wohlstand der Familien, denen sie angehörten. Sie hatten alles Interesse daran, ihn zu mehren, weil sie dadurch auch ihre eigene Lage verbesserten. Andererseits trat der Sklave durch den ständigen persönlichen Verkehr mit seinem Herrn ihm menschlich näher und konnte ihm, wenn er Witz und Klugheit besaß, entbehrlich, ja förmlich zum Freunde werden. Man kann bei den antiken Dichtern zahlreiche Beispiele dafür finden, welche Freiheiten sich Sklaven ihrem Herrn gegenüber herausnahmen und mit welcher Innigkeit oft beide Teile aneinander hingen. Nicht selten wurden Sklaven zum Lohn für treue Dienste mit einem ansehnlichen Geschenk freigelassen, andere ersparten so viel, um sich loskaufen zu können. Nicht wenige aber zogen die Sklaverei der Freiheit vor, das heißt sie zogen es vor, als Mitglieder einer reichen Familie zu leben, statt, aus deren Schoße verbannt, allein eine dürftige und ungewisse Existenz zu führen.
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