Exkurs: Voice Handicap Index (VHI)
Neben der Einschätzung der Stimme durch eine fremde Person kann man natürlich auch den Menschen, dessen Stimme beeinträchtigt ist, befragen, wie er selbst seine Stimme einschätzt. Damit dies einigermaßen zuverlässig und nachvollziehbar möglich ist, wurden Fragebögen zur Selbsteinschätzung des Patienten entwickelt, wie z. B. der Voice Handicap Index, kurz VHI (Jacobson et al. 1997). Der ursprünglich auf Englisch verfasste Fragebogen liegt in einer deutschen Übersetzung vor (Nawka et al. 2003). Der VHI ist ein hinsichtlich der Eigeneinschätzung der Stimme normiertes Fragebogeninstrument. Hohe Werte (Range 0–120) repräsentieren eine subjektiv stark ausgeprägte stimmliche Beeinträchtigung. Der VHI kommt häufig als standardisierter Fragebogen im Rahmen des ELS-Protokolls (s. S. 75) zum Einsatz.
Es wurde auch eine sängerspezifische Version des VHI in englischer Sprache entwickelt (Cohen et al. 2007), welche aktuell von der Arbeitsgruppe um Nawka in einer deutschen Version evaluiert wird.
Tasten, Fühlen
Untersuchung mit den Händen
Zur Untersuchung und Beurteilung der Stimmproduktionsmechanismen kann man auch sehr effektiv seine Hände einsetzen. Über den Tastsinn ist es möglich – in Anlehnung an die Methoden der manuellen Medizin (Lehnert 2011) –, den Spannungsstatus der Hals- und Nackenmuskulatur, der Muskulatur des Mundbodens und der Beweglichkeit des Unterkiefergelenkes zu beurteilen. Zudem erhält man wertvolle Informationen über die Stellung und Flexibilität des Kehlkopfes bei der Tonproduktion. Diese tastende Beurteilung erfordert in besonderem Maße das Einverständnis desjenigen, der die Stimme produziert, da der Körperkontakt als unangenehm empfunden werden kann und dadurch eine muskuläre An- bzw. Verspannung entstehen kann. Wenn man diesen Vorgang jedoch offen anspricht, entstehen selten Abwehrhaltungen. Über die tastende Beurteilung hinaus ermöglicht die von erfahrener Hand durchgeführte Palpation natürlich auch therapeutische Interventionen.
Kinästhetische Kontrolle
Neben den Facetten des Hörens steht dem Sänger für die Stimmkontrolle ein weiterer Kontrollmechanismus zur Verfügung, die kinästhetische Kontrolle (Mürbe 2009; vgl. Kap. 7, S. 153). Darunter versteht man Informationen von Mechanorezeptoren der Muskulatur, der Gelenke und der Schleimhäute, welche Informationen z. B. über die Spannung der Stimmlippen und den Anblasdruck an das Gehirn leiten ( Abb. 60). In etlichen Situationen sind Sänger ganz offensichtlich auf die Leistungen des kinästhetischen Regelkreises angewiesen, z. B. wenn die Orchesterlautstärke zu groß ist, beim Chorgesang oder wenn bei schnellen Koloraturpassagen im Belcanto das Hörsystem als Korrekturinstrument zu langsam ist.
Dieses kinästhetische System lässt sich, vergleichbar mit der oben beschriebenen Hörschulung, sehr effektiv ausbilden, wie die Untersuchungen der Arbeitsgruppe um Dirk Mürbe aus dem Studio für Stimmforschung in Dresden belegen (vgl. Kap. 7, S. 153). Es kann als ein wesentliches Ausbildungsziel für Sänger angesehen werden, dass sie es lernen, bereits vor der eigentlichen Tonproduktion die richtige Körperstellung und -spannung einzunehmen, die ein bestimmter Ton erfordert.
Abb. 60: Regel- und Steuerkreise der Stimmproduktion (in Anlehnung an Schultz-Coulon 1978). Die Buchstaben bezeichnen die Mechanorezeptoren der Lunge (L), der Muskulatur (M), der Schleimhäute (S) sowie der Gelenke (G).
Der pädagogisch Tätige sollte seinerseits ein so hohes Maß an Einfühlungsvermögen in die körperlichen Aktionen des Schülers ausbilden, dass er die Spannungen und möglichen Fehlspannungen bei der Tonproduktion nicht nur hört, sondern auch spürt. In den Jahren seit 1995 konnten durch die Entdeckung der Spiegelneuronen interessante Erkenntnisse darüber gewonnen werden, dass dieser »empathische« Vorgang tatsächlich nicht auf Einbildung beruht, sondern zu unserer grundlegenden neurophysiologischen Ausstattung gehört (Rizzolatti u. Sinigaglia 2008).
Sehen
Abb. 61: Offene sängerische Präsentation auf der Bühne
Neben dem Höreindruck und dem Tasten/Fühlen/ Spüren, ist die visuelle Beurteilung von Körperhaltung und -ausdruck wichtig ( Abb. 61). Sie kann wesentlich zur holistischen Beurteilung der Stimmproduktion beitragen. Bei der Stimmgebung eines professionellen Bühnenkünstlers – insbesondere eines Sängers – ist dabei im Unterschied zum stimmlichen Laien zumeist eine aufrechte Haltung zu beobachten, die gespannt, aber nicht angespannt wirkt – ganz im Sinne des Kleist’schen MARIONETTENTHEATERS (Kleist 1810). Im Gesangsstudium des Autors wurde in diesem Zusammenhang von der Gesangprofessorin Beata Heuer-Christen immer der Begriff lanciare il petto nel pubblico2 aus der italienischen Gesangstradition verwendet, was sinngemäß bedeutet, sich offen und ohne Scheu dem Publikum zuzuwenden.
Optische Darstellung der Stimmlippenschwingungen
Wie bereits in Kapitel 1, S. 19 ff., ausführlich dargelegt, waren nicht nur die erste Spiegelung des Kehlkopfes, sondern auch die Anwendung der Stroboskopie Meilensteine für die Stimmwissenschaft, für die stimmwissenschaftlich geprägte Gesangspädagogik und für die klinische Beurteilung von Stimmen. Seit der bahnbrechenden Erstbeschreibung der Kehlkopfspiegelung gehört das »Hineinschauen in den Kehlkopf« ( Abb. 62) unverzichtbar zu einer umfassenden Stimmbeurteilung.
Abb. 62: Endoskopische Kehlkopfuntersuchung mit starrer 90°-Optik; Endoskop der Fa. Atmos
Stroboskopie
Da die Stimmlippenschwingungen für die Auflösungsfähigkeit des menschlichen Auges zu schnell sind (vgl. Kap. 1, S. 21), benötigt man bei der Visualisierung der Stimmlippenschwingungen durch die Kehlkopfspiegelung Verfahren, welche die Schwingungen verlangsamt darstellen. Die Entdeckung eines solchen Verfahrens zur verlangsamten Darstellung einer Bewegung, des sogenannten stroboskopischen Effekts, erfolgte durch den englischen Arzt Peter Mark Roget (1779–1869), der seine Beobachtungen und Berechnungen zu diesem Phänomen 1825 veröffentlichte (Roget 1825). Der Begriff Stroboskopie ist aus dem Griechischen entlehnt (griech. strhóbos, »Wirbel, Sichdrehen«, u. skopeĩn, «betrachten, beobachten«). Einer der ersten Anwender des stroboskopischen Prinzips, Simon Ritter von Stampfer (1790–1864), prägte 1832 diesen Begriff, da er die Bewegungsdarstellung durch eine mit Schlitzen versehene Drehscheibe erzeugte, die sogenannte »Stroboscopische Scheibe von Prof. Stampfer«, auch als »Lebensrad« oder »optische Zauberscheibe« bezeichnet. Ein modernes Stroboskop erzeugt in sehr regelmäßiger zeitlicher Abfolge Lichtblitze. Wird ein bewegtes Objekt kurz beleuchtet, kann seine Bewegung in einzelnen Bildern dargestellt werden. Beim Verfahren der Laryngo-Stroboskopie wird die Blitzlichtbeleuchtung durch die Frequenz der Stimmlippenschwingungen gesteuert (»getriggert«), indem die Blitze im Vergleich zur Frequenz der Stimmlippenschwingungen immer etwas langsamer sind – sozusagen »hinterherhinken«. Dadurch entstehen Einzelbilder aus verschiedenen glottalen Zyklen, die zu einem virtuellen glottalen Zyklus zusammengesetzt werden ( Abb. 63). Durch diese Technik wird deshalb immer nur ein geringer Ausschnitt der tatsächlichen Stimmlippenschwingungen dargestellt.
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