Angeschwollen vom Regen eilte er, gelb und trübe wie der Missouri, in einer Breite von 230 Ellen raschen Laufes dahin. Die Tiere wurden in den Strom getrieben und erreichten, einigen meiner Leute folgend, die zu Pferde übersetzten, glücklich das andere Ufer. Die Karren wurden abgeladen, auseinandergenommen und dann auf einem Boot, das wir mit uns führten, einzeln hinübergefahren. Als über dieser Arbeit die Dämmerung schon hereinbrach, ließ ich die letzten zwei Karren zusammen in das Boot laden, doch es schlug um, und sein ganzer Inhalt trieb die Strömung hinab. Unverweilt stürzte sich unsere ganze Mannschaft ins Wasser und rettete fast alles, selbst Flinten und Blei. Da einige infolge dieses kalten Bades sich unwohl fühlten, blieben wir am folgenden Tag im Lager. Eine Anzahl Kansas-Indianer besuchte uns. Einer derselben sprach zu unserer Überraschung so fließend Französisch wie einer der Unsrigen, und es ergab sich, dass er als Knabe in St. Louis gelebt hatte. Von ihnen konnten wir mancherlei Lebensmittel eintauschen, unter anderem auch 30 Pfund Kaffee, nachdem der unsrige ein Raub der Fluten geworden war. – Am anderen Morgen verlegten wir unser Lager 7 Meilen weiter stromaufwärts auf eine anmutige Prärie, die den Pferden eine reichliche Weide darbot, und verweilten da auch den folgenden Tag. Unsere Leute waren mit dem Trocknen der wieder aufgefischten Gegenstände beschäftigt und stellten dann Schießübungen an, die hier mitten in dem Indianerland wohl an der Zeit waren. An dem steilen Flussufer befanden sich unzählige Schwalbennester. In eins derselben war eine ansehnliche Prärieschlange mit halbem Leibe gekrochen und eben beschäftigt, die jungen Vögel zu verschlingen, während die Alten sie ängstlich umflatterten, vergeblich bemüht, sie zu vertreiben. Wir töteten das Tier durch einen Schuss und fanden in seinem Leib 18 junge Schwalben. – Von einem Jäger, der uns besuchte, erfuhren wir, dass eine Schar von 64 Auswanderern drei Wochen vor uns auf dem Weg nach dem Columbia-Fluss begriffen war, unter ihnen aber viele erkrankt und einige Kinder gestorben seien.
Am 18. traf ich nahe der Mündung des Vermilion einen der vielen kleinen Nebenflüsse des Kansas, die größtenteils schön bewaldet wie Gräben durch die Prärie laufen, auf ein großes, aber verlassenes Dorf der Kansas. Es lag zerstreut in einem offenen Gehölz längs dem Ufer des Flusses, an einer Stelle, die mit der den Indianern eigenen Vorliebe für landschaftliche Schönheit ausgewählt war. Die Pawnees, ein anderer indianischer Stamm, hatten es im letzten Frühling überfallen. Einige Häuser waren verbrannt, andere vom Rauch geschwärzt, und von den gelichteten Stellen nahm schon wildes Gestrüpp wieder Besitz. Unser Weg führte uns am anderen Tag über Hügelland in einer Entfernung von 8 bis 12 Meilen vom Kansas. Hier und da lagen große Sandsteinblöcke zerstreut, und die Blüte mancher schönen Pflanze, unter welchen eine Art purpurrot blühender Blumenginster (Amorpha canescens) am häufigsten in diesem ganzen Landstrich vorkam, belebten das Grün der Prärie. Wir befanden uns etwa 1400 Fuß über dem Meer. Am Abend des 20. lagerten wir an der Westseite des Big Blue, eines klaren und anmutigen Flusses, der in schnellem Lauf durch ein schön bewaldetes Tal eilt. Carson erlegte eine Antilope, von denen wir mehrere zu Gesicht bekamen. Am folgenden Nachmittag führte unser Weg über einen dürren, wasserlosen Höhenzug, und wir hatten viel unter der Hitze zu leiden. Dunkle Linien von Waldungen zeigten den Lauf der Ströme unter uns in den Ebenen an. Außer der Amorpha findet sich häufig auch die Rose, die schönste Blume in den Prärien, und gibt ihnen ein gartenähnliches Aussehen, daneben der Wermut (Artemisia), dessen vom Wind bewegte Blätter in der Sonne wie Silber glänzen. Alle diese Pflanzen haben ihre eigentümlichen Insekten, die gewöhnlich dieselbe Farbe wie die Blumen haben, auf welchen sie leben. Je weiter wir nach Westen vordrangen, desto sandiger wurde der stets aufwärtssteigende Boden. Wir folgten immer den frischen Spuren der Oregon-Auswanderer und wählten öfter dieselbe Stelle zum Lagerplatz, wo sie die Nacht verweilt hatten. Wo wir auf dem sandigen Boden zuerst Kaktusarten gefunden hatten, erreichten wir am 23. abends halb verschmachtet den Little Blue, den Kleinen Blauen Fluss, in den Mann und Ross alsbald fröhlich sprangen, um sich zu baden und den Durst zu löschen. Wir waren jetzt in dem Gebiet der Pawnees, welche in dieser Gegend den Reisenden Pferde zu stehlen pflegen oder, wenn sie sich stark genug fühlen, dieselben offen angreifen und plündern. Wir stellten deshalb zum ersten Mal nachts eine Wache auf. – Am anderen Morgen gingen wir das von anmutigen grünen Hügeln begrenzte Tal aufwärts. Der gegen 50 Fuß breite Fluss war von kanadischen Pappeln und Weiden eingefasst und zuweilen von einem kleinen Eichengehölz umgeben, in denen sich Scharen von Truthühnern aufhielten. Auch zeigte sich zahlreicheres Wild; Elche sahen wir häufig an den Hügeln. Und hier und da kreuzte eine Antilope unseren Weg. Abends lagerten wir an einem Nebenflüsschen, wo der mit Schachtelhalm (Equisetum) bedeckte Boden unseren ermatteten Pferden eine gute Weide darbot. Nachts erhob sich ein heftiger Sturm, der Regen fiel in Strömen, ununterbrochen rollte der Donner, der ganze Himmel zitterte vom Wetterleuchten, und blendenden Blitzen folgte wieder tiefe Finsternis. Carson hatte mit unseren zwei jungen Begleitern bis Mitternacht die Wache. Diese hatten die erste Probe ihres Mutes abzulegen. Erzählungen von den blutigen Gefechten mit den Indianern waren in unserem Lager im Schwang, waldige Schluchten umgaben uns von allen Seiten, und zuweilen hörte ich Randolphs Stimme, wie er Carson auf ein vermeintliches Geräusch in der Finsternis aufmerksam machte.
Auch wir erfuhren am folgenden Morgen eine der Täuschungen, welchen alle Reisenden in diesen Wildnissen unterworfen sind. Nachdem wir talaufwärts aufgebrochen waren, kam einer der Unsrigen eilig uns nachgesprengt mit dem Ruf: »Indianer, Indianer!« Er war ihnen nahe genug gewesen, um sie zu zählen. Es waren ihrer, wie er sagte, 27. Ich ließ sogleich haltmachen und alle Vorbereitungen zu ihrem Empfang treffen. Kit Carson schwang sich auf ein ungesatteltes Jagdpferd, setzte über den Fluss und galoppierte die gegenüberliegende Höhe hinauf in die Prärie, um die Bewegungen des Feindes zu beobachten. Doch schnell ward er gewahr, dass die vermeinten 27 indianischen Krieger nichts anderes als sechs Elche waren, die jetzt in schneller Flucht davoneilten. – Diesen und den folgenden Tag blieben wir noch in demselben Flusstal. Eine Distelart (Carduus leucographus) trat hier zuerst auf und nahe dem Fluss die Seiden- oder Milchpflanze (Asclepias syriaca). Dieselbe hat eine blasspurpurrote Doldenblüte, aus welcher die Eingeborenen einen Zucker bereiten, auch sammeln sie die silberfarbige Samenwolle, um ihre Betten damit zu stopfen. Durch einen geringen Zusatz von Seide lässt sie sich zu Tuch verarbeiten. In Kanada werden ihre zarten Triebe im Frühjahr wie bei uns der Spargel gegessen. Auch in Syrien und Arabien kommt sie vor und ist jetzt auch in unseren Gärten heimisch. – Am dritten Tag verließen wir den Blauen Fluss und zogen über eine hohe Prärieebene, welche die Wasserscheide zwischen diesem und dem Nebraska oder Platte-Fluss bildet. Wir erreichten diesen ansehnlichen, ebenfalls in den Missouri mündenden Fluss nach einem Marsch von 21 Meilen. »Er würde als die geradeste und vorteilhafteste Verbindungslinie zwischen Missouri und Oregon von unschätzbarem Wert sein, wenn er nicht der seichteste unter allen großen Strömen wäre, sodass er für die Schifffahrt ganz ungeeignet ist.«
Von der Mündung des Kansas waren wir nun 328 Meilen (71 deutsche) vorgedrungen, und befanden uns etwa 2000 Fuß hoch. Auf unserem ganzen Weg hatten Kalk und Sandstein, welche eine Lage von Sand und Kies bedeckte, das vorherrschende Gestein gebildet. Der Fluss war weit über 1 Meile und sein Tal gegen 4 Meilen breit, und dieses sowie die Inseln, die er bildet, waren meist bewaldet. Als wir denselben aufwärtsgehend am 28. Juni an einer offenen Stelle unsere Mittagsrast hielten, schallte plötzlich aus dem Gehölz der Ruf: »Leute!« Alsbald war in unserem Lager alles für einen Überfall gerüstet, und mehrere unserer Reiter galoppierten mit lautem Geschrei den Ankommenden entgegen. Doch es zeigte sich, dass es eine kleine Schar von 14 Voyageurs unter der Leitung eines gewissen John Lee war, die mit Fellen und ihren Lebensmitteln beladen zu Fuß diese Einöden durchzogen. Sie hatten vor 60 Tagen etwa 300 Meilen weiter stromaufwärts sich auf Barken mit Pelzwerk für die amerikanische Pelzkompanie eingeschifft und auf diesem Wege schnell nach St. Louis zu kommen gehofft. Aber Sandbänke, Untiefen und Hindernisse aller Art hatten sie endlich genötigt, fast ihre ganze Ladung in einem Versteck zu verbergen und ihre Reise zu Fuß fortzusetzen. Dieser abgehärtete und kühne Menschenschlag größtenteils französischer Abkunft durchzieht im Dienst der Pelzkompanien außer den Indianern fast allein die ungeheuren Strecken zwischen dem Missouri und dem Stillen Ozean. Wir versahen sie wieder mit etwas Tabak, ohne den, wie sie sagen, »das Nachtfeuer düster brennt«, und erhielten dagegen einige ausgewählte Stücke Büffelfleisch. Neuigkeiten wurden ausgetauscht, alte Bekanntschaften erneuert; nach einer Stunde bestiegen wir unsere Pferde, sie nahmen ihre Bündel wieder auf die Schultern und wir schüttelten uns zum Abschied die Hand. Unter ihnen fand ich einen alten Gefährten der nördlichen Prärien wieder, einen abgehärteten Veteranen der Gebirge, der zerhackt und vernarbt war, wie ein Schnauzbart von Napoleons alter Garde. Er führte den Spitznamen »La Tulipe«, die Tulpe; seinen eigentlichen Namen habe ich nie gehört. Ihn nahm ich wieder in meinen Dienst.
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