12. Die Pietät des Dsï Lu
Dsï Lu trat vor den Meister Kung und sprach: »Wer schwer zu tragen und einen weiten Weg hat, der ist nicht wählerisch im Platz für seine Ruhe; wer arm von Hause ist und alte Eltern hat, der ist nicht wählerisch in dem Posten, den er annehmen will. Früher, als ich noch meinen beiden Eltern dienen konnte, da hatte ich oft nur Gänsefuß zu essen und mußte den Reis für meine Eltern hundert Meilen weit hertragen. Später, nach dem Tode meiner Eltern, reiste ich einmal im Süden in Tschu, dabei hatte ich hundert Wagen im Gefolge und hatte zehntausend Maß Korn im Vorrat. Ich hatte Polster und Kissen zum Sitzen, ich hatte Mahlzeiten mit vielen Gängen zum Essen. Und doch würde ich lieber wieder Gänsefuß essen und für meine Eltern Reis schleppen. Aber es ist nicht mehr möglich. Wenn erst der Fisch getrocknet am Stricke hängt, dann wird er unwiderbringlich madig: Das Leben der beiden Eltern eilt vorüber wie ein Viergespann an einer Ritze.«
Meister Kung sprach: »Von Yus Liebe zu seinen Eltern kann man behaupten, daß er ihnen bei Lebzeiten mit aller Kraft gedient hat, und daß er nach ihrem Tode ihrer mit aller Anhänglichkeit gedenkt.«
13. Der unverhoffte Freund
Meister Kung reiste einst nach Tan. Da begegnete er unterwegs dem Meister Tscheng. Er schlug den Wagenschlag zurück und plauderte mit ihm den ganzen Tag sehr intim. Dann wandte er sich an Dsï Lu und sprach: »Hole ein Bündel Seidenstoffe und überreiche es dem Herrn.«
Dsï Lu erwiderte ehrerbietig: »Ich habe gehört, ein Gebildeter, der ohne Einführung einen anderen besucht, ist wie ein Mädchen, das ohne Vermittler heiratet. Der Edle hält das nicht für die korrekte Art zu verkehren.«
Nach einer Weile wandte sich der Meister abermals an Dsï Lu; Dsï Lu erwiderte abermals wie zuvor.
Da sprach Meister Kung: »Yu, heißt es nicht im Buch der Lieder:
Da ist ein hübscher Mann
Mit schön geschwungnen Brauen und anmutsvoll,
– Ganz unverhofft haben wir uns getroffen –,
Der mir von Herzen wohlgefällt 9.
Nun ist Meister Tscheng einer der bedeutendsten Männer im Reich; wenn ich ihm heute kein Geschenk mache, so kann ich ihn im Leben nicht mehr sehen. Tu es, mein Sohn.«
14. Der Alte am Wasserfall
Als Meister Kung von We nach Lu zurückkam, ließ er den Wagen am Ho-liang-Damm rasten und genoß die Aussicht. Es war ein Wasserfall da, 30 Klafter hoch, der Wirbel erzeugte 90 Meilen weit. Fische und Schildkröten konnten nicht kommen, Riesenschildkröten und Krokodile konnten nicht dort leben. Da kam ein Alter und machte sich fertig durchzuwaten. Meister Kung sandte hin, ihn am Ufer aufhalten zu lassen, und sprach: »Dieser Wasserfall ist 30 Klafter hoch und erzeugt einen Wirbel von 90 Meilen, also daß Fische und Schildkröten nicht hinkommen und Riesenschildkröten und Krokodile nicht darin leben können. Ich denke, er wird sich schwerlich überschreiten lassen.«
Der Alte nahm sichs nicht zu Herzen, sondern ging durch und kam richtig auch wieder heraus.
Meister Kung fragte: »Seid Ihr besonders geschickt, oder habt Ihr einen Zauber? Wie machtet Ihr es, daß Ihr durchgingt und wieder herauskamt?«
Der Alte sprach: »Als ich hineinging, da ging ich voran im festen Glauben, als ich dann wieder herauskam, da ließ ich mich treiben in festem Glauben. Ich vertraute meinen Leib dem Strom der Wellen an und wagte nicht, einen eigenen Willen zu haben; darum konnte ich hinein und auch wieder heraus.«
Da sprach Meister Kung zu seinen Jüngern: »Kinder, merkt es euch. Selbst dem Wasser kann man sich anvertrauen, wenn man sich im Glauben fest gemacht hat, wieviel eher noch gilt das den Menschen gegenüber.«
15. Der nicht entlehnte Regenschirm
Einst war Meister Kung dabei auszugehen. Es regnete, und er hatte keinen Schirm. Da sprach einer der Jünger: »Schang 10hat einen.«
Meister Kung sprach: »Schang ist ein Mann, der sehr an seinen Gütern hängt. Es heißt, im Verkehr muß man sich an die Vorzüge der Leute halten und ihre Schwächen übergehen, dann ist die Freundschaft dauerhaft.«
16. Das glückliche Vorzeichen
Der König von Tschu überschritt den Fluß. Im Fluß war ein Gegenstand, groß wie ein Scheffel, rund und rot, der stieß genau an das Boot des Königs, und ein Bootsmann fischte ihn heraus. Der König war sehr erstaunt und fragte alle seine Beamten der Reihe nach, aber keiner wußte, was es war. Da schickte der König einen Gesandten nach Lu, um den Meister Kung zu befragen. Der Meister sprach: »Dies wird die Ping-Frucht 11genannt. Man kann sie schälen und essen. Es ist ein glückliches Vorzeichen. Nur ein Hegemon kann eine bekommen.«
Der Gesandte kehrte zurück. Daraufhin aß der König die Frucht und fand sie sehr gut.
Nach längerer Zeit kam ein Gesandter nach Lu und erzählte dies einem Großbeamten. Der Großbeamte ließ den Dsï Yu den Meister fragen: »Meister, woher wußtet Ihr, daß es so ist?« Der Meister antwortete: »Als ich einst nach Dscheng ging und durch die Ebene von Tschen kam, da hörte ich einen Knaben singen:
Wenn der König von Tschu den Fluß überschreitet,
Findet er eine Ping-Frucht.
Groß ist sie wie ein Scheffel und rot wie die Sonne.
Er schält sie und ißt sie, sie ist süß wie Honig.
Es hat sich nun begeben, daß der König von Tschu dem entsprach, daher wußte ich es.«
17. Über das Leben nach dem Tode
Dsï Gung fragte den Meister Kung und sprach: »Haben die Toten Bewußtsein oder haben sie kein Bewußtsein?«
Der Meister sprach: »Wollte ich sagen, die Toten haben Bewußtsein, so wäre zu fürchten, daß ehrfürchtige Söhne und gehorsame Enkel die Lebenden zu kurz kommen ließen, um der Bestattung der Toten willen. Wollte ich sagen, die Toten haben kein Bewußtsein, so wäre zu fürchten, daß ungeratene Söhne ihre Eltern unbestattet liegenließen. Dein Wunsch zu wissen, ob die Toten Bewußtsein haben oder nicht, ist zunächst keine dringende Sache. Später wirst du es von selber wissen.«
18. Von Pferden und Menschen
Dsï Gung fragte den Meister Kung über die Regierung des Volkes. Meister Kung sprach: »Sei behutsam, als führtest du ein wildes Pferd an morschem Strick.«
Dsï Gung sprach: »So sehr muß man sich in Acht nehmen?« Meister Kung sprach: »Es kommt alles auf den Mann an, ob er es versteht, zu lenken. Wenn ich sie auf die rechte Art leite, so sind sie meine guten Haustiere. Wenn ich sie nicht auf die rechte Art leite, so sind sie meine Feinde. Und da sollte man sich nicht in Acht nehmen!«
19. Auslösung von Gefangenen
Im Staate Lu herrschte die Sitte, daß, wenn Gefangene auszulösen waren bei anderen Fürsten, das Geld dafür der Staatskasse entnommen wurde. Dsï Gung kaufte einst einen Gefangenen los und zahlte das Geld aus eigener Tasche.
Meister Kung hörte davon und sprach: »Du hast es falsch gemacht. Der Heilige betreibt die Dinge so, daß er die Sitten und Gebräuche reformiert; auf diese Weise können sich seine Lehren im Volk ausbreiten, und er ist nicht nur auf seine eigenen Handlungen angewiesen. Nun sind im Staate Lu nur wenige reiche Leute und viele Arme. Wenn es nun für geldgierig angesehen wird, Geld anzunehmen zur Auslösung von Gefangenen, womit soll man sie dann auslösen? Von nun an werden die Leute von Lu ihre Gefangenen von anderen Fürsten nicht mehr loskaufen.«
20. Regierung einer aufsässigen Bevölkerung
Dsï Lu hatte den Kreis Pu zu verwalten. Er trat vor Meister Kung und sprach: »Ich möchte Belehrung von Euch haben, Meister.«
Читать дальше