In Dsang-dschi begrüßt uns Pater Veldman. Der hochherzige Mann war am 3. Mai über Da-di-wa-tu vorausgefahren, um sich zu orientieren, da er wusste, dass dort ein Militärposten stand, dem die Kontrolle über Reisende oblag.
Bald aber musste er mir die wenig erfreuliche Mitteilung hinterbringen, dass mein Gepäck – entgegen der vom Gouverneur gegebenen Zusicherung – sofort untersucht werden solle, und zwar durch einen eigens hierher entsandten Offizier.
Der Pater war sehr ärgerlich und hatte dem Offizier erklärt, dass er dies nicht zulassen werde, und dass er für mich bürge.
Inzwischen waren wir nach der Ortschaft gekommen, wo sich mir der zuständige Offizier vorstellte. Ich gab ihm mein Grenzempfehlungsschreiben von der Chinesischen Gesandtschaft in Berlin. Auch meinen Pass vom Dao-tai aus Kuldscha wies ich vor.
Daraufhin bat der Offizier höflich, Wagen und Gepäck wenigstens von außen betrachten zu dürfen, was ich gestattete. Bald darauf kam vom Stationskommandanten die telephonische Verfügung, ich dürfe weiterfahren. Die Untersuchung des Gepäcks würde erst in Tihwa in der katholischen Mission erfolgen.
Strömender Regen. Noch einige feuchtgraue Stunden, und wir konnten in Tihwa, der Hauptstadt Sinkiangs, einziehen ...
3Von den Chinesen in der Zeit von 1756–1759 unterworfen.
5.
DER KAMPF UM DEN REISEPASS
»Der Generalgouverneur«, so lese ich in meinen Reiseaufzeichnungen über Tihwa, »ähnelt Li-hung-tschang. Er ist sehr schlau und energisch, doch lebt er nicht ohne Grund in ständiger Furcht vor Attentaten. Sein Jamen ist hermetisch abgeschlossen. Der rücksichtslose, in seiner Art zweifellos bedeutende Machtmensch ist weder in Peking noch hier bei der Bevölkerung beliebt.« –
Jetzt, etwa ein halbes Jahr nach meiner Heimkehr, erreicht mich die Nachricht, dass dieser Generalgouverneur oder Vizekönig in der Tat ermordet worden ist!
Ich will hier den Ereignissen vorgreifen und von seinem plötzlichen Tod berichten. Pater Veldman erzählte mir bei seinem vorübergehenden Aufenthalt in Europa, wie sich das Attentat auf den Generalgouverneur, den »Dudewin«, abgespielt haben soll. Gelegentlich eines Diners, das ihm zu Ehren gegeben wurde, fand er den Tod. Auch die katholischen Missionare waren geladen, durch amtliche Pflichten aber am Erscheinen verhindert. Unter den Ministern hatte sich eine Verschwörung gebildet mit dem Ziel, den Generalgouverneur bei erster Gelegenheit zu beseitigen. Im Komplott soll auch mein Freund, der Fan Dao-tai, gewesen sein. Das Bankett war in vollem Gange. Die Dienerschaft hielt unter ihren Servietten geladene Revolver. Dem misstrauischen Generalgouverneur fiel die eigentümliche Haltung der Diener auf, und er entdeckte tatsächlich das Attentat vorzeitig. Sofort stand er auf und wollte hinaus, um seinen Mantel zu holen. Aber in demselben Augenblick knallten auch schon die Schüsse. Er stürzte blutüberströmt zu Boden. Der tapfere Chef seiner Leibgarde, der sich zwischen die Schützen und seinen Herrn gestellt hatte, fing die letzten Geschosse auf. Der Dudewin starb. Peking hatte nach Eintreffen der Nachricht den Fan Dao-tai sofort zum Nachfolger des toten Generalgouverneurs ernannt. Als sich Fan Dao-tai nun zum Jamen begab, um die Amtssiegel an sich zu nehmen, wurde er vom Sekretär des getöteten Generalgouverneurs gefangengesetzt. Das gleiche Schicksal fand seine Tochter. Der Sekretär riss die Herrschaft an sich, ließ zunächst sämtliche Beamten und Diener Fan Dao-tais hinrichten und endlich vor den Augen des Vaters auch dessen Tochter töten. Beide wurden zum »Ling-schi« verurteilt, d. h. sie wurden bei lebendigem Leib in 10 000 Stücke zerschnitten. Nur ein Beamter Fan Dao-tais blieb am Leben: Joseph, der Geheimpolizist, ein Katholik.
Mit eigentümlich gemischten Gefühlen muss ich an meinen Aufenthalt in Tihwa zurückdenken. Ich lernte ihn sehr gut kennen, diesen »Dudewin«, in angenehmer und auch in anderer Weise. Er war unbedingt eine höchst interessante Persönlichkeit, wie sie allerdings in solch mittelalterlichem Typus heute wohl nur noch im »Reich der Mitte« denkbar ist.
Inmitten eines herrlichen Parks mit hohen uralten Bäumen lag seine prächtige Sommervilla am schattigen Ufer des Flusses. Reich gefüllte Ställe, Dienerwohnungen, Garten, Lustboot: Nichts fehlte, was zum Besitz eines großen Herrn gehört. Schon bei Lebzeiten hatte er für ein ansehnliches Denkmal gesorgt. Die »dankbare« Kaufmannschaft der Provinz Sinkiang hatte es ihm errichtet, »in der Furcht des Herrn«.
Von Peking aus hatte man ihn mehr als einmal abgesetzt. Aber er pfiff auf die Dekrete der »Zentralregierung«. Er hatte die Macht und hielt sie fest!
Man sagte ihm, ich weiß nicht mit welchem Recht, Aussaugen der Bevölkerung und willkürliche Justiz gegen die Mohammedaner nach.
Im Jahr 1924, also zwei Jahre vor meiner Anwesenheit, soll er einen alten Dunganen 4mit Generalvollmacht nach Kaschgar gesandt haben, um den dortigen chinesischen Gouverneur, der ihm zu mächtig geworden war, zu ermorden. Der Dungane führte nach den Erzählungen den Auftrag auch aus. Zum Dank soll der Generalgouverneur den Mörder nach der Rückkehr eigenhändig niedergeschossen haben, und zwar bei einem ihm zu Ehren gegebenen Gastmahl. Außerdem habe der Machthaber das Vermögen, das der alte Dungane zusammengerafft hatte, konfisziert ...
Mir wurde bald nach meiner Ankunft mitgeteilt, dass auch ich demnächst der Gast dieses Vizekönigs sein solle. Man kann sich vorstellen, mit welchen Empfindungen ich das vernahm.
Um dieselbe Zeit erzählte man mir auch noch eine andere schöne Bankettgeschichte von demselben hohen Gastgeber. Er hatte, ein paar Jahre zuvor, sieben Personen, die ihm unbequem wurden, zum festlichen Mahl geladen. Bei Tisch stand hinter jedem dieser Gäste ein Soldat mit gezücktem Schwert. Auf ein Zeichen ihres Herrn schlugen die Soldaten – so versicherte man mir – den ahnungslosen Gästen die Köpfe ab!
Ich blieb immerhin gefasst. Ich sah keinen rechten Grund, weshalb der Vizekönig bei mir dasselbe radikale Verfahren hätte anwenden sollen. Ich hoffte sogar, ganz leidlich mit ihm auszukommen.
Es wurde behauptet, dass der russische Generalkonsul zuweilen seinen Einfluss geltend mache. Dies war umso leichter, als ein namhafter Teil der in Tihwa ansässigen Mohammedaner damals mit Russland sympathisierte. Waren doch schon vor drei Jahren die Kirgisen und gesinnungsverwandte Stämme im Gebiet Sinkiangs, von den Russen aufgewiegelt, bereit gewesen, sich gegen die chinesische Herrschaft aufzulehnen. In letzter Stunde wurden die chinesischen Behörden von der Putschabsicht informiert und von diesen Gegenmaßnahmen getroffen.
Gerade in der Gegend Kaschgar gärte es ununterbrochen. Der Generalgouverneur hatte deshalb zur Vorsicht über sein Reich den Belagerungszustand verhängt.
Die Untersuchung meines Gepäcks war inzwischen im Auftrag des Generalgouverneurs und auf Befehl des Dao-tai, der zugleich Chef des Fremdenamtes und erster Berater des Generalgouverneurs war, von dem Englisch und Russisch sprechenden Mitglied der geheimen politischen Polizei, »Joseph«, vorgenommen worden.
Da Joseph den Zweck meiner Instrumente kannte, wurden sie für unbedenklich erklärt. Joseph war ein Kollege Burkhan Effendis, eines Tataren, der beim Generalgouverneur die Stellung eines Privatsekretärs bekleidete. Der Chauffeur des Gewaltigen war übrigens ein Deutscher namens Schmidt. Er musste seinen Herrn und dessen Sohn fast täglich in der Umgebung der Stadt spazieren fahren.
Beim Dao-tai Fan wurde ich sehr liebenswürdig aufgenommen. Seine Wohnung ist ganz europäisch eingerichtet; saubere, hohe Zimmer. Fan, ein schmächtiger Mann mit klugen listigen Augen, spärlichem, schwarzem Haar, Glatze und borstigem Schnurrbart, behandelte mich sehr verbindlich; er gilt als gewandter Diplomat, der zwölf Jahre in Japan gelebt und dort Jurisprudenz studiert hat. Wir waren bald gute Freunde. Fan half mir in Tihwa manche Schwierigkeit zu überwinden. Er förderte bereitwillig meine umfangreichen Messungen in der Nähe der Stadt.
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