Ein Seemannsmissionar aus London hat mich gebeten, ihn zu besuchen. In seiner E-Mail schrieb er mir, dass ein philippinischer Seemann, den er kennt, im Hafen von Rotterdam wegen Drogenschmuggels verhaftet worden sei. Zollbeamte hätten bei der Untersuchung seiner Kabine sechs Kilogramm Kokain aus Kolumbien gefunden.
Kolumbien ist für den Drogenhandel berüchtigt. Ein Schiff, das von dort aus Europa ansteuert, wird nach der Einfahrt in den Hafen sofort strengstens vom Zoll kontrolliert und bis in die hintersten Winkel durchsucht. Taucher suchen sogar den Rumpf unter Wasser systematisch nach Drogenverstecken ab. Leider finden die Beamten nicht immer alles, denn so ein Containerschiff bietet unzählige Möglichkeiten, um Schmuggelgut zu verstecken, und die Gangster heutzutage werden immer dreister und einfallsreicher …
Nachdem ich herausgefunden habe, wo Emerson einsitzt, besuche ich ihn mehrmals. Laut surrend gleitet bei meinem Besuch heute das Tor zur Seite, während eine Kamera meinen Bewegungen folgt. Ich fühle mich jedes Mal ganz klein, wenn ich den Empfangsbereich des Gefängnisses betrete. Die Wachleute schauen streng, ich lasse ihre Sicherheitskontrollen über mich ergehen. Den gesamten Inhalt meiner Taschen muss ich in einen Spind einschließen, selbst meine Schuhe werden durchleuchtet. Danach werde ich in den Besucherraum vorgelassen.
Als ich Emerson das erste Mal gegenübersitze, treffe ich auf ein nervöses Wrack von einem Mann. Er ist aufgewühlt, unrasiert und von den Strapazen der vergangenen Wochen gezeichnet. Immer wieder fängt er an zu weinen. »Ich bin unschuldig«, beteuert er. »Man hat mich gezwungen, die Drogen mitzunehmen.«
In Kolumbien war er gemeinsam mit Mannschaftskameraden in einer Bar in der Nähe des Hafens einen trinken, als ihn ein einheimischer Drogenkurier ansprach und ihm viel Geld geboten hat: »30 000 Dollar – die konnte ich gut gebrauchen«, schildert er mir sein Leid. »Meine Großfamilie ist arm. Mit meinem Gehalt muss ich nicht nur meine Frau und zwei Kinder versorgen, sondern auch eine ganze Reihe von Verwandten auf den Philippinen. Alle wollen Geld von mir. Außerdem hat der Kerl mir sicher auch etwas in meinen Drink gemischt, sodass ich ganz benebelt war, als ich die Drogenlieferung angenommen habe.«
Was Emerson damals in Kolumbien nicht gewusst hat: Das lukrative Angebot diente nur als Köder. Er wurde als Lockvogel missbraucht, um den Zoll auf eine falsche Fährte zu locken. Die Verbrecherbande hatte den Behörden gezielt die Information zugespielt, dass in seiner Kabine etwas zu finden sei – um die Beamten von ihrer eigentlichen, weitaus größeren Schmuggelladung abzulenken. Emerson ist in Rotterdam bereits von den Zollbeamten erwartet worden, die bestens informiert waren. Sie nahmen ihn umgehend fest. Seither sitzt er im Gefängnis. Endstation.
Seine Frau und die zwei Kinder haben außer dem Gehalt Emersons kein Einkommen. Er macht sich Sorgen, wie sie überleben, weil er nun im Gefängnis sitzt.
»Emerson«, sage ich liebevoll, aber ehrlich, »du hast dich schuldig gemacht, als du die Drogen angenommen hast.« Dann erkläre ich ihm die Frohe Botschaft: »Jesus ist gekommen, um für Verbrecher zu sterben.« Ich beschreibe ihm, dass Jesus nicht alleine am Kreuz gestorben ist, sondern dass es drei Kreuze für drei Personen waren, die nebeneinander hingerichtet worden sind. »Neben Jesus hing ein Dieb und Mörder, der sich im Sterben noch Jesus zugewandt hat. Dieser Verbrecher hat sich Jesus anvertraut, und Jesus hat ihm alle Schuld vergeben, deshalb ist er heute bei Jesus im Himmel …«
Ein paar Minuten später ist die Besuchszeit vorbei und die Wache führt Emerson wieder hinaus. Tief in Gedanken lasse ich ihn zurück, setze mich in mein Auto und fahre wieder zurück in den Hafen, um noch die Mannschaften zweier Schiffe zu besuchen.
Bis zu seiner Verlegung in ein anderes Gefängnis trete ich noch einige Male durch das schwere Stahltor des Gefängnisses und besuche Emerson. Wir reden viel miteinander. Ich versuche ihm, so gut es geht, zu helfen. Bei meinem letzten Besuch fällt mir auf, dass er irgendwie verändert wirkt. Er versucht nicht mehr, sich zu rechtfertigen, sondern steht plötzlich zu seiner Tat und zeigt echte Reue. Wie ist es dazu gekommen?
Emerson erzählt, dass ihn außer mir auch noch ein Gefängnispfarrer besucht hat, der ihm eine Bibel schenkte. »Ich muss beim Bibellesen oft weinen, weil Gott durch die Worte in diesem Buch so zu meinem Herz spricht«, lächelt er. »Früher war ich nach außen hin religiös, aber in Wirklichkeit war Gott mir egal. Durchs Lesen der Bibel hat Gott mir meine Sünde vor Augen geführt. Ich bin innerlich zusammengebrochen und habe auf meinen Knien Buße getan. Weinend habe ich mein ganzes Leben Jesus ausgeliefert. Jetzt ist es in Ordnung. Obwohl ich im Gefängnis bin, bin ich frei!«
Was Emerson dann sagt, trifft mich mitten ins Herz – noch Wochen später muss ich über seine Worte nachdenken. »Ich bin Gott so dankbar, dass man mich ins Gefängnis gesteckt hat, denn hier konnte ich Jesus begegnen. Ich möchte niemals mehr zurück in mein altes Leben«, sprudelt es aus ihm heraus.
Nicht nur er selbst, auch seine Frau teilt diese Sichtweise. In einem Brief schrieb sie ihm, dass Gott dieses Leid bewusst zugelassen hat, weil er Emerson lieb hat und sich nach seiner Freundschaft und Gemeinschaft sehnt. Gott wollte ihn wieder zurück zu sich bringen, um aus ihm einen besseren Ehemann und Vater zu machen, schrieb sie ihm.
Nach seiner Entlassung will Emerson seinen Beruf als Seemann an den Nagel hängen und zurück in seine Heimat, um bei seiner Familie zu sein. Er vertraut darauf, dass Jesus für ihn und seine Familie sorgt – und sie dürfen das tatsächlich in ihrem Alltag erleben.
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Der Klavierspieler |
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Ich stehe bei uns zu Hause im Flur und staune nicht schlecht. In meinen Händen liegt ein langer Brief aus der Türkei, von Fahti, einem türkischen Seemann, den ich gut kenne. Lange Zeit habe ich nichts mehr von ihm gehört. Sein Brief bewegt mich tief. Und ich denke an den Samstagnachmittag zurück, an dem ich ihn das erste Mal getroffen habe:
Damals bin ich an Bord eines Schiffes aus der Türkei gegangen. Das Schöne an türkischen Seemännern ist, dass sie einen meistens sehr herzlich willkommen heißen. Sie bieten mir immer etwas zu trinken an, ihren süßen Tee mag ich besonders. Ich sitze also im Pausenraum des Schiffes, trinke Tee mit ein paar türkischen Matrosen und versuche ein Gespräch anzufangen. Ich frage nach ihren Familien und wie viele Monate sie schon an Bord sind, in der Hoffnung, mit ihnen auch über den Glauben ins Gespräch zu kommen.
Plötzlich steht ein riesiger Mann in der Tür. Er hat ein kleines, blaues Neues Testament in der Hand, hebt es deutlich sichtbar hoch und fragt mit lauter Stimme: »Bist du Christ?« Etwas verblüfft und leicht eingeschüchtert sage ich: »Ja.« Da setzt sich der bullige Seebär zu mir und erzählt, dass er sein Neues Testament schon mehrmals gelesen und viele Fragen dazu hat. Ich bin mir nicht sicher, ob es weise ist, im Beisein all der anderen Seeleute darüber zu sprechen. Also biete ich ihm an, dass er mit zu mir nach Hause kommen kann, wo wir in Ruhe reden können. Da er gerade ein paar Stunden freihat, nimmt er die Einladung gerne an.
Wir fahren aus dem Hafen von Gent heraus in Richtung Terneuzen. Fahti bittet mich, bei einem Blumenladen anzuhalten, und kauft einen schönen bunten Blumenstrauß für meine Frau. Als er unser Wohnzimmer betritt und unsere Kinder sieht, freut er sich sehr. Von unserer kleinen Tochter ist er besonders angetan. Dann bemerkt er unser Klavier und fragt, ob er etwas darauf spielen darf. »Natürlich!« Als er in die Tasten greift, kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie kann ein Hüne mit solchen Pranken so gefühlvoll musizieren. Unvergesslich …
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