Frustriert setze ich mich hin und breite meine mitgebrachten Bibeln, Bücher und DVDs auf dem Tisch aus. Warten ist angesagt. Da kommt der philippinische Koch herein, ein klein gewachsener, junger Mann mit freundlichem Gesicht. Er heißt Niño 2, sagt er. Wie die meisten Schiffsköche trägt er ein weißes Hemd und eine schwarzweiß karierte Hose, über der seine etwas fleckige Schürze hängt. In typisch philippinischer Gastfreundschaft schenkt er mir zuerst einmal lächelnd einen Tee ein, dann setzt er sich zu mir und begutachtet interessiert mein Material.
Nach einer Weile fragt der junge Filipino auf Englisch, ob ich Zeit habe, mit ihm zu reden. »Klar!«, sage ich, ebenfalls auf Englisch. Ohne Umschweife beginnt er, aus seiner Vergangenheit zu erzählen. Er schildert mir sein früheres Leben, die Zeit, bevor er zur See gefahren ist. Niño meint, dass es ein sehr sündiges Leben war und er viel Schuld mit sich herumtrage.
Wie jeder Pastor stehe ich in solchen Momenten unter Schweigepflicht, deshalb kann und will ich hier in diesem Buch nicht genau wiedergeben, was Niño mir aus seinem Leben erzählt hat. Ich habe ihm versprochen, dass ich das nicht tue. Doch ich bin von seinem Vertrauen überwältigt. Er kennt mich nicht und erzählt mir trotzdem bis ins kleinste Detail, was ihn aus seiner Vergangenheit belastet. Traurig schaut er mir dabei in die Augen und schluchzt: »Ich möchte ein neues Leben beginnen, ich möchte mich wirklich ändern. Deshalb bin ich zur See gefahren.«
Ich erkläre Niño auf Englisch, dass niemand vor der eigenen Vergangenheit weglaufen kann, auch nicht dadurch, dass er quer über den Ozean auf die andere Seite der Weltkugel flüchtet. Mit der Zeit kommen wir auf die Bibel zu sprechen. Als Katholik von den Philippinen ist ihm dieses Buch ein Begriff. Er hat die Bibel zwar noch nie gelesen, kennt aber manches daraus, was er von Priestern in seiner Heimat in Predigten gehört hat. Auf dieses Wissen baue ich auf:
»Niño, es gibt jemanden, der für deine Sünden und deine schlimme Vergangenheit und alles Belastende in deinem Leben gestorben ist, damit du es nicht mehr selbst tragen musst, und er will diese gewaltige Last von deinen Schultern nehmen: Dieser Mann heißt Jesus. Kennst du Jesus?«
In den nächsten Stunden erkläre ich Niño das Evangelium. Man sieht ihm deutlich an, wie sich etwas in seinem Inneren bewegt. Während er mir aufmerksam zuhört, beginnt Niño zu strahlen, seine Haltung verändert sich. Ab und zu huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Ich erkläre ihm, dass Jesus der Kapitän meines Lebens ist. Dass die Bibel und ihre Botschaft mein Kompass und mein Anker sind und wie sehr sie mein Leben verändert haben.
Niño erkennt, dass Jesus die Antwort auch auf seinen Wunsch nach einem neuen, veränderten Leben ist. Er bittet mich um ein Gebet, dass Jesus sein Leben in die Hand nimmt und ihn von all seiner Schuld befreit. Mitten im leichten Chaos der Mannschaftsmesse, zwischen zerknitterten Zeitschriften in fremden Sprachen mit Bildern nur wenig bekleideter Frauen auf den Titelblättern, faltet der junge Schiffskoch von den Philippinen seine Hände. Gemeinsam beten wir. Er spricht mir Wort für Wort nach und meint es eindeutig ernst: »Jesus, bitte nimm mein kaputtes Leben«, beten wir. »Und mache du etwas Neues daraus. Vergib mir alle meine Sünde und Schuld, du sollst ab heute der Kapitän in meinem Leben sein …«
An diesem Tag hat Niño sein Leben also Jesus in die Hand gelegt, jetzt ist er ein befreiter Mann. Die Freude, dass Gott ihm alle Schuld vergeben hat, füllt seine Augen mit Tränen und zaubert ein Lächeln auf sein Gesicht. Die Erinnerung daran, wie froh er mich nach unserem Gebet angeschaut hat, bewegt mich bis heute tief. Wie er danach aufgestanden ist und sich mit einer Umarmung von mir verabschiedet hat. Die Last von seiner Vergangenheit war deutlich sichtbar von seinen Schultern genommen, als Niño Jesus sein Leben ausgeliefert hat.
Ich mache ihm noch klar, wie wichtig es ist, im Alltag wirklich die Bibel zu lesen. Dann verabschiede ich mich und gehe aufs nächste Schiff weiter. Später hat man mir gesagt, dass Niño seither fröhlich seinen Mannschaftskameraden von seinem neuen Glauben erzählt. Das macht Freude …
Hätten die zwei anderen Schiffe an diesem Morgen nicht direkt vor meiner Nase abgelegt, wäre ich dem jungen Schiffskoch vielleicht nie im Leben begegnet. Ich war damals das erste Mal auf seinem Schiff. Jesus hat gewusst, dass Niño meine Hilfe benötigte. Er hat dafür gesorgt, dass ich an diesem Montag aufs genau richtige Schiff kam, auf den letzten und kleinsten in einer Reihe von drei Frachtern am Kai. Er nimmt uns ernst, wenn wir beten, und führt mich zu Seeleuten, denen ich wirklich helfen kann. Deshalb folgt Niño heute Jesus nach. So groß ist unser lebendiger Gott.
Auf dem Nachhauseweg vom Hafen geht es über mehrere große und kleine Brücken auf die Halbinsel hinaus, auf der wir als Familie wohnen. Ich freue mich auf den Abend zu Hause, auf meine Frau Kerstin und unsere beiden Kinder Jakob (3) und Emilie (fast 2). Während ich über das platte niederländische Land zwischen den kleinen Dörfern hindurchfahre, die von den wehrhaften alten Backsteintürmen ihrer Dorfkirchen überragt werden, muss ich daran zurückdenken, wie wir eigentlich hierhergekommen sind …
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Windmühlen, WM und Mission?! |
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Felix Henrichs, Rotterdam
… wie passt das zusammen? Diese Frage haben wir uns als Ehepaar in den vergangenen Jahren öfter mal gestellt. Ich bin Theologe und meine Frau Kerstin ist Kinderkrankenschwester von Beruf. Wie sind wir in die Seemannsmission nach Rotterdam, ins Land des leckeren Goudas, Fußballfiebers in Orange und der vielen Windmühlen, gekommen?
Es begann im zarten Alter von sieben Jahren, als ich zum lebendigen Glauben an Jesus kam. Ich habe meine Teenagerjahre in Pakistan verbracht, wo meine Eltern Missionare waren. Sie haben vielen Menschen praktisch geholfen und die Botschaft der Liebe Gottes weitergegeben. So hatte ich gute Vorbilder, kein Wunder, dass ich von klein auf ebenfalls Missionar werden wollte.
Während meines Studiums an der Freien Theologischen Hochschule in Gießen hörte ich zum ersten Mal von christlichen Mitarbeitern, die in den großen Überseehäfen Europas Seeleuten aus aller Welt das Evangelium weitersagen. Ich war ziemlich beeindruckt, denn Seefahrt und Schiffe haben mich ebenfalls schon von Kindesbeinen an fasziniert.
Zu dieser Zeit drückte mir meine Mutter das Buch »Seeleute, ein vergessenes Volk« meines heutigen Kollegen Martin Otto (Hamburg) in die Hand. Ich las es mit Interesse und war von der Offenheit der Seeleute fürs Evangelium überwältigt. Seemännern helfen und ihnen von Jesus weitersagen – das wollte ich ausprobieren. Also machte ich ein einmonatiges Praktikum bei Martin und seinem Kollegen in Hamburg. Irgendwie spürte ich deutlich, dass Gott mich ebenfalls in so eine Arbeit berufen wollte. Nach meinem Studium wollte ich mir das noch genauer anschauen. Daher absolvierte ich ein weiteres Praktikum von zehn Monaten bei der Seemannsmission in Rotterdam. Von Anfang an fand ich es total spannend, wie Gott unter den Seeleuten wirkt:
Es war am letzten Tag dieses Praktikums im Sommer 2007. Ich hatte mich im Speiseraum eines großen Containerschiffs mit den Männern der philippinischen Mannschaft unterhalten und wollte gerade unsere christlichen Bücher wieder zusammenpacken und gehen, als jemand plötzlich die Tür aufriss. Der Zweite Offizier stand vor mir. »Erzähl mir von Jesus«, forderte er mich auf. »Aber beeil dich. Wenn der Kapitän merkt, dass ich nicht auf der Brücke bin, dann kriege ich Riesenprobleme …«
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