Herr Fink
Nein! Nein! – Ich erinnere mich an die letzte Operation. Da habe ich vorher ein Schnäpschen gekriegt. Danach war ich weg. Und das war’s dann.
Albus
Könnten Sie sich vorstellen, dass Sie in ihren Kindern, Ihren Enkeln und Ihrem Urenkel weiterleben? Gibt es da so etwas wie eine Hoffnung? Oder ist Ihr Tod einfach für Sie das Ende von allem? – Sie zucken mit den Schultern. Ich kann das gut verstehen. Es gibt viele, die vorgeben, etwas zu wissen, die vermuten, so oder so könnte es gehen. Und die am Ende doch nichts wissen, wissen können.
Sie gehen diesen Schritt! Sie haben keine Angst davor? Das habe ich mehrfach von Ihnen gehört.
Herr Fink
Nein, ich habe keine Angst davor.
Albus
Welche Gründe gibt es denn für Sie, keine Angst davor zu haben? Es gibt Menschen, die vor diesem Schritt, den sie unweigerlich gehen müssen, schreckliche Angst haben, sich mit Händen und Füßen dagegen wehren.
Herr Fink
Wenn alles weg ist, brauche ich keine Angst mehr zu haben. Angst hätte ich nur, wenn ich wüsste, dass ich ins Fegefeuer käme. (lacht).
Albus
Frau Fink, wie empfinden Sie das, was Ihr Mann gerade eben gesagt hat? Haben Sie ihn so erlebt? Erleben Sie ihn so?
Frau Fink
Ich weiß, dass er vor dem Leidensweg Angst gehabt hätte. Aber nicht vor dem Tod.
Albus
Also eher Angst vor dem Sterben?
Frau Fink
Ja! Darüber haben wir oft gesprochen. Das weiß ich. Vor dem Tod hat Helmut keine Angst gehabt. Er hat immer geglaubt, dass es irgendwie weitergeht. Dass es irgendwelche Energien gibt, die dann wirksam und wahr werden. Aber das kann man wahrscheinlich nicht erklären.
Albus
Das ist die Erfahrung vieler Menschen. Man weiß nichts Genaues, kann nichts Genaues sagen. Dennoch glaubt man daran, dass es doch irgendwie weitergeht, und dass nicht das Fallbeil fällt, wenn der Tod eintritt. Es gibt auch Menschen, die sagen: Wenn ich für immer die Augen zumache, ist alles aus, und es war alles nichts gewesen, was gewesen ist.
Wenn Ihr Mann sagt, dass er keine Angst vor dem Tod hat, dann ist das für mich eine starke und positive Botschaft: Er hat ein gutes und sinnerfülltes Leben gelebt. Deswegen braucht er keine Angst zu haben.
Herr Fink
Ich habe wirklich die unzerstörbare Hoffnung, meine Frau wiederzusehen.
Albus
Haben Sie diese Hoffnung auch, Frau Fink?
Frau Fink
Ich kann es mir nicht wirklich vorstellen. Aber ich hoffe ja, dass man sich irgendwie wieder erkennt.
Albus
Kann man sagen, dass die gegenseitige Liebe und die Sehnsucht, sich liebend wiederzusehen, einem über den Tod hinaus Hoffnung gibt? Kann man das so sagen?
Herr Fink, Frau Fink
Ja das ist so!
Albus
Dann ist es im Endeffekt auch gleichgültig, welche Vorstellungen man von einem „Danach“ hat. Wenn es Liebe zwischen zwei Menschen gibt, gegeben hat, dann ist das etwas, was über den Tod hinausgeht, was stärker ist als der Tod. Und den Traum, die Sehnsucht und die Möglichkeit wachhält, dass man sich wieder sieht, wieder erkennt – danach. Dass man nicht gestorben ist, wenn man gestorben ist.
Herr Fink, Frau Fink
Ja! Ja!
Albus
Herr Fink, haben Sie noch einen Wunsch, wie Sie sterben möchten?
Herr Fink
Eigentlich so, wie es mit allem jetzt und hier ist.
Albus
Ich habe mehrfach herausgehört, wie wohl Sie sich hier in der Palliativstation fühlen. Da wird Ihnen nicht zum Tod verholfen, sondern beim Sterben geholfen. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Herr Fink
Ja, das ist wirklich so.
Frau Fink
Wir fühlen uns hier wie zu Hause. Das muss ich wirklich sagen. Helmut fühlt sich hier wohl. Ich versuche jede Minute, die ich kann, bei ihm zu sein. Wir müssen sehen, wie es jetzt weitergeht. Jedenfalls ist es gut, dass er gut sterben kann. Das ist sehr viel wert. Dafür muss man dankbar sein.
Herr Fink
Ja, sehr dankbar!
Frau Fink
Ich fühle mich gut eingebunden in meine Familie, die mich liebt. Es ist so wichtig, dass man einen Raum hat, in dem man sich geborgen und aufgehoben fühlen kann. Oder Helmut? Du fühlst dich doch aufgehoben und geborgen bei uns allen?
Herr Fink
Ja, ganz unwahrscheinlich!
Albus
Was kann man Besseres und Schöneres geschenkt bekommen in einer Welt, in der immer mehr Menschen allein und einsam sterben müssen!
Herr Fink
Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich nicht so eingebunden wäre. Dieses Eingebundensein ist ein starkes Mittel gegen die Angst vor dem Sterben.
Frau Fink
Vorhin haben Sie, Herr Albus, davon gesprochen, dass man in seinen Kindern irgendwie weiterleben wird. Ich glaube, das ist so.
Albus
Aber auch die Kinder müssen wieder sterben.
Frau Fink (lachend)
Aber auch die Kinder kriegen wieder Kinder.
Albus
Damit will ich aufhören, weiter Fragen zu stellen. Es war anstrengend für Sie, Herr Fink und auch für Sie, Frau Fink. Für mich auch. Aber ich bin einfach nur dankbar für das, was Sie gesagt und zum Ausdruck gebracht haben. Die Freude darüber ist stärker als der Schmerz, den Sie – und auch ich – empfinden.
Herr Fink
Es war mir wichtig, dass ich nochmal über alles reden konnte.
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