Albus
In Ihrer freien Zeit haben sie solche Gärten angelegt?
Herr Fink
Ja! Aber davor gab es ja auch viele andere Interessen. Ich habe zum Beispiel Buntfische im Aquarium gezüchtet. Auch dazu habe ich Vorträge gehalten.
Ich habe immer mal wieder das Interessengebiet gewechselt. Dazwischen gab es Pausen.
Albus
Im Hintergrund – sagen Sie mir’s, wenn es anders ist – erahne ich eine große Liebe zur Natur.
Herr Fink
Das ist genau richtig. Damit wollte ich kein Geld verdienen! Ich habe das aus einem Herzensinteresse heraus gemacht. Geld habe ich verdient durch den Beruf. Mir ging es um das Erlebnis der Natur. Wenn wir zusammen gereist sind, haben wir immer wieder alte Klostergärten besucht, die uns Vorbilder oder Anregung sein konnten.
Frau Fink
Und wir haben Bücher und Bücher gekauft – meterlange Regale haben sich angefüllt – und dazu noch die Bibliotheken in Mainz ausgenutzt. Das war auch nun mein Interesse geworden. Wir haben alles zusammen gemacht. Früher hatte ich andere Interessen. Dieses habe ich durch ihn erworben. Und ich bin glücklich darüber. Das war wunderschön.
Herr Fink
Ja! Wunderschön!
Albus
Das finde ich auch sehr schön und interessant. Gerade in der heutigen Situation, in der die Natur eher zu „kippen“ droht durch die Ausbeutung der Menschen, bekommt das eine ganz wichtige Bedeutung. Sie haben Natur als etwas Schönes, Wertvolles, Lebendiges, Schützenswertes angesehen.
Herr Fink
Ja, das stimmt! Und schön dabei war auch, dass ich das zusammen mit meiner Frau gemacht und durchgehalten habe.
Albus
Haben Sie bei der Beschäftigung mit der Natur noch tiefergehende Fragen interessiert? Fragen über Leben und Tod, über Blühen und Vergehen zum Beispiel?
Herr Fink
Oh ja, solche Fragen haben mich schon beschäftigt. Intensiv. Ich habe mir viele Gedanken gemacht über die Tatsache, dass die Pflanzen vergehen. Es hat mich berührt, wenn ich sie sterben gesehen habe. Dann habe ich alles versucht, um sie so zu pflegen, dass sie wieder aufgeblüht sind. Meine Frau hat dann schon eher mal gesagt: „Tu’ sie doch weg!“
Frau Fink
Ja, manchmal sind sie sogar wiedergekommen, sind wieder richtig gesund und lebendig geworden. – Helmut schneidet keine abgestorbenen Blüten ab, er schneidet überhaupt nichts von den Pflanzen ab.
Herr Fink
Ich lasse alles deswegen dran, weil das der Natur vielleicht noch etwas nützen kann, zum Beispiel Nahrung für die Vögel sein kann.
Albus
Ihnen war daran gelegen – das höre ich jetzt heraus –, dass die Natur ihren Kreislauf bewahren kann, dass sie nicht nur ein Teil, sondern ein Ganzes ist.
Herr Fink
Ja! Darum ging es mir.
Albus
Frau Fink, haben Sie das immer alles mitgemacht oder nicht auch einmal gesagt: „So, jetzt reicht es mir!“?
Frau Fink
Ich habe das immer voll mitgemacht. Es hat mich fasziniert. Früher habe ich mich wenig für Natur interessiert. Die intensive Beschäftigung mit der Natur, das intensive Verhältnis zu ihr habe ich erst durch Helmut kennengelernt – und habe es dann auch geliebt.
Das war mir wichtig: Wir haben immer alles zusammen gemacht. Da gab es keinen Streit zwischen uns.
Herr Fink
Es gibt ja auch bei unterschiedlichen Interessen glückliche Ehen. Da könnte ich Beispiele nennen. Ein Bekannter hat Schlangen gezüchtet. Das war nicht das Interesse seiner Frau, und dennoch haben sie eine glückliche Ehe geführt. Unterschiedliche Interessen müssen kein Trennungsgrund sein.
Albus
Sie sind also durch das wachsende Gemeinsame mehr zueinander gekommen, aneinander gewachsen?
Frau Fink und Herr Fink
Ja, Ja! Unbedingt!
Albus
Ich beginne, mir das immer deutlicher vorzustellen durch Ihre Erzählungen: Sie haben zusammen ein ausgefülltes und erfülltes Leben geführt. Nach der Pensionierung haben Sie das weiter intensiviert, haben irgendwie ohne größere Sorgen gelebt, waren im Rahmen Ihrer Möglichkeiten glücklich. – Und jetzt auf einmal ist die Krankheit in Ihr Leben eingebrochen. Wie hat sich das angekündigt? Wie sind Sie, als Sie es wussten, damit umgegangen?
Herr Fink
Da muss ich noch etwas einschieben: Mein Verhältnis zu meinen Mitarbeitern, meinen Untergegebenen im Beruf war immer gut. Das war auch eine Erfahrung von Glück, dass sie immer, auch wenn es Schwierigkeiten gab, hinter mir und zu mir gestanden sind.
Albus
Es war Ihnen also auch wichtig, zu den Menschen ein gutes Verhältnis zu haben, die man normalerweise als „Unter“-Gebene bezeichnet.
Herr Fink
Darum habe ich mich immer bemüht. Ja, das war mir sehr wichtig!
Frau Fink
Helmut hat zu seinem Geburtstag von einer ehemaligen Mitarbeiterin ein Gedicht von Petrus Ceelen geschenkt bekommen, das für sich spricht und zeigt, wie sein Verhältnis zu den Berufskolleginnen und -kollegen war. Es lautete so:
Ein Geschenk
Manche Menschen wissen nicht,
wie wichtig es ist, dass sie da sind.
Manche Menschen wissen nicht,
wie gut es tut, sie nur zu sehen.
Manche Menschen wissen nicht,
wie wohltuend es in ihrer Nähe ist.
Manche Menschen wissen nicht,
wie viel ärmer wir ohne sie wären.
Manche Menschen wissen nicht,
dass sie ein Geschenk des Himmels sind.
Sie wüssten es nicht, würden wir es ihnen sagen.
Herr Fink
Als ich mich bei der ehemaligen Mitarbeiterin telefonisch dafür bedankte, haben wir gemeinsam miteinander geweint. Das habe ich davor noch nie gemacht. Ich bin kein Typ, der schnell weint.
Albus
Wir kommen wieder auf den Zeitpunkt des Ausbruchs Ihrer Krankheit zurück.
Wie hat sie sich angekündigt? Wie und wann haben Sie etwas gespürt?
Herr Fink
Ich habe Schwierigkeiten beim Wasserlassen gespürt. Mein ganzes Leben lang war ich jedes Jahr zweimal beim Urologen zur Kontrolluntersuchung. Da war immer alles ganz in Ordnung. Der PSA-Wert war immer ganz normal. Nun aber hat das Krankenhaus gesagt, nachdem die Prostata ausgeschält und die Untersuchung durchgeführt worden war: Krebs! Und zwar ein Krebs, der ausgesprochen aggressiv und lebensbedrohlich war.
Albus
Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?
Herr Fink
Für mich war das eine der härtesten Urteile, die ich je in meinem Leben bekommen habe. Und da mir niemand eine Prognose geben wollte oder konnte, habe ich gesagt: Also ich gebe mir noch drei Monate! Dann würde ich in das Grab steigen, das „Fink“ heißt … (Ringt nach Worten, kann nicht mehr weitersprechen).
Albus
Herr Fink, ich frage mal Ihre Frau, wie das war? Ich denke, dass diese Information wie ein Keulenschlag auf Sie niedergefahren ist.
Frau Fink
Bei dem Gespräch mit der Ärztin war ich ja dabei. Ich habe es nicht wie ein Keulenschlag empfunden. Ich habe es einfach weggeschoben. Habe mir gesagt: Das kann nicht sein! Helmut ist dann ziemlich schnell, nach fünf oder sechs Tagen, aus dem Krankenhaus gekommen und ist weiter beim Urologen in Behandlung gewesen. Es ging ihm ein ganzes Jahr so gut, dass ich einfach nicht an die schreckliche Nachricht glauben konnte. 2014 begannen dann wieder die massiven Beschwerden mit der verstopften Harnröhre. Er musste wieder ins Krankenhaus, ist wieder ausgeschält worden. Danach ging es wieder ein Dreivierteljahr gut. Aber im Dezember 2014, als Helmut und ich die Grippe hatten, ging’s ihm auf einmal ganz schlecht, weil noch weitere massive Beschwerden hinzukamen. Schließlich musste er akut ins Krankenhaus und ist dann operiert worden. Von da ab ging es nur noch schlecht und schlechter.
Albus
Sie haben gesagt, Frau Fink, das dürfe nicht wahr sein: diese Nachricht, dieser Befund. – Wieder zu Ihnen, Herr Fink: Wie hat das auf Sie gewirkt? Da sind Ihnen doch die widersprüchlichsten Gedanken durch den Kopf gegangen. Hat sich ein Überlebenswille gemeldet? Oder haben Sie sofort resigniert? Welche Gefühle haben Sie beherrscht? Was können Sie heute dazu sagen, wenn Sie sich zu erinnern versuchen?
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