Als Schulbeispiel taugt Ricardos historische Reminiszenz also eher für das genaue Gegenteil seiner Argumentation. Dabei ging es beim Methuen-Freihandelsvertrag wirklich nur um die einzelnen Waren Wein und Tuch; und selbst bei dieser Begrenzung auf ein enges Spektrum waren die Folgen für Portugal bereits ziemlich verheerend. Wenn aber das internationale Gefälle der Produktivität tatsächlich absolut und in großem Maßstab zunimmt, und wenn es nicht mehr nur einzelne Waren, sondern den gesamten Umkreis der Warenproduktion umfasst, also das allgemeine Produktivitätsniveau, dann hört der »komparative Vorteil« für die unterproduktive Nationalökonomie erst recht auf, selbst in der sozial disparaten Verteilung, und es tritt genau jener Mechanismus ein, wie er als Problem der »Unterentwicklung« die kapitalistische Geschichte begleitet hat: Eine zu große Masse an eigenem Arbeitsaufwand (und damit an ökonomischem Wert gemäß den eigenen Binnenstandards der Produktivität) muss gegen eine immer geringere Masse an fremdem Arbeitsaufwand (und damit an ökonomischem Wert) getauscht werden – jetzt nicht mehr bezogen auf einige einzelne Waren, sondern bezogen auf die gesamte gesellschaftliche Reproduktion, soweit sie in den Weltmarkt einbezogen ist.
Und das wird sie zwangsläufig immer mehr, je stärker die binnenökonomische Kaufkraft zurückgeht. Geschieht dies in den entwickelten Nationalökonomien relativ , weil die Produktivität überproportional im Verhältnis zu den Geldeinkommen ansteigt, so geschieht dasselbe in den »unterentwickelten« Ländern absolut , und zwar genau umgekehrt deswegen, weil sie in der Produktivkraftentwicklung nicht mithalten können und dadurch die Geldeinkommen ihrer Bevölkerung immer weiter absinken. In beiden Fällen ist das Resultat die umso stärkere Weltmarktorientierung.
Es handelt sich dabei um nichts anderes als jene Wirkung ungleicher Produktivitätsstandards ohne gemeinsamen Maßstab, wie sie sich schon anhand der Debatte über den »ungleichen Tausch« gezeigt hat: Das relativ unterproduktive Land wird nicht an seinem eigenen Standard, sondern an dem des produktiveren Landes gemessen (während Ricardo unterstellt, es gäbe im internationalen Warentausch überhaupt keinen Produktivitätsmaßstab mehr, was er nur suggerieren kann, weil er pseudo-naiv rein auf der naturalen Ebene statt auf der Verwertungsebene argumentiert).
Indem auf diese Weise große binnenökonomische Arbeitsmengen auf dem Weltmarkt nicht als Werte anerkannt werden, muss die unterproduktive Nationalökonomie bei wachsendem Abstand der Produktivität und gleichzeitig wachsender Einbeziehung der Gesellschaft in den Weltmarkt relativ immer mehr arbeiten und bekommt dafür auf dem Weltmarkt relativ immer weniger Gegenleistung. Und da sich dieses Verhältnis natürlich in den Preisen ausdrückt, ensteht ein wachsendes Missverhältnis von Exportpreisen und Importpreisen (terms of trade), das nur durch Außenverschuldung (zeitweilig) ausgeglichen werden kann.
Schon im frühen 19. Jahrhundert fand Ricardos »scharfsinnige« Milchmädchenrechnung energischen Widerspruch von Ökonomen anderer europäischer Länder, die von den Folgen der britischen Exportoffensive mit billigen Industrieprodukten (an erster Stelle Textilien) heimgesucht wurden. Vor allem der nationalistische deutsche Wirtschaftstheoretiker Friedrich List (1789-1846) zeigte, dass Ricardos Theorem der komparativen Kosten bei einem zu großen und das gesamte Produktionsniveau erfassenden Produktivitätsgefälle falsch war und verlangte daher Schutzzölle für die noch unentwickelte deutsche Industrie; diese sollten bloß vorübergehende »Erziehungszölle« sein, bis das Produktivitätsgefälle überwunden sei.
Bekanntlich war dieser Weg im 19. Jahrhundert tatsächlich erfolgreich; aber nur deswegen, weil der Produktivitätsabstand zwischen England und den kontinentaleuropäischen Ländern noch nicht uneinholbar groß war. Im 20. Jahrhundert dagegen wuchs dieser Abstand zwischen den industrialisierten Staaten des kapitalistischen Zentrums und der globalen Peripherie bereits derart an, dass ein Anschluss an die Industrialisierung teils nur noch durch staatskapitalistische Abschottung (wie im Ostblock) und damit um den Preis langfristiger Stagnation für einige Jahrzehnte versucht werden konnte, teils aber überhaupt nur ein Wunschtraum blieb (wie in den meisten Ländern der so genannten Dritten Welt).
Für die großen Weltregionen der Peripherie stellte sich die »internationale Arbeitsteilung« des Kapitals, von der Ricardo so geschwärmt hatte, schon während der Epoche des Booms nach dem Zweiten Weltkrieg größtenteils als die Degradation zu bloßen Rohstofflieferanten heraus, weil der klaffende Abgrund im Niveau der Produktivität jeden Versuch zunichte machte, mit eigenen Industrieprodukten konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt zu operieren. Die Mehrzahl der Länder auf der südlichen Halbkugel diente fast nur noch als Zulieferer jener Bodenschätze und Agrarprodukte, die in den kapitalistischen Zentren von Natur aus gar nicht oder nicht in ausreichendem Ausmaß vorhanden sind bzw. angebaut werden können.
Aber bei einem Warenaustausch über den Weltmarkt von Erdöl und Erdgas, Kupfer, Uran usw. sowie Kaffee, Tee, Kakao, Bananen usw. einerseits und Autos, Fernsehern, Flugzeugen usw. andererseits konnte sich die Kluft nur immer weiter vergrößern und der Verfall der terms of trade für die zurückgebliebenen Länder nur immer dramatischere Ausmaße annehmen.
Logischerweise mußte dies zweierlei bedeuten. Erstens wuchs die soziale Disparität in den Ländern der Dritten Welt parallel zur Kluft des Produktivitätsgefälles auf dem Weltmarkt und zum Verfall der terms of trade ebenfalls permanent an: Der Austausch von höherwertigen Industrieprodukten mit den Ländern des Zentrums schrumpfte zusehends auf eine sich ausdünnende Oberschicht zusammen, die gewissermaßen die Gesetze des Weltmarkts nach innen repräsentierte und exekutierte, während die Masse der Bevölkerung selber zum bloßen Rohmaterial für die Förderung der Rohstoffe degradiert oder schon damals »überflüssig« wurde. Zweitens sank der relative Anteil der peripheren Länder am Weltmarkt selbst bei absolut wachsender Weltmarktintegration schon während der Boomphase ab, während spiegelbildlich dazu die immer mühsamer zu bedienende Außenverschuldung anwuchs.
Das ist allerdings erst recht keine bloße Theorie mehr, sondern praktische Welterfahrung über Jahrzehnte hinweg. Die Weltwirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts hat das Ricardosche Theorem der komparativen Kosten und »Vorteile« durch die Entwicklung der realen Beziehungen zwischen der relativ unterproduktiven Peripherie und den hochproduktiven kapitalistischen Zentren endgültig praktisch widerlegt, und zwar vernichtend. Deshalb waren die mehr oder weniger kritischen »Entwicklungstheorien« der 60er und 70er Jahre allesamt von diesem unabweisbaren Faktum geprägt, auch wenn ihre theoretischen Erklärungen (»ungleicher Tausch«) und praktischen Vorschläge (Schutzzölle, Abschottung, »Importsubstitution« durch binnenökonomische und »autozentrierte« Industrialisierung etc.) verkürzt, weil auf die apriorischen Formen des warenproduzierenden Weltsystems fixiert waren.
Exportweltmeisterschaft statt internationale Arbeitsteilung
Wenn Ricardos Formel für das Produktivitätsgefälle zwischen den industriellen kapitalistischen Zentren und der globalen Peripherie blamiert ist, so könnte vielleicht ein einsichtiges bürgerliches Räsonnement glauben (großenteils ist es allerdings ganz und gar nicht einsichtig, sondern verblendeter denn je), dann ist sie eben »entwicklungspolitisch« ungeeignet und in dieser Hinsicht müssen andere Lösungswege (selbstverständlich im Rahmen »der Marktwirtschaft«) gefunden werden. Aber für das Verhältnis der entwickelten kapitalistischen Volkswirtschaften untereinander wird das Gesetz der komparativen Vorteile doch wohl Gültigkeit haben?
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