Manson schloss viele Freundschaften im Laufe dieser sieben Jahre im Gefängnis. Einige Zellengenossen sagen, er hätte die ganze Zeit geplant, eine Armee von Outcasts um sich zu scharen, mit denen er »unter dem Bewusstsein« der Mutterkultur operieren wollte. Andere sagen, er sei ein Widerling gewesen, aber viele erinnern sich seiner mit Zuneigung und sind anscheinend ganz verstört darüber, dass er später zum Anführer einer Killerhorde werden konnte.
Dennoch kann man bestimmt sagen, dass er nach seiner Entlassung durchaus eine Chance hatte. Eine verwickelte, langwierige Tragödie hatte Charles Manson sein ganzes Leben lang herumgeboxt. Doch nun, 1967, hatte die Liebe die Aufmerksamkeit des kriegstollen Amerika gefesselt, und die Straßen waren gepflastert mit Anerkennung für einen Troubadour und umherziehenden Sammler von wehmütigen, verwundeten Kindern des Krieges.
2. Aus dem Knast in den Sommer der Liebe
Mit 35 Dollar und einem Koffer voll »Kleidung« verließ Manson am 21. März 1967 das Gefängnis, nachdem er eine Haftstrafe von sechs Jahren und neun Monaten abgesessen hatte. Er war 32 Jahre alt.
Der Legende nach soll Manson versucht haben, ins Gefängnis zurückzukehren, oder zumindest beim Verlassen des Gebäudes gezögert haben. Doch als er sich dann draußen auf der Straße befand, begann er eine zweieinhalb Jahre währende ruhelose Wanderschaft.
Zunächst streifte Charlie drei Tage lang zu Fuß und in Bussen durch Los Angeles. Dann ging er in Richtung Norden, nach Berkeley, um dort einige Freunde zu besuchen, die er im Gefängnis kennengelernt hatte.
Manson war darauf aus, als fahrender Musikant oder wandernder Straßensänger aufzutreten. Einige Zeit verbrachte er mit seiner Gitarre auf dem Campus der Berkeley University . Mit der Gitarre in der Hand begann er, in den Straßen von Berkeley zu schnorren. An einem Frühlingstag saß und sang er auf der Campus-Promenade neben dem Sather-Gate, als er die schlanke, rothaarige Mary Theresa Brunner aus Eau Claire, Wisconsin kennenlernte. Das Mädchen hatte kürzlich ihr Studium an der Universität von Wisconsin abgeschlossen und arbeitete nun in der Bibliothek der Universität von Kalifornien. Abigail Folger, die Erbin des Vermögens der Folger Coffee Company , arbeitete damals ebenfalls in Berkeley, und zwar am Kunstmuseum der Universität. Manson und Mary Brunner wurden sofort Freunde, und offenbar zog er zu ihr in die Wohnung.
Da er unter Bewährungsaufsicht stand, musste Manson in engem Kontakt mit seinem Bewährungshelfer bleiben, das heißt, er musste ihn über seinen Wohnsitz, seine Arbeit und seine sonstigen Aktivitäten auf dem laufenden halten. Manson war einem Bewährungshelfer namens Roger Smith zugeteilt worden, der sich mit ihm anfreundete. Charlie benutzte viele Ausdrücke und Redensarten aus dem Roman Stranger in a Strange Land , wie »Grok« und »Du bist Gott« und »Teile das Wasser« , und so tauften er und die Mädchen Roger Smith auf den Namen Jubal – nach dem väterlichen Beschützer Jubal Harshaw aus dem Heinlein-Roman.
Straffällige, die unter Bewährung stehen, sind gehalten, sich eine nützliche Arbeit zu suchen, und so suchte sich Manson einen Job als Alleinunterhalter beziehungsweise bekam ihn angeboten. Tatsächlich trat er in einem Nachtclub im Vergnügungsviertel von San Francisco auf. Außerdem hat er möglicherweise auch in einem Club in North Beach gespielt. Sein Bewährungshelfer sagt, Manson sei ein Job in Kanada angeboten worden, wo er singen sollte.
Es ist fast unmöglich, Mansons Wanderschaft Anfang 1967 nachzuzeichnen, zumal er sein Nomadenleben sofort aufnahm. Wer kann sich schon an einzelne Ereignisse in einer bestimmten Woche Anfang 1967 erinnern?
Manson unternahm mehrere ernsthafte Versuche, seine Mutter Kathleen ausfindig zu machen. Er ließ sich von seinem Bewährungshelfer verschiedene Male die Erlaubnis geben, aus dem Staat auszureisen. Einmal fuhr er nordwärts, nach Washington, um sie dort zu suchen. Ein anderes Mal reiste er nach Osten, nach West Virginia.
Eine junge Rothaarige namens Lynette Fromme gesellte sich zu Mary Brunner als Nummer zwei des »Inneren Kreises« von Mädchen. Charlie hatte sie in der Nähe des Strandes von Venice, Kalifornien aufgelesen; sie hatte heulend am Straßenrand gesessen, und er hatte sie überredet mitzukommen. Es heißt, sie sei kurz zuvor in Redondo-Beach nach einem Streit mit ihrem Vater aus dem Haus geworfen worden.
Sie wurde initiiert. »Ich bin der Gott des Ficks«, soll er zu ihr anschließend gesagt haben. Im Frühjahr und Sommer 1967 lebten Manson und die Mädchen vorübergehend in 636 Cole, zusammen mit einer hübschen ehemaligen Nonne namens Mary Ann. Manson verbrachte einige Zeit auf den Straßen von Haight-Ashbury, wo er zwischen den Blumenkindern ziellos umherstreifte. Ein sechzehnjähriges, von zu Hause ausgerissenes Blumenkind, vielleicht ein Junge, vielleicht ein Mädchen, das ist nicht so wichtig, allein und ohne Bleibe, bot Charlie seine oder ihre Freundschaft an. Den Mann, der seine Jugend im Gefängnis verbracht hatte, setzte es in Erstaunen, wie dieses junge Wesen da so einfach im Golden Gate Park im Freien übernachtete.
Es sind Hunderte von Anekdoten im Umlauf über den Manson von Haight-Ashbury – die meisten davon sind Glorifizierungen. Die Wirklichkeit war anders; er war ein kleiner, redegewandter, schmieriger Kerl, der sich mit seiner Gitarre an junge Mädchen heranmachte, die er mit Gurugeschwätz und Mystizismen zu beeindrucken versuchte – eine Taktik, die damals in Haight-Ashbury durchaus Erfolg versprechend war.
Laut eigenen Aussagen wurde Manson eine Art Quartiermacher für jugendliche Ausreißer. Ganz zu Anfang begegnete er einem von zu Hause weggelaufenen Mädchen, das er bei einem Freund unterbrachte, und als er die Wohnung seines Freundes verließ, stieß er auf ein weiteres junges Mädchen mit Blumen im Haar: Sie wurde sein Housekeeper .
Als Manson das erste Mal LSD nahm, änderte das sein Leben insofern, als er einen mühseligen Kreuzwegtrip machte, auf dem er die Kreuzigung Jesu Christi erfuhr – eine ziemlich weitverbreitete LSD-Erfahrung, die ihn jedoch wirklich prägte, weil sie dem Chaos in ihm Form und Gestalt gab. Charlie Man Son – der Menschensohn. Ganz klar.
Der Jesus-Tick der Family stützte sich vor allem auf ihre Überzeugung, dass Jesus und seine Jünger Manson und den Mädchen sehr ähnlich gewesen sein müssten. Sie meinten, neunzig Jahre nach Christus hätten duckmäuserische Priester die liebenden, sinnlich-sexuellen Christen abgetötet und so den ursprünglichen christlichen Impuls vernichtet. Das Vorbild aber hätten diese Priester durch ihren eigenen schwarz gewandeten, sexlosen Todeshauch ersetzt.
In Haight-Ashbury begegnete Manson wirklich allen Strömungen, die die Subkultur während des letzten Jahrzehnts in den Vereinigten Staaten hervorgebracht hatte. LSD-Musik. Drogen. Sexuelle Freiheit. Turn on, tune in, drop out. Freiheitsbewegungen. Friedensmärsche. Provos. Guerillatheater. Kommunen. Lange Haare. Die Vorstellung vom Underground-Superstar. Astrologie. Okkultismus. Underground-Zeitungen. Pennlager. Psychedelische Kunst. Bei einem Konzert der Grateful Dead im Avalon Ballroom legte sich Manson in Fetushaltung mitten auf die Tanzfläche und ließ sich vom Blitzen der Stroboskoplampen in Trance versetzen.
In Haight-Ashbury schien er eine vertraute, überall aufkreuzende Gestalt zu sein. Er behauptete, mit den Diggers zusammen gewesen zu sein, als sie damals ihre täglichen Freimahlzeiten im Panhandle Park austeilten. Vielleicht hat er sogar einige Zeit in einem Haus hinter dem Pennlager der Digger in der Waller Street gelebt. Dieses Haus in der Waller Street sollte später, in der Ära des psychedelischen Satanismus, in »The Devil House« umgetauft werden.
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