Die Geschichte geht noch weiter. Das Gefängnis hatte eine Basketballmannschaft, die nur selten ein Spiel gewann. Manson strahlte Botschaften an die schlafenden Insassen aus, in denen er sie drängte, dem nächsten Spiel beizuwohnen und die McNeil-Island-Mannschaft anzufeuern. Dann wettete Charlie mit den eifrigen neuen Fans darauf, dass die gegnerischen Mannschaften gewinnen würden, und hatte sich rasch zweihundert Packungen Zigaretten (in US-Gefängnissen die übliche Währung) erwettet.
Dann war da noch der Applaus-Schwindel: Über die Kopfhörer suggerierte Manson seinen Mithäftlingen, sie sollten ihm, wenn er bei einem Talentwettbewerb im Gefängnis als Sänger auftrat, lange applaudieren. Manson gewann den Wettbewerb mit seinem Kopfhörertrick, jedenfalls bekam er offenbar begeisterten Applaus von einiger Dauer.
Es entbehrt nicht der Ironie, dass Manson im Gefängnis anscheinend zu einem Schützling des Prohibitions-Gangsters Alvin Karpis wurde, eines Mitglieds der berüchtigten Barker-Karpis-Gang, die vierzehn Todesopfer auf dem Gewissen hatte. Alvin »Old Creepy« Karpis brachte Manson bei, Steel-Gitarre zu spielen, und scheint dem jungen Mann auch sonst ein Ratgeber gewesen zu sein, obgleich er in einem Interview nach Mansons Verhaftung erklärte, von Manson hätte er zuallerletzt erwartet, dass er sich ins »Massenmordgeschäft einlassen würde«.
»Charlie hatte sich an diese neue Sache, die man ›Scientology‹ nennt, gehängt«, sagte Karpis. »Er meinte, damit könnte er alles erreichen oder alles werden. Vielleicht hatte er recht. Der Junge hat versucht, 'ne Menge andere Typen mit seiner Scientology zu lenken, aber landen konnte er bei keinem.«
Bei Scientology handelt es sich um eine an die Seelenwanderung glaubende Sekte. Ihre Anhänger behaupten, man könne Dinge über sein vergangenes Leben erfahren und lernen, den Körper zu verlassen – sich zu »veräußerlichen« – und große Macht und Unsterblichkeit zu erlangen. Manson hörte von Scientology durch einen gewissen Lanier Ramer, ferner durch einen Gene Deaton und durch Jerry Milman, der Mansons Zellengenosse im Gefängnis McNeil-Island war.
Laut Mansons Anhängern war Lanier Ramer ein eifriger Scientologe gewesen und sogar Doktor der Scientology geworden, eine frühe Würde, die von der Bewegung heute nicht mehr verliehen wird.
Ramer löste sich von Scientology und gründete eine eigene Gruppe. Er wurde wegen eines bewaffneten Raubüberfalls verhaftet und später nach McNeil-Island geschickt.
Manson erzählte einem Gefängnisbesucher, er hätte im Gefängnis hundertfünfzig »Schulungssitzungen« mitgemacht – offenbar unter Lanier Ramer. Er behauptete, er hätte sich die scientologische Methode sehr rasch angeeignet, weil sein »Geist nicht programmiert war«. Aber Manson war in keiner Weise ein »Produkt« von Scientology; er entlehnte von ihr lediglich einige Ideen. Die Scientologen nennen das Squirreling – das heißt, jemand übernimmt und modifiziert Praktiken oder Methoden der Scientology.
Manson eignete sich eine Menge scientologischer Phrasen, Neologismen und Praktiken an, die er für seine eigenen Zwecke nutzbar machte, als er später den Geist seiner Jünger neu zu gestalten begann. Ausdrücke wie »Hör auf zu sein« und »Komm ins Jetzt« und die Vorstellung vom »Bilder-Heraufbeschwören« scheinen ihren Ursprung in seinen Sitzungen mit Lanier Ramer zu haben.
Manson befasste sich außerdem mit Freimaurerei und erwarb einige Kenntnisse über freimaurerische Handzeichen (die er später bei Gerichtsverhandlungen den Richtern signalisieren sollte). Offenbar erfuhr er auch einiges über die Erkennungszeichen der Scientology. Später, in der Ära des Grusel-Grauens, sollte Manson unter seinen Anhängern ein eigenes komplexes System von Hand- und Körperzeichen, eine regelrechte Sprache aus Bewegungen und Zuckungen, entwickeln.
Für jemanden, der im Lesen und Schreiben so ungeübt war, zeigte Manson ein hohes Interesse an bestimmten Büchern über Hypnotismus und Psychiatrie. Einem Freund zufolge interessierte er sich ganz besonders für ein Buch mit dem Titel Die Transaktionsanalyse in der Psychotherapie von Dr. Eric Berne, dem Autor von Spiele der Erwachsenen . Charlie, der ewige Ereiferer, drängte seine Freunde, die von ihm entdeckten Bücher ebenfalls zu lesen. Vielleicht war es das Studium der Transaktionsanalye, das Manson auf seine perverse Doktrin vom Kind-Geist brachte. Sicher dürfte sein, dass er aus den ersten Werken der Gruppentherapie eine Menge Ideen entlehnt hat.
Er hatte einen Freund, einen gewissen Marvin White, der anscheinend aus dem Gefängnis McNeil-Island entlassen wurde und dann dafür sorgte, dass Manson Bücher über Schwarze Magie und verwandte Gebiete geschickt bekam.
Ein weiteres Buch, das Manson eine theoretische Basis für seine Family lieferte, war Robert Heinleins Stranger in a Strange Land _1, die Geschichte eines machthungrigen, telepathisch veranlagten Marsmenschen, der mit seinem Harem und einem unstillbaren Sexualhunger die Erde durchstreift und Anhänger für eine neue religiöse Bewegung wirbt. Am Anfang übernahm Manson viele Begriffe und Ideen aus diesem Buch – darunter hoffentlich nicht den darin beschriebenen rituellen Kannibalismus.
Mit dem Helden des Buches, einem gewissen Valentine Michael Smith, sollte sich Manson später identifizieren (sein erstes Kind von einer Anhängerin erhielt den Namen Valentine Michael Manson). Dieser Smith, der eine religiöse Bewegung gründete, tötet oder »entleibt« seine Feinde. Er wird schließlich von einer aufgebrachten Menge zu Tode geprügelt und fährt zum Himmel auf.
Bis zum heutigen Tag halten Mansons Anhänger Zeremonien der Wasser-Kommunion ab, bei denen ein Kreis sitzender Adepten auf ein Glas Wasser starrt, und an denen Manson im Gefängnis auf magische Weise aus der Ferne teilnimmt.
Am besten scheint er sich jedoch in der Bibel ausgekannt zu haben, aus der er lange Stellen zitieren konnte. Außerdem fing er an, seine Zeit auch mit Singen und dem Schreiben von Songs auszufüllen. Der Gedanke, Künstler zu werden, schien ihn zu verlocken. Um diese Zeit hat er offenbar die Erlaubnis bekommen, sich eine Gitarre schicken zu lassen. »Ein Mexikaner hat mir Gitarrespielen beigebracht«, schrieb er. Eine junge Dame, die in der Silverlake-Gegend von Los Angeles eine Boutique hatte, erinnerte sich an Charlie, wie er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis mit seiner Gitarre in ihrem Laden erschien und ihr »wunderschöne Liebeslieder auf spanisch« vorsang – Lieder, die er wahrscheinlich im Gefängnis gelernt hatte.
Die Beatles erregten schon sehr früh seine Aufmerksamkeit – schon während der Wanna-Hold-Your-Hand -Manie von 1963/64. Alvin Karpis von der Barker-Karpis-Bande erinnert sich daran: »Ständig redete er davon, dass er wie die Beatles rauskommen könnte, wenn er die Chance hätte. Immer wieder bat er mich, ihn mit großen Leuten wie Frankie Carbo und Dave Beck zusammenzubringen; mit irgendwem, der ihm zu einem großen Start verhelfen konnte, wenn er raus war.«
Nach fünf Jahren in McNeil-Island klügelten mehrere Freunde von Manson, sogenannte Gefängnisanwälte – Häftlinge mit Rechtskenntnissen –, ein juristisches Manöver aus, durch das Manson am 29. Juni 1966 von McNeil-Island, Washington nach Terminal-Island in San Pedro in die Nähe von Los Angeles verlegt wurde. Wahrscheinlich glaubte man, die Chancen, früher entlassen zu werden, stünden für ihn dort besser.
Auf Terminal-Island begann Manson wirklich, sich auf die Operation Superstar vorzubereiten. Er verbrachte knapp ein Jahr dort.
Freunde erinnern sich, wie er sich fanatisch der Musik und dem Singen widmete.
Ein gewisser Phil Kaufman, der wegen einer Marihuana-Sache im Gefängnis saß, war beeindruckt von Mansons musikalischen Fähigkeiten und machte ihm das Angebot, ihm mit gewissen Verbindungen, die er draußen hatte, weiterzuhelfen, sobald Manson entlassen werde. Anscheinend hat Kaufman ihm den Namen eines Bekannten bei den Universal Studios in Hollywood gegeben, wo Manson Ende 1967 seine Songs aufnehmen lassen sollte.
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