Mit derselben Strenge aber, mit der wir den östlichen deutschen Staat negieren mussten, mussten wir ihn gleichzeitig füttern. »Hilferufe von drüben«, hieß die Aktion, und einer unserer Lehrer war einer ihrer großen Aktivisten. Sein liebstes Geschenk an uns Schüler war ein DDR-Länderkennzeichen-Autoaufkleber, nur dass das Oval bei Herrn Hohenborks Aufklebern von einem Stacheldraht eingegrenzt war. Was »Hilferufe von drüben« sonst so gemacht hat, weiß ich nicht mehr. Für uns jedenfalls bedeutete es vor allem eines: Wir mussten Kaffee ranschaffen. Kaffee, gebrauchte Kleidung und Damen-Strumpfhosen. Denn die so genannte DDR war ein Unrechtsstaat, in dem die Menschen mit Stacheldraht eingesperrt waren, damit sie sich keinen Kaffee, keine Jeans und keine Damenstrumpfhosen kaufen konnten. Diese menschenrechtsverachtende Praxis wurde aber von Herrn Hohenbork unterminiert, indem er Tausende von Paketen gen Osten entsandte, vollgestopft mit Tchibo, Wrangler’s und Nylon. Das ganze Zeug musste aber irgendwoher kommen. Die Kleidung war kein Problem, meine Mutter war eher ganz froh, weil der Altkleidercontainer der Diakonie in Wolbeck stand, und jetzt konnte sie den ganzen Ramsch einfach mir mit zur Schule geben. »Das kannst du doch nicht mehr tragen, Junge, nimm das mal mit zur Schule für die da drüben«, wurde ein häufig gesprochener Satz in Münster-Hiltrup.
Der Rest musste aber gekauft werden, und so mussten wir zur Geldbeschaffung ununterbrochen irgendwelche Aktionen durchführen, um den Kaffee-Nachschub für den Osten zu organisieren. Ich habe im Lauf meiner acht Gymnasialjahre zwischen 1981 und 1989 auf Schulfesten für Kaffee gesungen, für Kaffee Theaterstücke in der Aula aufgeführt, wir gingen in der Projektwoche durch Hiltrup sammeln für Kaffee, wir bastelten, tanzten, malten und spielten Volleyball für Kaffee – ja, ich habe Volleyball für Kaffee gespielt! Mit den Einnahmen aus diesen zahllosen Schulveranstaltungen ging Herr Hohenbork dann immer in den Ratio-Großmarkt und kam mit ganzen VW-Bus-Ladungen Meisterröstung wieder zur Schule zurück. Jede Klasse bekam dann einen großen Stapel ins Klassenzimmer gestellt und musste die ganzen vakuumverschweißten Pfunde in Pakete packen. Ich würde vorsichtig schätzen, dass jeder Schüler meines Gymnasiums bis zu seinem Abitur eine halbe Tonne Kaffee in die so genannte DDR gepackt hatte. Wenigstens durfte man beim Adressieren der Päckchen dann endlich mal DDR ohne Anführungszeichen schreiben, denn mit wäre aus der Kaffeelieferung sozusagen eine politische Paketbombe geworden, die von den Grenzern direkt beim Übertritt entschärft worden wäre, wie Herr Hohenbork warnte, und dann hätten die DDR-Grenzsoldaten unseren mühsam zusammengesungenen Kaffee in einer Pause zwischen zwei Erschießungen einfach aufgetrunken, was wir natürlich auch nicht wollten.
Aber neben dem politischen Kampf um das Überleben von Deutschland in unseren Klassenarbeiten und der Beantwortung der Hilferufe von drüben mit koffeinhaltigen Sendungen sollte auch noch die gar nicht vorhandene menschliche Bindung zu den Brüdern und Schwestern auf der anderen Seite gefestigt werden. Und so startete unsere Schule eine große Brieffreundschaftsaktion. Natürlich völlig freiwillig, wir lebten ja schließlich nicht in einem Unrechtsregime. Wer keine Lust hatte, musste auch nicht mitmachen – sondern lediglich in Einzelgespräche mit Klassen- und Vertrauenslehrer, mit Herrn Hohenbork und dem Vize-Direktor. Anschließend erhielt er eine besondere Förderung im Politik- und Geschichtsunterricht, da hier ja einige Defizite ganz offensichtlich waren, aber sonst konnte man sich völlig frei entscheiden. Entsprechend begeistert bettelten wir Herrn Hohenbork um Ost-Adressen an. Das führte zu interessanten Briefwechseln:
»Lieber Mario, ich hoffe, es geht Dir und Deiner Familie gut, obwohl Ihr in Jena lebt. Hat Deine Mutter genug zum Anziehen? Viele Grüße, Dein Heiko.«
»Lieber Heiko, viele Grüße auch von meiner Mutter, sie braucht jetzt wirklich keine Strumpfhosen mehr, und der Kaffee reicht auch noch eine Weile, außerdem meint sie, wir trügen die Hosen lieber ohne abgewetzte Knie, Dein Mario.«
Aber Herr Hohenbork meinte, so seien sie eben da drüben im Osten, ganz bescheiden, die trauen sich das gar nicht zu sagen, wie schlecht es ihnen geht, ja, die dürften das überhaupt nicht sagen. Wenn sie schreiben würden, dass sie Kaffee bräuchten, dann würde die Stasi sie sofort ins Gefängnis sperren, die müssen das also so sagen, das seien im Grunde ganz typische Hilferufe von drüben, die in Wirklichkeit bedeuteten, dass sie dringend viel mehr Anziehsachen und Kaffee bräuchten, sonst würden die das doch gar nicht erwähnen. Also musste wieder ein neues Paket geschnürt werden.
Nur einmal haben meine Hilfslieferungen wirklich große Begeisterung ausgelöst. Mario erwähnte, dass er ein großer Udo-Lindenberg-Fan sei, aber leider bekäme man ja nichts von dem in der DDR. Nun war meine Musiklehrerin zufällig dessen Cousine, und ich erzählte ihr von der Notlage in Jena. Zwei Wochen später drückte sie mir ein paar Autogrammkarten in die Hand, signiert mit: »Für Mario, Dein Udo«. Die schickte ich los, und bald darauf erhielt ich dann erstmals Jubelschreie von drüben. Fünf Doppelzentner Meisterröstung ohne nennenswerte Reaktion, aber bei sechs unterschriebenen Postkarten überschwängliche Dankesorgien. Dann kam die Wende, und meinen letzten Brief an Mario erhielt ich zwei Wochen später zurück mit dem Stempel: »Unbekannt verzogen«. Es war vorbei. Endlich.
MACHT LIEBE BLIND? ZUMINDEST wagemutig. Ich war schon lange an Sabrina interessiert, ich hatte ein paar Kurse mit ihr gemeinsam belegt, aber ich kam mit meinen Annäherungsbemühungen so recht nicht weiter. Als Sylvester nahte, sah ich meine große Chance kommen, zumal sie gerade zuvor endlich mit ihrem Freund Schluss gemacht hatte. Ich wollte mit ein paar Kumpels nach Berlin fahren; es war das Sylvester nach dem Mauerfall, wir wollten zum Brandenburger Tor, ein bisschen historischen Wind schnuppern, es versprach, interessant zu werden. Ich nahm allen Mut zusammen und fragte, ob sie nicht mitkommen wolle. »Leider nein«, antwortete sie, »ich fahre schon mit Taizé nach Breslau, zum Europäischen Jugendtreffen der jungen Christen. Wenn du willst, könntest du da aber auch einfach mitkommen!«
Ich zögerte keine Sekunde und sagte zu. Die Gelegenheit war einfach zu perfekt: Mehrere Tage mit ihr zusammen – wenn’s da nicht klappte, würde das nie was. Dafür konnte man auch diesen ganzen Christen- und Jugendfreizeitkrimskrams hinnehmen; als Schüler eines bischöflichen Gymnasiums war ich in diesen Dingen ohnehin gestählt.
Bald darauf ging es also los, unsere Gruppe traf sich am Bahnhof von Münster-Hiltrup. Ich landete im Zugabteil neben ihr. Alles lief nach Plan. Abgesehen vielleicht von dem infernalischen Gesinge, das Jörg aus dem Emmerbachtal gleich nach der Ausfahrt aus dem Bahnhof Hiltrup anstimmte. Ich tröstete mich damit, dass er das kaum bis Polen durchhalten würde. Ich sollte mich irren. Erleichtert atmete ich auf, als wir endlich in Helmstedt ankamen und die Grenzer in den Zug stiegen. Leider zeigte die DDR zum Jahreswechsel 1989/1990 schon erhebliche Zerfallserscheinungen, sodass ihre Repräsentanten nur gut gelaunt unsere Papiere flüchtig durchsahen und darauf verzichteten, Jörg wegen republikschädigenden Gesinges einfach mitzunehmen. Die polnischen Kollegen später waren noch etwas gewissenhafter, sodass zumindest für die halbe Stunde an der Grenze Ruhe herrschte. Danach schlief ich erschöpft ein. Und obwohl es mir gelang, meinen Kopf auf Sabrinas Schulter zu betten, hatte mein eigentlicher Plan noch keine Fortschritte gemacht – sie schlief trotz der höllischen Himmelsgesänge bereits seit Hannover. Aber ich konnte warten.
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