1 ...6 7 8 10 11 12 ...28 Bei diesen Worten wechselten Heinrich Burckhardt und Julius Dennhardt vielsagende Blicke. Sie würden sich und ihren beiden Bräuten sicher schöne Tage machen in der Stadt und den Argusaugen der Tante ausweichen.
Francisca und Louise kicherten, als sie die Tante sahen. Ja, die gute Therese Vogel gab sich immer sehr mondän, wenn sie ins beschauliche Meißen kam, und wurde nicht müde zu betonen, wie groß und weltstädtisch Dresden war. Allerdings führte dies dazu, dass sie übermäßig besorgt war, wenn die Meißener Mädchen nach Dresden kamen. Wie eine Glucke hatte sie gut acht auf die drei Schwestern. Louise winkte ihr zu, was noch heftigeres Tantenwinken zur Folge hatte. Die gute Therese Vogel war verwitwet, trug schwarze Kleider mit vielen Rüschen und immer einen Hut mit einem kleinen Schleier. Dadurch war sie zwischen all den frühlingshaft hell gekleideten Menschen gut zu erkennen.
»Gut, dass sie weiß, dass wir sie schon gesehen haben, sonst würde sie womöglich noch auf und ab hüpfen«, vermutete Francisca und nahm ihren Koffer.
»Aber Francisca, den Koffer musst du doch nicht nehmen. Gib ihn mir«, verlangte Heinrich und nahm seiner Braut die Last ab. Francisca lächelte ihn dankbar an, zumal das Gedränge an Bord des Schiffes so kurz vor der Ankunft in Dresden lästig wurde. Julius nahm seiner Braut ebenfalls das Gepäck ab und vergaß auch Louise nicht. So kam die kleine Reisegruppe ans Ufer. Dort standen sie vor der Tante und die beiden Herren sahen sich einem kritischen Blick unterzogen. Ein Militärarzt hätte nicht prüfender dreinschauen können.
»Da habt ihr euch zwei schöne, stattliche Männer ausgesucht«, waren die ersten Worte der Tante, noch bevor sie ihre Nichten begrüßt hatte. Die beiden Herren gaben der Tante die Hand und verneigten sich kurz, indem sie sich vorstellten.
»Burckhardt und Dennhardt. Und schöne Namen haben sie obendrein. Guten Tag, meine Lieben alle. Es muss eine angenehme Fahrt gewesen sein, von Meißen hierher, bei dem Wetter.«
Die drei Schwestern begrüßten ihre Tante mit einer Umarmung.
»Aber nun lasst uns erst einmal zu mir nach Hause gehen. Ihr seid sicher alle müde von der Reise, nicht wahr?« Louise musste neben der Tante gehen, die beiden Paare folgten.
»Was wird dort gebaut, Tante?«, fragte Louise, als sie die Baustelle passierten, deren Kräne sie schon vom Schiff aus gesehen hatten.
»Gottfried Semper baut dort ein Hoftheater. In zwei Jahren soll es fertig sein. So lange musst du dich noch gedulden, Louise.«
»Du musst mich unbedingt wieder einladen, wenn es fertig ist. Ich will alles sehen, was dort gespielt wird.«
»Am liebsten würdest du dort wohl selbst spielen? Tante Malchen hat mir erzählt, dass du den halben Schiller auswendig kannst.«
»Sie kann den ganzen Schiller auswendig, Tante«, rief Antonie belustigt. »Was Louise tut, das tut sie richtig gründlich.«
»Tatsächlich, bist du ein solcher Bücherwurm? Hier in Dresden gibt es so viel Unterhaltung, da wirst du nicht zum Lesen kommen, Louise.«
Louise schwieg dazu. Die Schwestern hatten schon angedeutet, dass sie sie in die Gesellschaft einführen wollten, wie es so schön hieß. Allein dieser Gedanke machte Louise Herzrasen. So viele ihrer Schulkameradinnen brannten darauf, endlich auf Bälle zu gehen, sich zu zeigen, nur zu dem einen Zweck, dass man sich einen möglichst reichen Bräutigam angelte. Louise schauderte. So sehr sie sich auch bemühte, sich streckte und aufrecht hielt, man sah ihr an, dass sie nicht gerade gewachsen war. Tanzen war für sie eine unendliche Qual, denn ihr Bein konnte niemals mithalten mit der Musik. Wer sollte sich also auf einem Ball für sie interessieren? Und sie hasste es, aus Mitleid aufgefordert zu werden.
Ihre Schwestern hatten beide Glück gehabt: Heinrich und Julius waren freundliche, fürsorgliche Männer, deren Liebe erwidert wurde. Die beiden beteiligten sich sogar an dem literarischen Zirkel namens »Bienenkorb«, den die Otto-Schwestern ins Leben gerufen hatten und der von ihrem Mieter Dr. Wilhelm Milberg geleitet wurde. Louise musste zugeben, dass die beiden Herren durchaus Brauchbares zu den Gesprächen beisteuerten. Aber waren solche Männer nicht die Ausnahme?
Noch während Louise ihren Gedanken nachhing, waren sie an der Wohnung der Tante angekommen. Sie lag im fünften Stock eines großartigen Hauses.
»Ach, wenn doch nur die Treppen nicht wären!«, stöhnte die Tante. »Aber um nichts in der Welt wollte ich auf die Aussicht verzichten.«
Von der rüschigen Garderobe der Tante auf eine plüschige Wohnungseinrichtung zu schließen, war durchaus berechtigt, aber tatsächlich war der Blick aus dem Wohnzimmerfenster grandios.
»Schauen Sie sich das an, meine Herren! Canaletto hätte es nicht schöner malen können, nicht wahr?«
»Die Blümchengardinen hätte Canaletto weggelassen«, dachte Julius, pflichtete der Tante aber höflich bei.
Die drei Schwestern hatten sich für einen Moment zurückgezogen. Die Tante vermutete, dass sie die Koffer auspackten. Dies taten sie tatsächlich. Allerdings nur, um ihre guten Kleider für die Stadt hervorzuholen und sich gegenseitig frisch zu frisieren. Louise beteiligte sich daran eher lustlos.
Unterdessen hatten die Herren mit der Tante im Wohnzimmer Platz genommen und ließen sich einen Sherry schmecken. Die Tante wusste, was gut war!
»Da die Mädchen keine Eltern mehr haben, bei denen Sie um ihre Hände anhalten müssten, haben Sie das wohl ganz unter sich ausgemacht, nicht wahr? Im letzten Jahr wurde endlich diese dumme Vormundschaft aufgehoben, so dass die beiden Ihnen selbst sagen konnten, ob Sie ihnen recht sind oder nicht. Aber trotzdem würde ich von Ihnen gerne erfahren, wen ich als meine angeheirateten Neffen hier in meinem Haus begrüße.«
Julius räusperte sich und schaute Heinrich an. Dieser gab ihm zu verstehen, dass er ihm den Vortritt ließ, und so begann Julius zu berichten: »Mein Name ist Julius Dennhardt, ich bin 33 Jahre alt und von Beruf Jurist. Antonie und ich werden in Oederan im Erzgebirge wohnen. Dort habe ich eine Stelle als Gerichtsdirektor in Aussicht.«
»In Aussicht?«, fragte die Tante eine Spur zu schrill und ließ ihr Sherryglas, das sie eben an ihre Lippen setzen wollte, wieder sinken. Beinahe hätte sie nach ihrem Lorgnon gegriffen, wenn Julius nicht eilig nachgelegt hätte: »Es ist schon alles unter Dach und Fach, Gnädigste. Der Vertrag ist unterschrieben, ich muss nur hinfahren und anfangen.«
»Und wann soll die Hochzeit sein?«
»Im November werden wir in Meißen im Dom heiraten. Solange arbeite ich noch als Jurist in Meißen. Aber in Oederan habe ich uns schon ein Haus gekauft und mit dem Nötigsten eingerichtet. Antonie wird sicher ihre eigenen Vorstellungen haben …«
»Nun, das klingt nicht schlecht. Sie verstehen sicher, dass ich nur das Beste für die Mädchen will, vor allem, da ihre Eltern nicht mehr leben. Und was gefällt Ihnen besonders an Antonie? Die großzügige Mitgift kann es ja schwerlich sein, aber ich will sehen, was ich machen kann.«
Die Frage der Tante ließ Julius verliebt lächeln, wie es sich für einen Bräutigam gehörte.
»Ich liebe einfach alles an ihr. Sie hat einen guten, festen Charakter, ist dazu fröhlich und immer gut gelaunt. Und sie gefällt mir mit ihrem blonden Haar, den blauen Augen …«
»Ja, so ist es recht, Herr Dennhardt. Und sie passt zu Ihnen, denn Sie haben dunkles Haar und dunkle Augen. Sie werden sicher einmal hübsche Kinder haben. – Und nun zu Ihnen, Herr …«
»Burckhardt, Heinrich Burckhardt. Ich bin dreißig Jahre alt und von Beruf Apotheker und Chemiker.«
»Oh, gleich zwei Berufe!«, rief die Tante anerkennend aus. »Und wo werden Sie wohnen?«
»Ich habe eine Apotheke in Mühlberg. Wir werden im nächsten Jahr heiraten und dann nach Mühlberg ziehen.«
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