Die Theorie von ADHS als biologischer Störung – von amerikanischen Psychiatern widerlegt
Im Jahre 1998 organisierte das NIMH eine „Konsens-Konferenz“ mit dem offensichtlichen Ziel, dass ADHS als genetisch determinierte biologische Störung anerkannt werden sollte. Bei dieser Konferenz wurde ein Beitrag zur Prüfung der gesamten Bandbreite der Berichte über Gehirnscans vorgelegt, die angeblich für eine biologische Basis von ADHS sprachen. In diesen Gehirnscan-Studien wurde behauptet, dass in bestimmten Gehirnarealen von Kindern mit ADHS-Diagnose Anomalien gefunden worden seien. In vielen dieser Studien waren solche Kinder jedoch mit Stimulanzien behandelt worden. Und keine dieser Studien konnte den Nachweis dafür erbringen, dass sie ausschließlich mit ADHS-Kindern gemacht worden war, die keine zentral wirksamen Stimulanzien erhalten hatten. 3
Demzufolge waren die Unterschiede zwischen den Gehirnen normaler Kinder und denen der Kinder mit ADHS-Diagnose mit größter Wahrscheinlichkeit auf die Wirkung der Medikation zurückzuführen, die dafür bekannt war, dass sie zumindest bei Affen Schädigungen in den fraglichen Gehirnarealen hervorrief.
In Laufe der Konferenz wurden auch mehrere Beiträge vorgelegt, die ernsthafte Risiken und Nebenwirkungen von zentral wirksamen Stimulanzien hervorhoben. Nachdem eine Reihe von Vorträgen angehört und zahlreiche Beiträge von Wissenschaftlern studiert worden waren, die über ADHS geforscht hatten, zog das Gremium die Gültigkeit der ADHS-Diagnose mit gutem Grund in Zweifel. Sehr enttäuschend für die Medikationsbefürworter vom NIMH war die Schlussfolgerung in der abschließenden einvernehmlichen Erklärung, die an die Presse verteilt und in der festgestellt wurde, es gebe keine Hinweise darauf, dass eine Gehirnstörung Ursache für ADHS sei.
Im Jahre 2000 gab es eine ähnliche Erklärung der American Academy of Paediatrics [zu Deutsch etwa: Amerikanische Akademie für Kinderheilkunde], die besagte, dass Gehirnscans und ähnliche Studien keine zuverlässigen Aussagen über Unterschiede zwischen Kindern mit ADHS und Kontrollgruppen machten. 4
Obwohl seit über 50 Jahren einer ständig zunehmenden Zahl von amerikanischen Kindern zentral wirksame Stimulanzien verschrieben werden und ungeachtet der Tatsache, dass viele Kinder diese Medikamente fünf Jahre oder länger nehmen, waren bis vor Kurzem keine Fördergelder des NIMH mit dem Ziel bewilligt worden, die Gefahren der Langzeit-Einnahme von Ritalin und anderen Stimulanzien aufzudecken. Im Jahre 1999 wurde die sogenannte MTA-Studie veröffentlicht (Multimodal Treatment Approach = multimodaler Behandlungsansatz), die Kindern galt, die ein Jahr lang mit Stimulanzien behandelt worden waren. Davor wurden die behandelten Kinder bei den meisten Studien höchstens ein paar Monate beobachtet. Einer der an dieser ersten MTA-Studie maßgeblich beteiligten Forscher, Professor Peter Jenson, äußerte sich folgendermaßen:
„Wir haben die beste Studie gemacht, die es auf unserem Planeten je gegeben und die Eltern und Lehrern dieser Kinder geholfen hat – und was kam dabei heraus? Es kam heraus, dass die medikamentöse Therapie bei diesen Kindern immer noch die wirksamste war.“ 5
Laut Eric Tailer, einem renommierten britischen Kinderpsychiater, war die wichtigste Schlussfolgerung der Studie, dass eine sorgfältig durchgeführte Medikation besser sei als jede andere Behandlung; aufgrund dessen sei zu fordern, dass die medikamentöse Therapie allen Kindern mit ADHS zugänglich gemacht werde.
Diese erste MTA-Studie war ein Triumph für die Pharmaindustrie und für die Befürworter von Ritalin bei ADHS. Gleichzeitig erwies sie sich als Blamage für die weltweite Gemeinschaft der Kinderpsychiater und als Katastrophe für die steigende Zahl von Kindern, die infolge dieser Studie als „ADHS-Kinder“ abgestempelt und mit Stimulanzien behandelt wurden.
Das Studienergebnis wurde weltweit publiziert und führte dazu, dass immer mehr Kinder auf der ganzen Welt das Etikett „ADHS“ erhielten und mit zentral wirksamen Stimulanzien behandelt wurden. In mehr als zehn Ländern, die ich besuchte, um Kurse in rhythmischem Bewegungstraining zu geben, habe ich Berichte über eine ständig steigende Zahl von Kindern gehört, die seit dem Jahr 2000 mit zentral wirksamen Stimulanzien behandelt werden.
Die MTA-Nachfolgestudie von 2007
Im Jahre 2007 wurde vom selben Forschungsteam eine Nachfolgestudie veröffentlicht. Sie hatte die Kinder, die medikamentös behandelt wurden, über drei Jahre beobachtet.
Das Ergebnis dieser Studie war für das Forschungsteam eine große Enttäuschung. Einer der wichtigsten Beteiligten, Professor William Pelham, trat bei BBC Panorama, einer investigativen TV-Sendung, auf und erklärte, im Gegensatz zu den Erwartungen des Forschungsteams hätten sich auch nach 36 Monaten Behandlung keinerlei positive Wirkungen eingestellt. Laut Professor Pelham gab es keine Hinweise, dass Medikamente auf lange Sicht besser seien als keine Behandlung, und er betonte, diese Information solle man den Eltern eindeutig klar machen. 6
Laut Professor Pelham zeigte der Bericht, dass die anfänglich guten Behandlungsergebnisse bei den Kindern mit den schwerwiegendsten Problemen vollständig verschwanden, als sie älter wurden. Der Bericht stellte außerdem fest, dass zentral wirksame Stimulanzien das normale Wachstum von Kindern hemmten und dass davon auch das noch wachsende Gehirn beeinflusst werde.
Zudem veranschaulichte die Studie, dass zentral wirksame Stimulanzien mit aggressiverem und unsozialerem Verhalten korrespondieren sowie mit einem erhöhten Risiko, später kriminell und drogenabhängig zu werden. Kinder im Alter zwischen 11 und 13 Jahren, die an der Studie teilnahmen, griffen im Gegensatz zu einer Kontrollgruppe von Klassenkameraden öfter zu Alkohol und illegalen Substanzen. Der häufigere frühe Beginn des Missbrauchs, so die Schlussfolgerung des Berichts, mache klinische Behandlung erforderlich. 7Mit typisch englischem Understatement äußerte Professor Pelham in der oben erwähnten BBC-Sendung:
„Ich glaube, wir haben die positiven Wirkungen der Medikation in der ersten Studie überschätzt.“
Wenngleich das Ergebnis dieser neuen Studie in den USA, in Großbritannien und in Australien veröffentlicht wurde, schwiegen sich die schwedischen Medien darüber aus. Meines Wissens haben diese Erkenntnisse nirgendwo auf der Welt Diskussionen unter den Psychiatern oder in den Medien ausgelöst. Medizinische Fachleute geben Fehler selten oder niemals zu und im Fall der zentral wirksamen Stimulanzien scheinen die Psychiater ein „Vogel-Strauß-Verhalten“ vorzuziehen. Vielleicht warten sie auf eine neue Studie, die das Ergebnis der vorherigen widerlegt? Die Pharmaindustrie wird zweifellos alles daransetzen, dass es dazu kommt.
Zentral wirksame Substanzen verringern das Wachstum
Hätten die verantwortlichen Forscher der MTA-Studien ihre Hausaufgaben gemacht und die zahlreichen vorausgegangenen Studien analysiert, dann wären sie vom Ergebnis nicht so überrascht gewesen. Dutzende von Studien haben tatsächlich gezeigt, dass zentral wirksame Stimulanzien das Gesamtwachstum verringern. Eine offensichtliche Ursache ist, dass sie den Appetit zügeln, doch noch heimtückischer ist, dass sie die Produktion des Wachstumshormons stören. Das wurde bereits 1976 von einer norwegischen Forschergruppe gezeigt. 8
In einer Studie von 1986 mit 24 jungen Erwachsenen, die als Kinder wegen Hyperaktivität mit zentral wirksamen Stimulanzien behandelt worden waren, wurde in mehr als 50 Prozent der Fälle ein Schwund an Gehirnmasse festgestellt. 9
Zentral wirksame Substanzen verbessern den schulischen Erfolg nicht
Entgegen allen Behauptungen der Befürworter von Ritalin bei ADHS kommt es bei den mit zentral wirksamen Stimulanzien behandelten Kindern nicht zu verbesserten schulischen Leistungen. Bereits im Jahre 1976 konnte eine Doppelblindstudie bei mit zentral wirksamen Stimulanzien behandelten Kindern keine verbesserten Schulleistungen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe zeigen, wenngleich das Verhalten der behandelten Kinder als besser eingestuft wurde. Ganz im Gegenteil, die Forscher fanden heraus, dass zentral wirksame Stimulanzien wünschenswerte Verhaltensweisen, die das Lernen erleichtern, unterdrücken. Im Jahre 1992 warnten James Swanson (ein prominenter Befürworter von Ritalin bei ADHS) und seine Kollegen, dass es bei den üblicherweise verordneten klinischen Dosen zur toxischen Wirkung auf die geistigen Fähigkeiten, zur kognitiven Toxizität, kommen könne. Die Kinder würden verschlossen und überfokussiert und viele erschienen „zombiartig“. Laut Swanson ist kognitive Toxizität weit verbreitet und kann bei 40 Prozent der behandelten Fälle auftreten; und die Überfokussierung der Aufmerksamkeit kann das Lernen eher beeinträchtigen als verbessern. 10
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