Dank eines üppigen Frühstücks verzichtete Timo auf das kulinarische Angebot und hielt sich an die Wegbeschreibung seines Handys zum Münsteraner Aasee, den er nach kurzer Internetrecherche als seinen heutigen place to be auserkoren hatte. Schnell noch ein Kiosk-Wegbier auf die Hand und schon saß er zwischen Familien und Studenten auf einer grünen Wiese mit Blick auf zahlreiche Tret- und Segelboote, die auf der ruhigen Wasseroberfläche ihre kleinen Bahnen zogen. Entschleunigend, dachte Timo und stellte die geleerte Radlerflasche neben sich ins Gras. Er breitete seine Jacke auf dem Boden aus und legte sich rücklings hin. Die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit fest zusammengekniffenen Augen als Sonnenbrillenersatz nickte Timo nach einer kurzen Weile unerwartet ein.
Belustigt und angewidert zugleich beobachtete Robert, wie der Mann mit dem schütteren Haar im dunklen Business-Anzug versuchte, möglichst unbemerkt die Hundescheiße unter seinen feinen Herrenschuhen am Rand des U-Bahnsteigs abzuwischen. Scheiße war auch Roberts heutiger Tag gewesen. Frau Tares vom Arbeitsamt hatte ihm tatsächlich die Stellenausschreibung eines Callcenters ausgedruckt. Call-Center-Agent nannte man den Job eines Telefonisten heutzutage. Klang ein wenig nach James Bond. War es aber leider nicht.
Geschichten über diese Ausbeutervereine hörte man an jeder Ecke. Als ganz armes Schwein musste man sich sowohl von den eigenen Chefs als auch von genervten Kunden beschimpfen lassen. So wie Robert selbst ganz außer sich gewesen war, als sein Handyvertrag-Kundenberater einmal nicht schnell genug eine befriedigende Lösung parat hatte. Damals fühlte er sich im Recht – jetzt unangenehm berührt. So weit, dass auch er als Boxsack gefrusteter Teleshopping- und Versandhandelskunden fungieren würde, durfte es nicht kommen.
Der Geschäftsmann war wieder sauber und setzte sich auf eine der heruntergekommenen Wartebänke. Eine Sitzgelegenheit weiter lag ein Obdachloser in voller Länge auf dem Eigentum der Berliner Verkehrsbetriebe. Reichlich Bier- und Schnapspullen sowie eine kleine Plastiktüte, aus der Essensreste hervorschauten, komplettierten die traurige Großstadt-Momentaufnahme. Zudem verbreitete der bemitleidenswerte Mann einen üblen Geruch. Eine vorbeigehende Mutter zog ängstlich ihr kleines Mädchen zu sich, das sich neugierig auf den Jägermeister-Fan zubewegen wollte. Hoffentlich ist das kein Blick in meine Zukunft, dachte Robert, immer noch geschockt vom Termin beim Amt.
Er war nach seiner betriebsbedingten Kündigung bei einem Berliner Start-Up-Unternehmen jetzt bereits drei Monate arbeitslos. Doch was stellte sich die Drachenlady von der Agentur für Arbeit eigentlich vor? Grafiker wurden zwar gesucht. Aber nur mit jahrelanger Berufserfahrung. Und die hatte Robert nicht. Und dass sein Leben bislang nicht immer optimal gelaufen war, interessierte bei der Behörde sowieso keine Sau. Schon gar nicht Frau Tares. Während die Jobvermittlerin anfangs noch zu motivieren wusste – „Akademiker kriegen wir immer schnell in Arbeit“ –, zeigte sie alsbald ein anderes Gesicht. Da muss wohl jemand seine Quote aufbessern, vermutete Robert, als sie ihm mitteilte, dass der Staat kein Auffangbecken für schlecht organisierte Uni-Absolventen sei.
„Haben Sie denn meine Mail nicht gelesen? Ich hatte Sie auf eine Stellenausschreibung als Grafiker hingewiesen, in der eine Übernahme als Volontär nach erfolgreich absolviertem Praktikum mit großer Wahrscheinlichkeit in Aussicht gestellt wird. So was gibt es selten. Sollte ich die Chance nicht wahrnehmen?“, wollte Robert noch wissen.
„Mails bearbeiten wir aus Zeitgründen aktuell gar nicht. Und jetzt bitte ich Sie, sich bei einem der von mir vorgeschlagenen Call-Center zu bewerben. Das Ergebnis schicken Sie mir postalisch mit dem beigefügten Antwortschreiben zu“, erwiderte die Tares kühl.
Natürlich gibt es immer solche und solche. Auch beim Jobcenter. Aber, dachte Robert frustriert, dass dir zur Begrüßung noch nicht einmal die Hand gereicht wird, als ob du ein Leprakranker im fortgeschrittenen Stadium wärst, sagte doch alles. Wie ein Mensch zweiter Klasse fühlt man sich da. Wie auf dem Abstellgleis. Unter ohrenbetäubendem Tosen fuhr die U8 in den Bahnhof Berlin Westkreuz ein und riss Robert aus seinen Gedanken.
Nur noch wenige Meter trennten ihn von seiner Vierzimmerwohnung in der Holzmarktstraße in Friedrichshain. Das schicke Apartment konnte Robert sich leisten, weil seine Vermieter die Eltern eines alten Bekannten waren. Diese hatten ihm nicht nur den mühsamen Besichtigungsmarathon auf dem Berliner Wohnungsmarkt erspart, sondern kamen ihm auch mit der Miete entgegen.
Ganz anders als bei seiner ersten Singlebude, die er zu Münsteraner Zeiten bezogen hatte. Dreihundertneunzig Euro für knapp dreißig Quadratmeter. Ohne Balkon. Ohne Fenster im Badezimmer. Zweckdienlich, aber Küche, Schlaf- und Wohnzimmer in einem Raum vereint funktionierte nicht als Dauerlösung. Der eigentliche Hammer kam nach dem Auszug. Behielt der Bluthund von Hausverwalter die gesamte Kaution in Höhe von zwei Kaltmieten ein. Angeblich, weil das die notwendigen Renovierungsarbeiten erfordert hätten. Eine Dreistigkeit sondergleichen. Robert hatte die verrauchten Wände wieder weiß gestrichen und alles blitzblank geputzt. Die Vermieterin hingegen war in all den Jahren nicht für eine einzige Reparatur aufgekommen. Lediglich die Fenster wurden isoliert, natürlich inklusive entsprechender Mieterhöhung. Robert fehlten damals das Geld und die Zeit, um gegen den Verlust der Kaution juristisch vorzugehen. Sollten die Gierschlünde doch an der Kohle ersticken.
Seine Wohnung in Berlin dagegen erwies sich als echter Glücksfall. Er mochte das pulsierende Leben in Friedrichshain. Auch wenn der Stadtteil inzwischen zu hip geworden war. Zumindest empfand Robert das so, seit er als Arbeitssuchender nicht mehr offiziell zu den coolen Kreativen gehörte.
Die Dämmerung setzte bereits ein und wurde durch das gleißende Licht der Straßenlaternen kompensiert. Außer Robert, der jetzt vor der Eingangstür des Mehrfamilienhauses stand, in dessen erster Etage er residierte, war keine Menschenseele auf der Straße. Oder doch? Robert hörte leise Schritte und drehte sich um. Vor ihm stand eine junge Frau. Sie hatte ihre Arme hinter dem Rücken verschränkt und sich die Kapuze tief in das Gesicht gezogen. Dennoch spürte Robert, dass ihre Augen ihn fixierten.
„Kennen wir uns?“ Mehr fiel ihm in der paradox anmutenden Situation nicht ein. Sein Gegenüber blieb stumm. Robert wurde es langsam unheimlich. Hatte sie ihn etwa verfolgt? Im Gegensatz zu seiner sittsamen Heimatstadt Münster zogen in Berlin so einige Verrückte durch die Gegend. Menschen, die mit sich selbst sprachen. Laut vor sich hin fluchten. Oder Passanten anpöbelten. Die Fremde vor ihm war anders, starrte ihn einfach weiterhin an. Durchgeknallt, aber harmlos, beruhigte sich Robert. Oder kannte er sie sogar? Er konnte keine direkte Verbindung herstellen, doch die Statur und der schmale Mund … Ach, egal.
„Komm, verpiss dich“, presste Robert hervor, der diesen weiblichen Freak als Krönung seines misslungenen Tages ausmachte und einfach nur in seine Wohnung wollte. Hastig zog er den Haustürschlüssel aus der rechten Tasche seiner Jeans und steckte ihn in das Türschloss. Nicht ahnend, dass er sich schon bald nie wieder Sorgen über unfreundliche Behördenmitarbeiter oder bezahlbaren Wohnraum zu machen brauchte.
Ein Bier in der linken, eine Zigarette in der rechten Hand. Entspannt sitzen auf dem Balkon, der nur spärlich durch die Schreibtischlampe seines angrenzenden Zimmers beleuchtet wurde. Das war Fredericks tägliches Ritual nach der Arbeit, um abzuschalten. Abzuschalten vom nervtötenden Piepen beim Durchziehen der Artikel aus dem Produktsortiment des Lebensmittelladens, in dem er als Azubi im ersten Ausbildungsjahr tätig war.
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