Bill fuhr fort: „Wir hörten so ungefähr um zwei in der Früh zu spielen auf und ich musste um sechs aus dem Bett, um zur Arbeit zu gehen. Mein Durchschnitt waren drei Stunden Schlaf und die meiste Zeit wusste ich nicht so recht, wo ich war. Aber ich musste weitermachen, weil ich Stephen hatte. Am Ende musste ich trotzdem eine Entscheidung treffen – denn man stellte mich in der Arbeit vor die Alternative, meine Haare zu schneiden oder zu gehen. Ich hatte schon vor meinem Einstieg bei den Stones langes Haar gehabt, aber jetzt war es länger denn je. Es kam mir so blödsinnig vor: Alle – die Leute bei der Arbeit, meine Freunde, meine Eltern, meine Frau – sagten, ich solle lieber meinen Job behalten und nicht mit den Stones gehen. Später, als wir erfolgreich waren, hieß es dann: ‚Siehst du, ich hab’ gewusst, du schaffst es.‘“
Glyn Johns, damals Cheftechniker der I. B. C. Studios in London, sagte: „Als ich sie zum ersten Mal traf, hatte ich Derartiges noch nie gesehen.“ Johns verhalf den Stones im Januar 1963 zu einer Aufnahmesession. „Ich erinnere mich, dass ich sie für die erste Session zu I. B. C. brachte und Angst hatte, sie dem Studiobesitzer George Clouston vorzustellen. Wenn ich mir jetzt ihre Fotos von damals anschaue, sehen sie so zahm und harmlos aus, dass ich es nicht in Zusammenhang bringen kann mit dem Eindruck, den sie auf die Leute machten. Es war einfach ihr Auftreten, ihre Kleidung, ihr Haar – ihre ganze Einstellung offenbarte sich unverzüglich, sobald man sie spielen sah. Es war einfach ein totaler Furz auf die Gesellschaft, auf alles und jeden.“
„Am Anfang der Stones war Brian das Obermonster“, erzählte Alexis Korner. „Er hatte ein unglaublich aggressives Auftreten. Sein Haar war damals schon ziemlich lang und er hatte dauernd einen Schmollmund, gepaart mit boshaften Seitenblicken, wobei er die meiste Zeit unglaublich wolllüstig aussah. Er sprang immer mit seinem Tamburin nach vorne, um es dir ins Gesicht zu donnern, während er dich gleichzeitig höhnisch anlächelte. Die Aggression hatte einen enormen Einfluss. Brian konnte aber auch ein sehr empfindsamer Musiker sein und langsamen Blues außergewöhnlich gut spielen. Doch am meisten ist er mir wegen seiner aggressiven Art in Erinnerung geblieben. Brian erreichte mit seiner extremen Aggressivität, was er erreichen wollte. Und diese Aggressivität war wirklich eine extreme Herausforderung – wenn er auf der Bühne war und spielte, reizte er jeden Mann im Raum dazu, ihm eine zu verpassen. Das war echt und einfach das Gefühl, das man bekam. Am Anfang verkörperte Brian das aggressive Image der Stones viel mehr als Mick.“
„Aber es war immer Mick, der es mit den Leuten aufnahm“, sagte Stu. „Als uns ,Jazz News‘ jede Woche verarschte und es schien, als druckten sie die Ankündigungen der Stones absichtlich falsch, war es Mick, der in die Redaktion ging und Klartext redete.“
„Auf der Bühne jedoch“, sagte Alexis, „war es Brian, der die Typen dazu reizte, dass sie ihn vermöbeln wollten. Er machte mit voller Absicht die Freundin von irgend jemand an und wenn der dann ungemütlich wurde, knallte er ihm ein Tamburin ins Gesicht.“
„Brian hätte ein paarmal umgebracht werden können“, sagte Stu.
9
She said: „Daddy, this old World Boogie
Gone take me to my grave
Gone take me to my grave.“
Bukka White: „World Boogie“
schon vor zehn Uhr morgens saß ich mit dem Rücken zum majestätischen Panorama von Los Angeles im Wohnzimmer und redete über ein beiges Telefon mit dem Mitarbeiter einer Reiseagentur, der mir mitteilte, dass Jack Kerouacs Begräbnis nur per Taxi oder Leihwagen von Boston aus zu erreichen sei. Dafür war keine Zeit, aber da ich den Brief aufgegeben hatte und die Stones laut Sandison planten, die nächste Woche im Studio zu verbringen und „Let It Bleed“ fertigzustellen, konnte ich heimfahren und versuchen, mich auf die Tournee vorzubereiten.
Nach einem Einkaufstag – eine Lederjacke, eine Unze Gras – fuhr ich mit Chip Monck und Jan Stewart, die unterwegs waren, um die Halle zu inspizieren, in der die Stones in Chicago auftreten sollten, zum Flughafen. Die beiden waren ein kurioses Paar: Stu mit seinem ordentlichen schwarzen Haar, hinten und an den Seiten kurz geschnitten und in Khakikosen, Golf-Shirt und Hush Puppies – dazu als Kontrast Monck in seiner kalifornischen Cowboyausrüstung mit roten Wildlederhosen. Monck war wieder im Sitzen eingeschlafen. Er war der einzige Mensch, den ich kannte, dem es gelang, beim Einschlafen überheblich zu wirken.
Ich fragte Stu, der den Wagen lenkte, ob die Stones für die Tour ein Flugzeug chartern würden. Stu sagte, das wisse noch niemand, es sei aber vielleicht keine schlechte Idee; Keith hatte Flugverbot bei Alitalia, „weil er von Rom bis London in der Toilette blieb und es mit der verrückten Anita getrieben hat“.
Um elf Uhr abends flog ich mit einem Flugzeug voller müder alter Leute, die vom Urlaub in Singapur zurückkamen und sehr still waren, nach Memphis. Christopher erwartete mich am Ausgang. Es ist schon vorgekommen, dass Leute sie fragten, ob sie ein Kind oder eine Erwachsene ist. Christopher ist einen Meter fünfzig groß, aber – wie Hermia in Shakespeares „Sommernachtstraum“ – „mag sie auch nur klein sein, ist sie doch ungestüm und wild“.
Christopher arbeitete an diesem Tag, mit Maschinen und Menschen redend, von drei Uhr bis Mitternacht für Omega Airlines und ihre Augen, die sich wie das Meer verändern, schauten müde und rot aus. Als ich Christopher, die Großenkelin des Kapitäns eines Mississippidampfers, kennenlernte, war das Familienvermögen zerronnen und sie lebte mit ihrer Mutter wie verkrachte russische Fürstinnen in einem staatlichen Wohnbauprojekt in Memphis. Ihre Eltern hatten sich, bevor sie zur Welt gekommen war, getrennt und sie kannte ihren Vater nicht. Seit Christopher ein kleines Mädchen gewesen war, hatten sie in der Siedlung logiert. Ihre Mutter, weder ihrer Erziehung noch ihrer Neigung nach für niedere Dienste geschaffen, hat weder gekocht noch aufgeräumt. Sie aßen in einem Lokal namens „Mae’s Grill“ oder andernfalls Sandwiches und Wiener Würstchen zu Hause. Als sie sehr jung war, ging Christopher in eine private Tagesschule. Eines Tages – sie war ungefähr fünf – rief ihr Vater in der Schule an und sagte Christopher, er werde sie jetzt holen kommen. Er kam dann doch nie, aber er hatte sie in Furcht versetzt.
Christopher wuchs, was Männer anbelangt, in vollkommener Ahnungslosigkeit auf. In Büchern sah sie Fotos von römischen Statuen mit Feigenblättern und dachte, dass Männer so beschaffen wären. In der Highschool hatte sie kein einziges Rendezvous, aber sie las Thackeray, Henry James, Jane Austin. Sie wusste damals mehr über das Leben als ich jetzt.
Ich war neunzehn, als ich sie kennenlernte und einen arroganteren jungen Narren hat es nie gegeben. Unbelastet von Bildung und Erfahrung sah ich keinen Grund, warum ich nicht das Niveau von Poe oder Melville erreichen können sollte. (Nicht Mark Twain – ich hatte keinen Schaum vor dem Mund.) Ich war auch ein großartiger und zynischer Liebhaber. Christopher vergab mir.
Fast zehn Jahre waren vergangen. Christopher hatte sich durchs College gearbeitet und ihre Mutter aus der Sozialwohnung befreit. Sie hatte als Hauslehrerin, am Empfang eines Spitals und als Sekretärin eines Spar- und Kreditinstituts gearbeitet. Ich hatte Karate unterrichtet und für die staatliche Wohlfahrt gearbeitet, war ein Pinkerton-Agent gewesen und hatte von meinen Eltern gelebt und versucht, das Schreiben zu erlernen. Jetzt war ich ein sogenannter Journalist. Christopher hatte für eine Fluglinie arbeiten wollen, um reisen zu können. Wir waren auch gereist, aber Omega änderte Christophers Arbeitsplan alle paar Wochen, so dass sie selbst dann an Jetlag litt, wenn sie nirgendwo hingekommen war. Wir arbeiteten beide durchgehend, aber das einzige Geld, das wir gespart hatten, waren 2.000 Dollar von der „Saturday Evening Post“, die wir als Rücklage für die Stones-Tournee horteten.
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