Stanley Booth - The Rolling Stones

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Am Anfang stand ein Vertrag. Mit ihm räumten die Rolling Stones dem Autor im Oktober 1969 das Recht ein, sie als offizieller Biograf auf ihrer USA-Tournee zu begleiten. So erlebte Stanley Booth hautnah die Faszination mit, wie morbide Themen damals auf die bösen Buben des Rock ausübten. Ihre «Sympathy With The Devil» war mehr als bloß Koketterie, sie nahm schon fast den Charakter eines Teufelspakts an. Stanley Booth begleitete die Stones auf ihrer fünften USA-Tournee, die in Altamont mit Mord und Gewalt im Desaster endete.
Er zeichnet in seinem Buch ein realistisches und kritisch-differenziertes Porträt der Gruppe: Als Spieler, Komödianten und Trunkenbolde tanzen sie einen eigenen Tanz mit dem Teufel, voller Aggressionen, Obszönität und Poesie.

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Am 19. Mai 1962 erschien in der Musikzeitschrift „Disc“ ein Artikel mit der Überschrift „Sänger steigt bei Korner ein“:

„Ein neunzehnjähriger Rhythm-&-Blues-Sänger aus Dartford namens Mick Jagger hat sich Alexis Korners Gruppe Blues Inc. angeschlossen und wird mit ihr regelmäßig bei den Auftritten am Samstagabend in Ealing und bei den Donnerstags-Sessions im ‚Marquee Jazz Club‘ in London singen. Jagger, der zur Zeit die London School of Economics besucht, spielt auch Mundharmonika.“

„Im Frühsommer“, sagte Keith, „beschloss Brian, eine Band auf die Beine zu stellen. Ich ging also zur Probe in einem Pub namens ‚White Bear‘, gleich beim Leicester Square neben der U-Bahn-Station – und da ist Stu. Das ist der Moment, in dem Stu auf der Bildfläche erscheint.“

Stu – Jan Stewart, ein Boogie-Woogie-Pianist – kommt aus einer schot­tischen Stadt gleich nördlich von England, aus Pittenweem, Fife. „Ich woll­te immer diesen speziellen Pianostil spielen“, sagte Stu, „weil ich immer auf Albert Ammons stand. Die BBC hatte jeden Abend Jazzprogramme und eines Abends vor vielen Jahren öffnete mir das die Ohren. Bis dahin hatte ich angenommen, dass Boogie nur gut für Solopiano wäre, doch es gab da ein Programm, das ‚Chicago Blues‘ hieß. Ich erinnere mich nicht an bestimmte Platten, aber ich kann mich daran erinnern, dass sie diesen gewissen Pianostil mit Gitarren, Mundharmonika und einem Sänger spiel­ten. Als dann eine Kleinanzeige in ,Jazz News‘ erschien, ein Kerl namens Brian Jones wollte eine R&B-Band formieren, traf ich mich mit ihm. Ich werde das niemals vergessen: Er hatte ein Album von Howlin’ Wolf lau­fen und so etwas hatte ich noch nie gehört. Ich dachte nur, jawoll, das isses. Er sagte: ‚Wir werden eine Probe machen.‘“

„Diese Probe war eine Niederlage“, sagte Keith. „Wir spielten mit Stu, Brian, einem Gitarristen namens Geoff und mit einem Sänger und Harmonikaspieler, den wir ‚Walk On‘ nannten, weil das der einzige Song war, den er konnte. Er hatte fettige rötliche Haare. Diese zwei Typen mochten mich nicht, weil sie der Meinung waren, dass ich Rock ’n’ Roll spielte, was ich auch tat. Aber sie mochten es halt einfach nicht. Stu mochte es, weil es swingt, und Brian gefiel es. Er wusste nicht, was er tun sollte – ob er mich rauswerfen und es mit diesen Typen versuchen sollte oder ob er die beiden rausschmeißen und dann wieder nur eine halbe Band haben soll­te. Noch dachte keiner auch nur im Entferntesten daran, tatsächlich vor Publikum zu spielen. Alle waren noch immer sehr darauf aus, miteinan­der zu spielen, nur um zu versuchen, etwas auf die Beine zu stellen. Brian arbeitete. Er hatte ’nen Job in einem Plattengeschäft; aus einem anderen war er geflogen, weil er das eine oder andere hatte mitgehen lassen. Er be­schloss, die beiden Kerle loszuwerden, was mir nur recht war, während ich inzwischen Mick dazu überredete, zur Probe zu kommen. Die bestritten nun Stu, ich, Mick, Brian und Dick Taylor am Bass, es gab keinen Schlag­zeuger – Piano, zwei Gitarren, Harmonika und Bass. Mick begann, Har­monika zu lernen. Unsere Proben hatten wir in einem anderen Pub, im ‚Bricklayer’s Arms‘ in der Berwick Street. Das machte echt Spaß. Wahr­scheinlich war es schrecklich, aber es swingte und wir hatten eine tolle Zeit. Die meisten Pubs im Westend haben oben oder hinten einen Raum, den sie an jedermann für fünf Shilling die Stunde oder fünfzehn Shilling pro Abend vermieten. Nur ein Raum, vielleicht mit einem Klavier drin, aber sonst nichts – nackte Bodenbretter und ein Klavier. Schachteln voll­er leerer Flaschen. Das war im Grunde genommen für den Rest des Som­mers unser Zuhause. Wir probten zweimal die Woche, hatten keine Auf­tritte. Wenn ich mich nicht irre, traten zu dieser Zeit die ersten Fans auf den Plan. Ich verließ in dieser Periode die Kunstschule. Einmal versuchte ich, mit meiner schmalen Mappe einen Job zu bekommen und wurde von dem gleichen Typen, der später das Cover für ‚Let It Bleed‘ entwarf, prompt abgewiesen. Mick sang währenddessen, um ein wenig Geld zu ver­dienen und weil es ihm Spaß machte, noch immer mit Korner. Brian lebte mit Pat und seinem Kind in einem sehr verfallenen Keller, wo Schimmel und Schwämme aus den Wänden wuchsen. Und irgendwann in diesem Sommer passierte dann etwas wirklich Seltsames. Eines Abends wollte Mick, der einen Auftritt mit Korner gehabt hatte, Brian besuchen, wenn ich mich recht erinnere. Aber es war nur Brians Lady da. Mick war sehr betrunken und trieb es mit ihr … Das löste einen Schock aus; Brian war zuerst fürchterlich gekränkt und das Mädchen suchte das Weite. Aber letztlich kamen Mick und Brian dadurch einander sehr nahe, weil sie diesen emotionalen Aufruhr durchmachen mussten und sich dabei wirklich auf­einander einließen … Das hat also gewissermaßen das Zusammen­gehörigkeitsgefühl gestärkt. Mick engagierte sich noch immer sehr stark in der Schule und die Musik war für ihn nur ein fesselndes Hobby. Nie­mand nahm die Musik ernst – außer Brian, der es todernst meinte.“

Nach Brians Tod ging Alexis Korners Frau zu Whiteley’s, Brians er­stem Arbeitgeber in London, und schlug vor, eine Gedenktafel anzubrin­gen. „Die Leute reagierten völlig schockiert“, erzählt Korner. „Sie meinte, an Häusern, in denen berühmte Männer gelebt haben, werden Gedenk­tafeln angebracht mit Inschriften wie ‚Charles Dickens 1806‘. Sie sah nicht ein, warum man nicht auch in der Elektroabteilung eine Tafel anbringen sollte, die besagte, dass Brian Jones 1962 hier gearbeitet hat. Sie konnte sich keinen Grund vorstellen, warum man das nicht tun sollte.“

7

Meine Träume hatten während der ganzen Reise hartnäckig an ihrer Taktik festgehalten, Afrika zu negieren, indem sie sich aus­schließlich mit heimatlichen Szenen illustrierten und damit den Ein­druck erweckten, dass sie die Afrikareise nicht eigentlich als etwas Wirkliches, sondern vielmehr als eine symptomatische bzw. sym­bolische Handlung betrachteten, wenn es gestattet ist, die unbe­wussten Vorgänge so weit zu personifizieren. Diese Annahme wurde mir allerdings nahegelegt durch die anscheinend absichtsvolle Beiseiteschiebung auch der eindrucksvollsten äußeren Begebnisse. Nur ein einziges Mal während der ganzen Reise hatte ich von einem Neger geträumt. Sein Gesicht kam mir merkwürdig bekannt vor, aber ich musste lange nachdenken, bis ich herausfinden konnte, wo ich ihm schon einmal begegnet war. Schließlich fiel es mir ein: Es war mein Coiffeur von Chattanooga in Tennessee! Ein amerikani­scher Neger! Im Traum hielt er eine riesige glühende Brennschere gegen meinen Kopf und wollte meine Haare „kinky“ machen, das heißt, er wollte mir Negerhaare andrehen. Ich fühlte schon die schmerzhafte Hitze und erwachte mit einem Angstgefühl.

C. G. Jung: „Erinnerungen, Träume, Gedanken“

anstatt mich wie sonst immer an der Bürotür vorbeizuschleichen, ging ich an diesem Morgen hinein, um Jo Bergman zu sagen, dass ich eine der zahlreichen Limousinen oder einen der Mietwagen brauchte. Sie fragte, wo ich hinwollte, und ich machte auf wichtig und sagte: „Muss ein paar Erledigungen machen.“ Jo sagte, sie müsse sich am Beverley Boulevard ein Haus für Bill Wyman ansehen und ich könne währenddessen einen Wagen benützen, wenn ich sie nur hinfahren und wieder abholen würde. (Jo konnte nicht fahren.) Ich kreuzte also in einem Oldsmobile die Santa Monica hinunter und den Beverley Boulevard hinauf, setzte Jo ab, fuhr zurück zu einem Kopier-Shop auf der Santa Monica und wartete, wobei ich mit den Autoschlüsseln klimperte, was wahrscheinlich nur dazu beitrug, dass die träge wie ein Rind wirkende Matrone in dem Shop noch langsa­mer agierte. Sie arbeitete genauso bedächtig wie die riesige Maschine, die summte und blitzte und schließlich grau gesprenkelte Kopien des Briefes der Stones ausspuckte. Ich zahlte einen Dollar fünfzig dafür, fuhr zum Postamt, schickte das Original per Spezial-Luftpost an die Literaturagentur und eine Kopie heim nach Memphis. Ich ging am Zigarettenstand des blin­den Mannes vorbei hinaus zum Oldsmobile, fuhr den Sunset Strip hin­unter und hielt nach einer Telefonzelle Ausschau. Da ich auf der Straße keine sah, hielt ich gegenüber vom „Playboy Club“, lief wie ein Mann in einer Spionagestory hinein und fragte die Bunny-Lady, die mich begrüßte, ob ich das Telefon benützen dürfte. Es war erst ungefähr elf am Vormittag und keine anderen Kunden waren anwesend, aber sie war in voller Mon­tur – mit den sadomasochistisch hohen Absätzen, ganz in blauem Satin, den Busen hochgeschoben, als wären ihre Brüste zwei giftige Früchte, de­likat aber unberührbar und auf einem Tablett dargeboten, und mit ihren Bunny-Ohren. Ich erzählte ihr, ich arbeite an einer Story für den „Play­boy“ und müsse meine Agentur anrufen. Das klang überzeugend, und als ich das letzte Mal in Hollywood gewesen war, hatte ich tatsächlich für den „Playboy“ gearbeitet. Sie gab mir den Hörer und ging diskret ein paar Schritte auf Abstand, wobei ihr flauschiger weißer Hasenschwanz hüpfte.

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