„Macht’s gut, ihr zwei“, sage ich zum Abschied.
„Ciao“, flötet Cloe, und Harry ruft:
„See you!“
Und dann, an seine Flamme gewandt:
„Wir müssen auch los, Engelchen.“
Und sie: „Du hast recht, Teufelchen.“
Whaaaat? Engelchen und Teufelchen? Der coole Harry und seine Superfrau? Verliebte sind wirklich zu komisch. Auf dem Heimweg erstelle ich ein Top Five-Ranking der schlimmsten Kosenamen.
Platz 1: Pupsi (ungeschlagen!)
Platz 2: Hasimausi, Mausebärchen (geht für mich gar nicht)
Platz 3: Schatz, Schatzi (so was von abgestanden)
Platz 4: Mama und Papa (es gibt wirklich Partner, die sich so nennen)
Platz 5: Engel, Engelchen und Teufelchen (so kitschig!)
Zum Glück lässt der Name Luzy wenige Variationen zu und klingt schon von sich aus ein bisschen wie ein Kosename. Das hält die meisten Leute davon ab, sich Alternativen auszudenken. In seltenen Momenten hat mich David-Alexander, der, wie man sich denken kann, in Sachen Kosenamen nicht gerade ein Quell der Kreativität war, „Süße“ genannt. Damit konnte ich leben. Ich habs mal mit D. A. – also englisch ausgesprochen, DiiÄii – versucht. Das fand ich cooler als das lange David-Alexander, doch irgendwie bin ich auf taube Ohren gestoßen. Tja, wäre mir doch „Stallion“ oder wenigstens „Hengst“ eingefallen – dann hätte sich mein Liebster wahrscheinlich in Höchstform galoppiert, aber wie schon erwähnt: Dieser Begriff ist mir in Zusammenhang mit David-Alexander nie in den Sinn gekommen.
Mein Ofenlachs ist eindeutig zu trocken geraten, aber meine Freundinnen nehmen es mit Humor.
„Auf jeden Fall besser als dein Huhn letztes Mal“, beruhigt mich Dina.
„Ich hätte ihn nicht besser machen können“, räumt Elisa ein, die noch weniger kochen kann als ich.
„Vielleicht solltet ihr mal zusammen einen Kochkurs besuchen“, schlägt Dina uns vor. „Da lernt ihr was und trefft bestimmt coole Typen.“
„Bist du irre?“, erwidert Elisa entsetzt. „Ich will doch keinen Typ kennenlernen, der Kochkurse belegt.“
„Och“, wende ich ein. „Männer, die kochen, sind doch ganz sexy.“
„Finde ich nicht“, sagt Elisa, die überzeugter Single ist und Männer im Allgemeinen für „überbewertet“ hält. Dina und ich grinsen uns an. Wir glauben, dass Elisa einfach nur Angst hat, sich zu binden und viel cooler tut, als sie ist.
„Irgendwann“, sagt Dina immer, wenn wir allein sind, „kommt der Richtige. Einer, der Elisa knackt, und dann werden wir sie nicht mehr wiedererkennen.“
„Aber wer soll das sein?“
„Einer, der die wirkliche Elisa hinter der professionellen Ärztin erkennt. Einer, der sie mit ihrer Coolness nicht durchkommen lässt. Einer, der sie in Grund und Boden vögelt. Einer, der sie will, aber nicht braucht.“ Elisa ist Frauenärztin in einem Kinderwunschzentrum. Sie hilft Paaren, die auf natürliche Weise keinen Nachwuchs bekommen. Das geht von Hormontherapie über künstliche Befruchtung bis zur Samenspende. Ich bin sicher, dass Elisa eine sehr einfühlsame Ärztin ist, aber als Privatperson hat sie wenig übrig für Träumereien, Romantik oder Verliebtsein.
„Ihr benehmt euch wie Teenies“, schimpft sie, wenn Dina, Carmen und ich von irgendeinem Schauspieler oder Rockstar schwärmen.
„Wenn du jeden Mann der Welt haben könntest“, frage ich sie. „Also egal, wen, auch einen Prominenten. Mit wem würdest du ins Bett gehen?“
„Ich würde sofort mit Bradley Cooper vögeln!“, ruft Dina. „Aber nur in seiner Rolle als Jackson Maine in ‚A Star is born‘. Da ist er so megasexy – Wahnsinn. Das wäre der Einzige, mit dem ich Jessy betrügen würde. Ich meine, ich könnte ja nichts dafür, es wäre Liebe, es wäre Leidenschaft, es wäre hemmungslose Hingabe, und natürlich würde sich Jackson Maine niemals das Leben nehmen, weil er mich kennengelernt hat. Ich würde ihn retten.“
Dina ist genau das Gegenteil von Elisa: Sie ist rettungslos romantisch – zumindest in ihren Träumen. In Wirklichkeit gehen ihr die meisten Männer schnell auf die Nerven. Aber eines Tages trat Jessy in ihr Leben, und da war es um sie geschehen. Dazu später mehr. Ich gestehe, dass ich total auf den Outlander abfahre und manchmal davon träume, dass er mich rettet, nicht reitet – den Part mit dem wilden Sex auf dem Pferd verschweige ich erst mal.
Elisa schüttelt den Kopf. „Krass, ihr seid ja so kindisch!“
„Was heißt denn kindisch?“, gebe ich zurück. „Jeder träumt doch mal.“ „Ja, klar, aber ihr verknallt euch in Kunstfiguren. Die gibt’s doch gar nicht.“
„Na und?“, erwidert Dina. „Es geht doch nur um die Fantasie.“
„Also ich könnte mir höchstens vorstellen, mal mit Richard David Precht zu schlafen. Der sieht gut aus und hat was in der Birne“, räumt Elisa ein. Na also, geht doch.
Ich habe mir vorgenommen, meinen Freundinnen heute noch nichts von meinen neuen Abenteuerplänen zu erzählen. Nicht, weil ich ihnen nicht vertraue. Im Gegenteil, ich liebe und respektiere sie, aber ich möchte erst einmal Boden unter den Füßen gewinnen, bevor ich mich oute. Außerdem befürchte ich, dass sie mich mit guten Ratschlägen wie „Pass auf, da draußen treiben sich jede Menge Arschlöcher herum.“ (Dina) oder „Denk dran, zu verhüten, sonst bist du am Ende schwanger und weißt nicht, von wem.“ (Elisa) in Grund und Boden bombardieren werden. Genau das kann ich gerade überhaupt nicht gebrauchen. Aber über Sex im Allgemeinen sprechen wir alle gerne, und weil ich herausfinden will, wovon Dina und Elisa heimlich träumen, packe ich meine Outlander-Fantasie aus. Also nicht in allen Details, aber im Groben: Schottland, Rettung, Vögeln auf dem Pferd.
Dina gesteht, dass sie manchmal von Sex mit einer Frau träumt.
„Hatte ich noch nie, und werde ich wahrscheinlich auch nie ausprobieren. Aber ich stelle mir das irgendwie erotisch vor. Ich meine, ich kenne meinen Körper und die andere Frau kennt ihren, und wir würden uns so berühren, wie wir es auch selber mögen. Sie würde megascharf aussehen und gut riechen. Und hätte schon Erfahrung mit gleichgeschlechtlichem Sex. Sie würde mich gewissermaßen einführen.“
„Oder ihn.“ Elisa wieder.
„Wen?“
„Den Plastikpenis, den sie sich umgeschnallt hat.“
„Oh Mann, Elisa.“ Ich muss lachen. „Jetzt mach dich mal locker. In seiner eigenen Fantasie passiert nicht das Schlimmste, das man sich vorstellen kann, da passiert das Schönste. Man kann sich die Dinge doch genauso ausmalen, wie man sie gerne hätte. Und wenn ich mir zurechtträume, dass mich der schöne, gut bestückte und heldenhafte Outlander im wilden Galopp auf seinem Pferd nimmt, dass er die Zügel fallen lässt und der Hengst trotzdem weiterreitet, dass wir im 18. Jahrhundert nackt durch die schottischen Highlands preschen, dann weiß ich doch, dass das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Das ist ja das Tolle am Kopfkino: Man führt selber Regie.“
„Es geht doch darum, sich in seiner Fantasie Dinge auszumalen, die einen anmachen“, pflichtet Dina mir bei. „Die müssen weder wahrscheinlich sein, noch muss man sie wirklich umsetzen. Ich habe mal gelesen, dass Menschen, die in erotische Traumwelten abtauchen, auch in Wirklichkeit erfüllteren Sex haben.“
„Komm schon“, setze ich nach. „Raus damit, Elisa – dich macht doch auch irgendwas an, das du noch nicht erlebt hast.“
In Elisa arbeitet es.
„Echt jetzt?“ Sie grinst. „Aber das bleibt unter uns.“
„Klar doch“, sage ich.
„Ehrenwort“, schwört Dina.
„Na dann.“
Und dann erzählt Elisa uns, dass sie manchmal davon träumt, die Männer, die als anonyme Samenspender in ihrem Kinderwunschzentrum masturbieren, selbst zum Erguss zu bringen. „Also die gehen ja bei uns in einen Raum, in dem sie dann alleine Pornos gucken können, um sich zum Höhepunkt zu bringen. Am Ende entladen sie ihren Samen in einen Becher. In meiner Fantasie ist in diesem Raum eine Wand aus dünnem Sperrholz eingezogen. Darin befindet sich ein Loch, gerade so groß, dass ein erigierter Penis durchpasst. Anstatt sich nun selbst zu befingern, stecken sie ihr Teil in das Loch, und ich sitze auf der anderen Seite und hole ihnen einen runter.“
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