Ein paar Sekunden später atmete er tief durch.
Es war der schwarze Segler. Unverkennbar, schon weil er fast mit der Nacht verschmolz. Er glitt über das Wasser wie ein unheimlicher dunkler Schatten. Hasard enterte wieder ab und nickte Ben Brighton zu, der ihm gespannt entgegenblickte.
„Na bestens!“ sagte der Bootsmann zufrieden.
Hasard lächelte. „Oder auch nicht! Abwarten, Ben!“
„He, verdammt! Wieso …!!
Ben Brighton brach ab.
Denn auch ihm war eingefallen, daß sie sich schon einmal in einer ganz ähnlichen Situation befunden hatten. Damals, bei der Insel der Steinernen Riesen war ihnen um eine Kleinigkeit zu spät eingefallen, daß Siri-Tong und der Wikinger sie nicht auf einem spanischen Schiff vermuteten. Und ehe sie den Irrtum aufklären konnten, hatte ihnen der schwarze Segler schon die Beutegaleone unter den Füßen weggeschossen.
Damals war das nicht sonderlich schlimm gewesen, weil die „Isabella“ beigedreht auf sie wartete.
Diesmal durfte es nicht passieren. Hasard seufzte leicht.
„Streicht die Flagge!“ befahl er. „Und dann mannt ein paar Laternen an Deck! Aber ein bißchen plötzlich, sonst geht der Kahn hier gleich auf Tiefe.“
„Klar Schiff zum Gefecht!“ gellte die Stimme der Roten Korsarin durch die Dunkelheit.
„Klar Schiff, ihr müden Kakerlaken!“ brüllte Juan, der Bootsmann, drüben auf dem Vordeck. „Cookie, das Kombüsenfeuer aus! Klar bei Backbord- und Steuerbordgeschützen! Hilo, Jonny, Diego – wollt ihr wohl die verdammten Kugeln und Kartuschen mannen, oder glaubt ihr, die kriegen Beine und kommen von selbst, ihr Idioten?“
Der Wikinger grinste. Neben ihm starrte Siri-Tong geradeaus, das Gesicht hart und gespannt wie eine Marmormaske. Vor ein paar Minuten hatte Mike Kaibuk im Großmars das Holzkreuz entdeckt, das unter dem Bugspriet der fremden Karavelle baumelte. Für den schwarzen Segler mit seinen zwölf schweren Geschützen an jeder Seite war der Dreimaster dort vorn nur ein Schiffchen, ein weit unterlegener Gegner. Aber auch ein unterlegener Gegner konnte eine Menge Kleinholz verursachen, bevor er auf Tiefe ging – und Siri-Tong hatte noch mehr als genug von der Begegnung mit der „Isabella“.
„Alle Geschütze klar?“ fragte sie scharf.
„Klar!“ schrie der Boston-Mann.
„Klar!“ echoten Eike, Olig, Arne und der Stör, die an der Backbordseite als Geschützführer fungierten.
„Gut, Männer! Wir laufen unter Vollzeug auf die Karavelle zu. Sie werden versuchen, an unserem Bug vorbeizuscheren, um uns aus der Luvposition anzugehen. Dem kommen wir zuvor, indem wir abfallen und ihnen eine volle Breitseite servieren. Arne, Stör, Boston-Mann – ihr stanzt ihnen ein paar Löcher mittschiffs in die Wasserlinie. Die anderen halten auf die Stückpforten. Sie werden schneller auf Tiefe gehen, als sie denken können.“
„Bei Odin, das werden sie“, murmelte der Wikinger. „Wenn sie nicht schon vorher alle vor Schrecken umfallen, diese lausigen Kastanienfresser!“ Er setzte das Spektiv an und schüttelte den Kopf. „Drei Kanönchen an jeder Seite! Und vorn sehe ich zwei lächerliche Serpentinen. Diese armen Irren!“
„Abentern, Mike!“ rief die Rote Korsarin zum Großmars hinauf.
„Aye, aye, Madam!“
Mike Kaibuk verließ seinen luftigen Posten. Siri-Tong ließ noch einen prüfenden Blick über das Geschützdeck wandern. Der Wikinger spähte angestrengt durch das Spektiv – und plötzlich ging ein Ruck durch seinen mächtigen Körper.
„Ha!“ schrie er. „Der Don streicht die Flagge!“
„Er streicht die Flagge? Zeig her!“
Siri-Tong schnappte sich das Spektiv und starrte zu der Karavelle hinüber. Tatsächlich: Der vermeintliche Spanier hatte die Flagge gestrichen. Seine Stückpforten blieben geschlossen, jetzt flammten auf Achterdeck und Kuhl ein paar Laternen auf. Die Karavelle schien sich kampflos ergeben zu wollen, aber als Siri-Tong das Spektiv absetzte, funkelten ihre schwarzen Mandelaugen vor Mißtrauen.
„Das ist ein schmutziger Trick“, erklärte sie kategorisch. „Laß die Stückpforten öffnen, Thorfin. Wir werden …“
Der riesige Wikinger warf ihr einen Blick zu und kratzte seinen Kupferhelm.
„Eh!“ knurrte er. „Und wenn er sich nun wirklich ergeben will?“
„Sollen wir riskieren, daß er uns auch noch die letzte Rah abrasiert, die wir an Bord haben?“
„Hölle und Verdammnis! Und einen wehrlosen Gegner in Fetzen schießen – sollen wir das, in drei Teufels Namen?“
Siri-Tong preßte die Lippen zusammen. Ihre Mandelaugen funkelten den Wikinger an. Aber sie sagte nichts, sondern starrte statt dessen wieder durch das Spektiv nach vorn, wo die Karavelle inzwischen deutlicher zu erkennen war.
„Und ich sage dir, es ist ein Trick!“ stieß sie durch die Zähne.
„Klar“, erwiderte Thorfin Njal. „Und die Laternen zünden sie an, damit wir besseres Licht zum Zielen haben.“
„Es ist ein Trick! Sie wollen uns in Sicherheit wiegen, nahe genug heransegeln und …“
Sie verstummte.
Thorfin warf ihr einen Seitenblick zu. Er sah, wie sich ihre Züge von einer Sekunde zur anderen entspannten und die dunklen Augen plötzlich aufleuchteten. Als die Rote Korsarin endlich ihre Sprache wiederfand, konnte sie den Wikinger schon nicht mehr überraschen.
„Die ‚Isabella‘-Crew“, sagte sie tonlos. Und lauter: „Klar bei Brassen und geitauen! Es sind die Seewölfe! Sie haben sich ein spanisches Schiff unter den Nagel gerissen!“
Einen Augenblick war es still, dann brandete jäher Jubel auf. Ein Jubel, der von Bord der Karavelle erwidert wurde.
„Arwenack!“ dröhnte es wie Donnerrollen über das Wasser.
„He, ho!“ brüllte der Wikinger begeistert und schwenkte die Arme.
In den nächsten Minuten schien mitten in der Stille der Nacht ein Naturereignis abzurollen und die Besatzungen der beiden Schiffe nur noch aus Verrückten zu bestehen. Nur die Rote Korsarin starrte reglos durch das Spektiv.
Ihr Blick suchte den Mann, der hoch aufgerichtet auf dem Achterkastell der Karavelle stand.
Den Seewolf!
Sein schwarzes Haar flatterte im Wind, die Augen funkelten. Für einen Moment glaubte die Rote Korsarin, den Blick dieser eisblauen Augen ganz deutlich zu fühlen, und sie konnte nicht verhindern, daß ihr Herz plötzlich wie ein gefangener Vogel zu flattern schien.
Eine Viertelstunde später pullten Siri-Tong, Thorfin Njal, Juan und der Boston-Mann in einem Beiboot des schwarzen Seglers zu der Karavelle hinüber.
Die Rote Korsarin schwang sich als erste über das Schanzkleid. Der Seewolf war auf der Kuhl erschienen. Für eine endlose Sekunde tauchten ihre Blicke tief ineinander, aber weder Hasard noch Siri-Tong wären auf die Idee verfallen, sich hier und jetzt vor versammelter Mannschaft so zu begrüßen, wie sie es sich eigentlich gewünscht hätten.
Als sie sich die Hand reichten, waren sie, zumindest äußerlich, nichts weiter als zwei Verbündete, die sich nach langer Trennung wiedergefunden hatten.
Daß sich die Männer wesentlich stürmischer begrüßten, war etwas anderes. Der Wikinger hieb Hasard krachend seine Pranke auf die Schulter und röhrte, wieso, bei Odins Raben, er sich die „Isabella“ habe klauen lassen. Hasard verpaßte dem bärtigen Riesen einen freundschaftlichen Magenhaken, der ihm die Luft aus den Lungen trieb, und fragte ihn, seit wann der die Flöhe husten höre.
Daß eine Ration Rum für alle ausgeteilt wurde, verstand sich von selbst. Das allgemeine Begrüßungs-Hallo hatte sich immer noch nicht gelegt, als Siri-Tong, der Seewolf, Ben Brighton und Thorfin Njal wenig später in Hasards Kammer im Achterkastell saßen.
Der Wikinger nahm einen tiefen Schluck Rum und atmete auf.
„So“, brummte er. „Und jetzt erzählt mal, wer neuerdings mit der guten alten ‚Isabella‘ über den Pazifik segelt.“
Читать дальше