Unbemerkt hatten sie dann wieder Gibraltar passiert, aber nordwärts steuernd – weit abgesetzt von der spanischen Küste – waren sie in einen Sturm geraten, der aus Nordosten heranpfiff und drei Tage und drei Nächte dauerte.
Zähneknirschend war Hasard vor dem Sturm hergelaufen. England rückte wieder in weite Ferne.
Als der Sturm dann abflaute, stand die „Isabella“ bei den Azoren vor Sao Miguel, und es war der 18. Juni – ein Tag, der wieder Sonne und ein handiges Lüftchen brachte, also ein Wetterchen, das alles an Mühsal und Plackerei wieder vergessen ließ.
Und eine weitere Entschädigung segelte von Süden in Form einer überladenen, riesigen portugiesischen Karacke heran. Ja, sie war so überladen, daß sie ihre Güter sogar an Deck gestaut hatte. Und darum waren auch ihre Kanonen abmontiert worden – ein sträflicher Leichtsinn, wie Hasard meinte.
Dieser fette Happen war ebenfalls in den Sturm geraten und ziemlich zerzaust. Seine Besatzung war demoralisiert, und der portugiesische Kapitän strich ergeben die Flagge, als er von Hasard freundlich dazu aufgefordert wurde.
Die Karacke hieß „San Felipe“, und sie barg – wie das Enterkommando feststellte – eine hübsche Menge von Gold, Silber und randvolle Kisten mit Juwelen aus Indien sowie Pfeffer, Zimt, Nelken, Kaliko, Seide und Elfenbein.
Da war guter Rat teuer, denn die „Isabella“ war selbst knüppelvoll. Hasard überlegte ernsthaft, ob er diesen Brocken bis auf die Juwelen nicht wieder sausen lassen sollte. Irgend etwas störte ihn auch. Er hatte diese Karacke „so im Vorbeigehen“ erwischt und kampflos besetzt. Das war das eine.
Das andere war tatsächlich die nüchterne Überlegung, daß sie, die Seewölfe, satt an Beute bis zum Platzen waren. Sie gehörten nicht zu jenen, die den Hals nicht voll genug kriegen konnten und dennoch stopften und stopften, bis sie daran erstickten.
Das alles behagte Philip Hasard Killigrew überhaupt nicht, und er wurde wütend über sich selbst, weil er seine Unschlüssigkeit verdammte.
„Was ist los?“ fragte Ben Brighton, der Hasards Zaudern bemerkte.
„Mann“, sagte Hasard schroff, „wir sind bis zum Kragen voll. Kannst du mir mal erzählen, wo wir mit dem ganzen Kram hinsollen?“
„Ach so.“ Ben Brighton rieb sich den Nasenrücken. Dann grinste er. „Mal was anderes, wie? Erst halten wir den fetten Kahn an, schicken unser Enterkommando ’rüber, merken, daß wir uns an dem überfuttern – und lassen ihn wieder laufen.“
„So ähnlich.“ Hasard starrte zu der „San Felipe“, wo Carberry auf weitere Befehle wartete.
Es kam alles ganz anders, wie der Zufall so spielt.
Dieses Mal hatte Dan O’Flynn mal zur Abwechslung von seinen Navigationsaufgaben den Ausguck im Großmars übernommen. Seine Augen waren bekanntlich die schärfsten an Bord der „Isabella“.
„Deck!“ rief er scharf. „Schiffsverband im Osten! Segelt auf uns zu!“
Hasard wirbelte herum und setzte das Spektiv ans rechte Auge. An der östlichen Kimm standen feine Nadelspitzen. Er ließ das Spektiv wieder sinken, sprang an das Schanzkleid der Steuerbordseite und rief zur „San Felipe“ hinüber: „Ed! Zurück an Bord! Sofort! Dan hat einen Schiffsverband ostwärts gesichtet!“
Fünf Minuten später war das Enterkommando zurück.
„Deck!“ schrie Dan O’Flynn vom Hauptmars, Aufregung in der Stimme. „Voraus segelt die ‚Elizabeth Bonaventura‘! Ich erkenne sie genau. Es ist Admiral Drakes Verband!“
„Was will der denn hier?“ fragte Ben Brighton fassungslos. „Muß der uns überall hinterherrennen?“
Hasard zuckte mit den Schultern, und dann glitt plötzlich ein breites Lächeln über sein Gesicht. Er schlug die rechte Faust in die linke Handfläche.
„Das ist es, Ben, genau das ist es!“ sagte er.
„Was ist was?“
„Wir schenken dem Admiral die ‚San Felipe‘!“
„Bist du verrückt?“
„Nein! Mann, kapierst du nicht? Wir verpassen ihm damit eine Ohrfeige. Die ‚San Felipe‘ ist unsere Beute – aber wir sind ja so großzügig. Wir überlassen sie ihm, gnädig wie wir sind, verstehst du?“
Jetzt begann auch Ben Brighton zu grinsen. „Das ist gut, das ist sehr gut. Das beweist, daß wir es gar nicht nötig haben, noch fette Brocken zu schlucken. Ob er das kapiert?“
„Klar kapiert er das, Ed Carberry wird ihm nämlich allein entgegensegeln – mit der Jolle, so allein wie damals, nachdem ihn Doughty über Bord gestoßen hatte. Und Ed wird dem Admiral das Geschenk präsentieren!“ Hasard fuhr herum. „Ed! Laßt die Jolle noch unten. Komm ’rauf, ich hab dir was zu sagen!“
Der Profos enterte den Niedergang zum Achterdeck hoch, bereit zum Befehlsempfang. Als es ihm Hasard gesagt hatte, zeigte er sein wüstes Grinsen, vor dem es einen grausen konnte.
„Das wird ein Spaß“, sagte er und rieb sich die Pranken.
Fünf Minuten später segelte er mit der Jolle dem Flaggschiff des Admirals entgegen, mit nacktem, muskulösem Oberkörper, ein Mann aus Eisen und so grimmig wie der Tod. Dieses grimmige Grinsen blieb wie eingefroren in seinem wüsten, narbigen Gesicht.
Er kreuzte einfach den Kurs des Flaggschiffes, so daß es gezwungen wurde, in den Wind zu gehen und die Segel aufzugeien.
„Mann!“ brüllte Francis Drake von Achterdeck hinunter. Er hatte Carberry längst erkannt – und an der Kimm auch die „Isabella“. „Was spazieren Sie denn hier allein im Atlantik herum?“
„Sir!“ brüllte Carberry zurück. „Das brauche ich manchmal, seit ich damals im Stillen Ozean allein mit einem Boot der ‚Golden Hind‘ spazierengehen mußte. Erinnern Sie, Sir? Ich hab mich damals so daran gewöhnt, daß ich das jetzt jeden Monat einmal brauche, sonst drehe ich durch.“
„Sind Sie verrückt?“
„Nein, Sir, ich bitte an Bord kommen zu dürfen!“
„Wollen Sie wieder stänkern?“
„Aber Sir! Ich habe noch nie gestänkert. Mein Kapitän schickt mich. Er wäre gern selbst erschienen, aber er muß dahinten aufpassen wegen des Dingsda!“
„Was für ein Dingsda?“
„Das soll ich Ihnen ja gerade melden, Sir. Mein Genick wird allmählich steif, Sir!“ Daß Carberry dabei so höllisch grinste, bewies, daß sein Genick keinesfalls steif war.
Aber der Admiral ließ dennoch eine Jacobsleiter ausbringen. Carberry, er hatte das Segel gestrichen, wriggte die Jolle an die Jacobsleiter, vertäute sie dort und turnte die Sprossen hoch.
„Melde mich an Bord, Sir“, sagte er artig, als er vor dem Admiral stand. „Hatten Sie eine gute Zeit vor Spaniens Küsten?“
„Profos, Profos“, sagte der Admiral, „ich nehme nicht an, daß mich Ihr Kapitän das fragen wollte. Also?“
„Ich meine, Sir, mit meiner Frage, ob Sie den Dons viel haben wegschnappen können. Hat es sich gelohnt – so wie damals mit der ‚Cacafuego‘, die wir dann in ‚Silberkacker‘ umtauften, erinnern Sie noch, Sir?“
„Ja, ich erinnere mich“, erwiderte der Admiral etwas unwirsch. „Wenn Sie es genau wissen wollen, eine solche Beute ist mir noch nie wieder vor den Bug gelaufen – leider.“
Carberry grinste.
„Doch“, sagte er, „nämlich jetzt! Empfehlung von Kapitän Killigrew, Sir. Wir haben dort hinten bei Sao Miguel so einen fetten Brocken aufgebracht – eine Karacke. Sie hat Gold, Silber, Juwelen, Pfeffer, Zimt, Nelken, Kaliko, Seide und Elfenbein bis über die Luken geladen. Ich habe mich selbst davon überzeugen können, weil ich das Enterkommando führte, Sir.“
Der Admiral starrte den Profos mit offenem Mund an.
„Jawohl, Sir“, fuhr Carberry fort, „den Brocken haben wir also aufgebracht, und Kapitän Killigrew bewacht ihn solange, bis Sie da sind. Er möchte Ihnen die Karacke als Geschenk überreichen, Sir, denn wir können mit der Ladung nun wirklich nichts mehr anfangen, weil wir selbst bis zur Oberkante unserer Luken voll sind. Aber Sie freuen sich doch sicherlich, oder?“
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