Das Wort Schoß ließ seinen Blick ein wenig nach unten schweifen, wo die Frau neben ihm ihr intimstes Geheimnis, das in England die Frauen besser behüteten als ihre Aussteuer, so freimütig preisgab, daß heißes Unbehagen ihn erfüllte, von dem er sich nicht gestattete nachzuforschen, ob es noch andere Empfindungen enthielt außer Unbehagen.
»Wo bin ich?« fragte er und mußte innerlich beinahe schmunzeln über seine Reaktion. Genau das fragten in den Theaterstücken immer die Frauen, wenn sie aus ihrer Ohnmacht erwachten, die sie oft so passend ereilte. Beschämt gestand er sich ein, mit seiner eigenen, eher ausgesprochen unpassenden Ohnmacht wieder einmal bewiesen zu haben, er war kein Held; vielleicht nicht einmal ein richtiger Mann, der etwas taugte, der etwas wert war. Genau das behaupteten einige seiner Kollegen im Institut. Und auch einige seiner weiblichen Bekannten. Sophie war eine der wenigen, die sich nie daran gestört hatten, wie zurückhaltend, wie wenig stark und hart er war.
Aber Sophie war weit weg; ebenso wie seine Kollegen; mochten sie nun von ihm halten, was sie wollten. Er war allein, auf sich selbst angewiesen.
Und hatte vielleicht das erste Mal in seinem Leben die Chance zu beweisen, daß er durchaus etwas konnte.
Die Frau an seiner Seite antwortete etwas. Erneut verstand er sie nicht. Natürlich nicht – wie hätte er auch? Es war allseits für völlig überflüssig erklärt worden, eine Vorbereitung auf die Expedition erfordere es, sich mit wenigstens einem der Dialekte der eigentlichen Bewohner Afrikas vertraut zu machen; Lingala, Hausa oder Swahili. Der ausgewählte Führer sprach Englisch und genügend Swahili, den in der Region wohl am weitesten verbreiteten Sprachstamm, um notfalls zu dolmetschen, bei den Trägern ebenso wie bei den Personen, mit denen er im Rahmen seines Auftrags zu reden hatte.
Allerdings erinnerte ihn das, was die Frau sagte, nicht an das, was er bei den schwarzen Trägern gehört hatte.
Sie sprach immer weiter, gestikulierte dazu.
Er hob ungehalten die Hand, um sie zu stoppen, doch sie wollte sich ausschütten vor Lachen, verstummte erst, als ganz plötzlich ein heller Strahl Sonne in den kleinen Raum fiel. In dessen Licht erkannte er erstmals, daß er sich wahrscheinlich in einer Lehmhütte von runder Form befand, mit einem Dach aus etwas, das er aus Stroh bezeichnet hätte, ohne zu wissen, ob dieser Begriff korrekt war. Der Ausgang war geschützt durch ein schweres Tuch, das sich nun langsam wieder senkte.
Eine weitere Frau schritt auf sein Lager zu, und respektvoll erhob sich seine bisherige Gesellschafterin, neigte vor ihr den Kopf und verschwand nach draußen.
Angesichts ihres ehrerbietigen Verhaltens richtete er sich unwillkürlich vollständig von seinem niedrigen Lager auf, um seine Besucherin gebührend mit einer höflichen Verbeugung zu begrüßen.
Sie nahm es lächelnd zur Kenntnis, nickte ihm zu, kniete sich neben ihm auf den Boden und bedeutete ihm, ebenfalls Platz zu nehmen.
Er tat es; wider Willen beeindruckt von ihrer hohen Statur und ihrer imponierenden, beinahe königlichen Haltung. Bei ihr wagte er es nicht, mit den Augen auf den typisch weiblichen Vorzügen zu verweilen; etwas, das ihm dadurch erleichtert wurde, daß ihr Körper bemalt war, wie er es bei den Kriegerinnen gesehen hatte.
»Wer?« fragte sie und zeigte dabei auf seine Brust. Es dauerte einen Augenblick, bis er begriff, sie hatte ihn in seiner Sprache gefragt; so sehr hatte er mit Lauten in einer ihm unverständlichen Zusammenstellung gerechnet.
»Charles Robertson«, antwortete er, ausgesprochen überrascht.
Wieder nickte sie. »Ah-deh-toh-kum-boh«, sagte sie dann, langsam und jede Silbe betonend, deutete dabei auf sich selbst. Erst diese Geste ließ ihn erraten, es handelte sich um ihren Namen. »Ah-deh-toh-kum-boh«, versuchte er die Lautfolge nachzusprechen. Sie klatschte lachend in die Hände, und wiederholte: »Adetokumbo.«
Ihr Lachen war noch nicht verklungen, als er von draußen einen Schrei vernahm. Wenn ihn nicht alles täuschte, war es Hegel, der geschrien hatte.
Er sprang auf, wandte sich zum Ausgang.
»Sitzen!« hielt ihn die scharfe Stimme der Frau zurück.
Ihre mangelhafte Beherrschung seiner Sprache ließ die Anweisung ein wenig lächerlich klingen; dennoch konnte er sich der Autorität in ihrer Stimme nicht entziehen. Zögernd blieb er stehen, drehte sich um.
»Sitzen!« wiederholte sie energisch und deutete mit dem Finger auf den Platz, den er vorhin eingenommen hatte.
Ein zweiter Schrei ließ ihn zusammenzucken.
Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung war sie aufgestanden und hatte sich vor ihm aufgerichtet, blitzte ihn wütend aus ihren dunklen Augen an. Sie war fast so groß wie er; nein, nicht fast – sie war ebenso groß wie er.
Unsicher zog er die Schultern ein, wollte unwillkürlich vor ihr zurückweichen. Doch dann übermannte ihn der Zorn. Was bildete sie sich eigentlich ein, ihm Befehle zu geben? Schließlich war sie nichts als eine Frau, und draußen wurde ein Kamerad von ihm mißhandelt, gefoltert, benötigte seine Hilfe.
Er straffte sich. »Ich werde es nicht zulassen, daß Sie den anderen Mitgliedern etwas antun! Und ich werde mir von Ihnen gar nichts sagen lassen, sondern jetzt hinausgehen und nachschauen, was dort geschieht!«
Zwei Schritte machte er auf das schwere Tuch zu, dann fühlte er plötzlich, wie ihm die Beine weggezogen wurden. Schwer und plump krachte er mit dem Gesicht nach unten zu Boden, ein jäher Stich schoß durch sein linkes Knie und sein Kinn, und schon kniete sie auf seinem Rücken, drehte ihm die Arme nach hinten.
Sie sprach dabei sehr schnell und sehr böse Laute, die er nicht verstand. Nachdem sie einmal tief Luft geholt hatte, erklärte sie langsam und betont in seiner Sprache: »Du Mann – Männer tun, was Frauen bestammen.«
»Bestimmen«, verbesserte er sie spontan. Unmittelbar darauf stöhnte er vor Schmerz – sie hatte seinen Kopf an den Haaren zurückgerissen. Wie Peitschenhiebe prasselten ihre fremdartigen Laute auf ihn herab.
Sie erhob sich .
Der Schmerz an seiner Kopfhaut ließ sofort nach, hinterließ jedoch ein unangenehmes Prickeln.
»Sitzen!« befahl sie ein weiteres Mal.
Mühsam rappelte er sich auf. Sein linkes Knie tat ihm weh, ebenso sein Kinn, das er sich am harten Boden aufgeschrammt hatte, wie er fürchtete. Von seinem Hinterkopf ganz zu schweigen.
Er hatte keinerlei Lust auf eine weitere körperliche Auseinandersetzung. Gehorsam setzte er sich im Schneidersitz auf seinen alten Platz.
Erst dann wurde ihm bewußt, was sie vorhin gesagt hatte. Männer tun, was Frauen bestimmen. Wieder meldete sich das Kribbeln in seinem Bauch, sein untrüglicher Anzeiger dafür, er war etwas auf der Spur.
»Bestimmen bei Ihnen wirklich die Frauen, was geschieht?« fragte er.
Sie runzelte die Stirn, horchte seinen Worten nach. Er hatte in seiner Aufregung zu schnell geredet. Langsam wiederholte er seine Frage.
Nun nickte sie. »Frauen befehlen, ja.«
Ungläubig schüttelte er den Kopf. »Und die Männer des Stammes lassen sich das gefallen?«
»Männern das gefallen, ja«, antwortete sie.
Wider Willen mußte er lachen über die Zweideutigkeit ihrer Aussage. Verwundert sah sie ihn an. »Männer das mögen«, wiederholte sie. »Männer dann keine – Verwortung, frei sein.«
»Verantwortung?« vergewisserte er sich. Diesmal akzeptierte sie seine Korrektur. »Ver-ant-wor-tung, ja.«
Was erzählte sie ihm da? Es sollte Männer geben, die, noch dazu völlig freiwillig, ihren gott- und naturgegebenen Anspruch aufgaben, in einer Gesellschaft, sei sie nun ein wilder Stamm in Afrika oder Südamerika oder ein zivilisiertes Land in Europa, die Befehlsgewalt zu übernehmen? Die sich von Frauen, dem natürlich schwächeren Geschlecht, von den physischen wie von den geistigen Kräften her, Anweisungen geben ließen und diese sogar befolgten?
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