»Man muß der Wahrheit ins Auge sehen: Eine unbekannte Sprache, geschrieben in einer unbekannten Schrift, kann einfach nicht entziffert werden.« Diese für jeden wißbegierigen Forscher bittere Erkenntnis war Robertson natürlich geläufig.
Auch Champollion wäre ohne den von Napoleon nach Frankreich gebrachten Stein von Rosetta mit seiner dreisprachigen Inschrift an der Entzifferung der Hieroglyphen gescheitert. Und dann hatte genau dieser ihm die Lösung verschafft, an die vorher keiner geglaubt hatte.
Oben fand sich der Text in der bilderreichen Schrift des alten Ägypten, darunter in der weiterentwickelten ägyptischen Volkssprache. Die kannte man von den koptischen Christen; »koptisch« hieß ja »ägyptisch«. Und in den krakeligen Zeichen dieses mittleren Textes konnte man ohne Schwierigkeiten die eilige Schreibschrift-Weiterentwicklung der umständlichen alten Zeichen entdecken. Der dritte Text vollends war Altgriechisch, also ohne weiteres lesbar. Und da alle Texte das gleiche bedeuteten, konnte das Spiel beginnen: Das Spiel um Wort- und Zeichenhäufigkeiten, um Eigennamen und Wortbedeutungen. Der Erfolg, früher oder später, war garantiert. Hätte es der – zweifellos geniale – Champollion nicht geschafft, wäre es ein, zwei Jahrzehnte später ein anderer gewesen.
Was ihn an der unbekannten Schrift irritierte, war, daß ihm zwar einerseits klar zu sein schien, welche ihrer Zeichen gewissen anderssprachigen Worten zu entsprechen schienen – aber eines war absolut merkwürdig: Wo sich beispielsweise im ägyptischen und nubischen Text die Formulierung fand »man muß sicherstellen, daß …« – wobei dieses »man« durch zwei nebeneinandergestellte stilisierte Männchen dargestellt wurde –, da waren im dritten, obersten Text deutlich erkennbar zwei stilisierte kleine Frauen zu sehen. Der mehr als nur angedeutete hervorstehende Busen ließ daran keinen Zweifel.
Auch andere allgemeine Begriffe schienen eher weiblich geprägt zu sein, wo das Nubische, Altägyptische und auch unsere heutigen europäischen Sprachen eher männliche Begriffe benutzten. Das weckte sein Interesse noch stärker. Die prähistorischen Frauenstatuetten mit übermäßig ausgeprägten Hüften kamen ihm in den Sinn, ebenso wie vereinzelte Stimmen europäischer Forscher, die es für möglich hielten, daß es in Zentralafrika Gebiete gab oder zumindest früher einmal gegeben hatte, in denen »mutterrechtlich« organisierte Völker lebten, wie der neugebildete Begriff dafür hieß.
Gewiß sei eine solche Orientierung, so es sie denn überhaupt gegeben hatte, die Ursache für den Niedergang dieser Regionen und Völker, tönte solchen Gedanken prompt die communis opinio der beamteten europäischen Gelehrtenschar entgegen, die sich einen anderen Kulturträger als den Mann schlechterdings nicht vorstellen konnte.
»Strohköpfe!« hätte Lord Peter sicher zu dieser Bande gesagt, der nach allem, was Robertson über ihn wußte, in seinen Meinungsäußerungen nur selten ein Blatt vor den Mund nahm.
Lord Peter mußte nach dem ersten Auftauchen dieser Songhu-Inschriften ganz ähnliche Gedanken gehabt haben wie er, und da er nicht nur ein Mann des Intellekts und der Schreibstube war, sondern mindestens ebenso sehr ein Mann der Tat, ein Abenteurer, der sich gleich Hals über Kopf in medias res stürzte, um seine Theorie zu überprüfen, war er sogleich zu seiner ersten Afrikareise aufgebrochen. »Man muß Afrika erforschen, solange es dort noch etwas zu erforschen gibt«, war einer seiner Standardsätze.
Sein letzter Brief, aufgegeben in einer französischen Missionsstation am Tschadsee, war nicht nur voller Zuversicht, sondern auch voller Andeutungen, er habe schon etliche Indizien entdeckt, die darauf hindeuteten, daß er auf der richtigen Spur sei. Leider beließ er es bei diesen geheimnisvollen Andeutungen – und dann verschwand er spurlos.
Wie Robertson auch hatte er angenommen, daß das unbekannte Volk – die Sprecher jener weiblich geprägten »Inschriften-Sprache« – südwestlich von Oberägypten beheimatet sein müsse, irgendwo in Richtung Tschadsee vielleicht. Oder noch südlich davon, in Richtung Kongobecken. Die Entfernung zu Nubien und erst recht zu Ägypten war natürlich beachtlich – aber Handelsbeziehungen über Tausende von Kilometern hinweg gab es schon in uralter Zeit; man denke nur an die Bernsteinstraße oder das britische Zinn, das schon in vorgeschichtlicher Zeit seinen Weg bis in den Mittelmeerraum fand.
Robertson seufzte. Langley hatte recht – aufgrund seines Vorwissens war er der ideale Mann für diese Expedition. Und die günstige Gelegenheit einer der seltenen Expeditionen in diese immer noch höchst mangelhaft erforschten Gegenden mitten im Herzen des dunklen Kontinents durfte nicht ungenutzt verstreichen. Eigentlich müßte er es begrüßen, wenn endlich nach Lord Denning geforscht wurde; und eigentlich müßte er es begrüßen, endlich seine eigenen Theorien praktisch überprüfen zu können, ohne dies aus eigener Tasche bezahlen zu müssen.
Eigentlich.
Wenn nur die enormen und unübersehbaren körperlichen Strapazen und Gefahren der Reise nicht wären!
4
SANFT UND KÜHL STRICH EINE HAND ÜBER SEINE STIRN.
»Sophie«, murmelte er. Noch waren seine Augen geschlossen, doch er konnte sie vor sich sehen, in einem hellen, duftigen Kleid, mit dem silbernen Medaillon am hohen Kragen, das ein Bild ihrer verstorbenen Mutter barg, die langen dunklen Haare hochgesteckt, besorgt über ihn gebeugt.
Zuerst hatte sie ihm Vorwürfe gemacht, daß er sich der Entscheidung der Fakultät so widerspruchslos gebeugt hatte, dann hatte sie vor Angst geweint, ihn nie mehr wiederzusehen, weil er vielleicht so spurlos im afrikanischen Busch verschwinden würde wie Lord Peter.
Den ganzen Abend lang hatte sie ihn bedrängt, obwohl die Sitzung und die rauhe, plötzliche Konfrontation mit einer Arbeit fern von seinen Büchern ihn ohnehin über Gebühr erschöpft hatten.
Endlich war sie gegangen, und er hatte sich mitsamt seiner Kleidung aufs Bett fallen lassen, wo er sofort eingeschlafen war.
Doch nun war sie zurückgekommen, um sich mit ihm zu versöhnen; ihre schlanken Finger, die so liebevoll sein Gesicht berührten, bewiesen es ihm.
»Sophie«, seufzte er noch einmal.
Eine leise, warme Stimme antwortete ihm mit Worten, die er nicht verstand.
Es war nicht Sophies Stimme. Schlagartig drang etwas durch die Nebel seiner schwindenden Bewußtlosigkeit.
Sophie hatte keinen Schlüssel zu seiner Wohnung; sie hatte nicht zurückkommen können. Sie war nicht zurückgekommen. Und überhaupt war er gar nicht in seiner Wohnung in London.
Er war in Afrika.
Erschrocken fuhr er auf, doch energisch drückten ihn die vorher noch so sanften Hände zurück auf sein Lager.
Neben ihm saß auf dem Boden im Schneidersitz eine Frau, dunkelhäutig, anders als die vier, denen er vorher begegnet war, unbemalt, fast vollständig nackt, bis auf eine Kette um ihren Hals, ähnlich der, die ihm der Träger hinterlassen hatte, und mit langen, ähnlich gearteten Ohrringen in den Ohrläppchen. Seine Erziehung wollte ihn zwingen, schamhaft den Blick von ihrer Blöße abzuwenden, doch er konnte nicht anders, er mußte hinsehen, nahm den straffen Schwung ihrer Brüste wahr, deren dunkle Färbung in der Erhebung heller zu werden schien, mit den wieder vollständig dunklen, dunkelsten Höfen um die Brustwarzen herum als triumphierendem Schlußpunkt.
Auf einmal war ihm alles wieder eingefallen; der lange Marsch, er immer hinter den anderen, auf dem sie beobachtet worden waren, und dann der Überfall. Der Überfall der Frauenkrieger.
In seinem Bauch meldete sich das typische Kribbeln, das ihn immer erfaßte, wenn er etwas auf der Spur war. Hatte das Schicksal ihm ganz unerwartet Entdeckungen in den Schoß geworfen, die über irgendwelche von Lord Peter hinterlassenen Briefe weit hinausgingen?
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