Von einer nahen Eiche flog ein Krähenschwarm auf und lenkte ihn von der eingehenden Betrachtung des Cottage ab. Als er sich wieder darauf konzentrieren konnte, lag es unverändert still am Ufer. Abgesehen davon, dass kein Rauch aus dem Kamin stieg, war es ein Sinnbild häuslichen Friedens. Die Krähen ließen sich nieder, und die Nacht schlich die Uferlinie entlang. Er seufzte und ließ das Fernglas sinken.
»Du hast dir Ruhe verdient, Joseph«, schnurrte die Stimme. »Es war mühsam für dich, über all die Jahre den Schein zu wahren. Die Anstrengung hat dich müde werden lassen. Es ist weiß Gott ein Wunder, dass du überhaupt noch lebst.«
Froststacheln bohrten sich durch die eisigen Bodenbretter und stachen ihm ihre kalten Spitzen in Füße und Knie. Er meinte zu spüren, dass er, von der kalten Schwerkraft des Winters angezogen, wie ein Tier im Winterschlaf immer tiefer in sein Innerstes hineinsank. Die stundenlange Überwachung begann an ihm zu zehren.
»Mach einfach die Augen zu und schlaf, Joseph. Du hast das perfekte Versteck für einen perfekten Spitzel gefunden.«
Obwohl er sicher war, dass seine Feinde tief in ihren Gräbern ruhten, schwirrten ihre Geister seit Jahren durch seine Träume und peinigten ihn mit ihrem nächtlichen Gestöber, als wären sie Laub von einem unsterblichen Baum. Einzige Ablenkung war das Abspielen seiner Lieblingsplatte, die das erste Geschenk seines Vaters war, eine zerkratzte Aufnahme mit dem Titel Dawn in the Duck-Hide . Die A-Seite bestand aus einer gesprochenen Einführung in die Vogeljagd, auf der B-Seite waren nur die erwachenden Wasservögel bei Sonnenaufgang zu hören.
Sein ganzes Leben lang war er ein passionierter Entenjäger gewesen, und diese Aufnahme erfreute ihn stets aufs Neue. Das Schnattern, Quaken und die leisen Lockrufe waren ein Labsal für seinen Geist und schenkten ihm das innere Gleichgewicht, das er früher im Alkohol gefunden hatte. So war ihm auch die Lösung, wie er sich endgültig von der Vergangenheit befreien konnte, beim Lauschen dieser Vogelstimmen eingefallen.
Allerdings hatte er sich damit in falscher Sicherheit gewiegt. Als an jenem Morgen das Telefon klingelte, befiel ihn die kälteste Panik. Die vertraute Stimme am anderen Ende hatte nur wenige Worte gesprochen, dennoch hatte ihn der Anruf zur sofortigen Flucht aus dem Cottage veranlasst. Augenblicklich und ohne den geringsten Zweifel war ihm klar geworden, dass sich seine Feinde versammelten, um endgültig Rache zu nehmen.
Die Hintertür war von der Kälte verzogen gewesen, und er musste sie mit der Schulter aufstemmen. Trotz der Schmerzen in den arthritischen Händen zog er das Ruderboot über das glitschige Ufer, während er schnaufend unregelmäßige Atemwölkchen in der kalten Luft ausstieß. Die schneidende Morgenkälte schmerzte in seiner Lunge, und unter seinen Schritten zerbrachen kleine Eisplatten, deren Krachen und Knacken das stille Ufer aufschreckte.
Die Insel. Er war sicher, dass seine Verfolger nichts von dem Versteck wussten, das er sich dort eingerichtet hatte. Niemals hätte er so lange überlebt, wenn von seiner alten Findigkeit nicht noch einiges übrig wäre.
Er war ein Teenager gewesen, als die Schatten angefangen hatten, ihn zu verfolgen. Erst hatte er gemeint, der schnittige Wagen, der auf dem Nachhauseweg von einem Fußballspiel neben ihm hielt, habe sich verfahren und die Insassen wollten nach dem Weg fragen. Als auf der Fahrerseite das Fenster heruntergekurbelt wurde, erschien ein Mann mit grauem Gesicht und grauen Augen, dessen Stimme so dunkel und tief war wie der kräftige Motor seines Wagens.
»Hättest du Lust, für die andere Seite zu spielen, Joseph?«, fragte er mit einem Lächeln.
Woher kannte der Mann seinen Namen? Für einen Moment dachte er in aller Unschuld, der Fahrer sei der Trainer des Teams der Nachbargemeinde.
»Wer sind Sie überhaupt?«
»Das ist für den Augenblick nicht so wichtig, Joseph. Sagen wir einfach, ich bin Forscher und du bist mein Spezialgebiet.« Mit kühlem Blick lauerte er auf die Reaktion im Gesicht des Jungen.
»Ich will nichts weiter von dir als ein paar Informationen über die bösen Jungs und darüber, wer was mit wem macht. Dafür passen wir auf dich auf, du kriegst gutes Geld von uns, und wir helfen dir, wenn du Schwierigkeiten kriegst oder Soldaten dich belästigen.«
Devine machte einen Schritt rückwärts, dabei sanken seine Turnschuhe in den Schlamm am Straßenrand ein. Plötzlich hatte er das Gefühl, er habe sich in ein Schlüsselloch verwandelt, durch das gleißendes Licht fiel.
»Nein, danke«, sagte er, ohne den Anflug von Panik in seiner Stimme verbergen zu können.
Der Mann, der für ihn später nur der Anbahner war, nickte kurz. Er schien mit der Antwort zufrieden.
»Alles klar, war ja nur eine Frage«, sagte er und kurbelte das Fenster wieder hoch. Er salutierte knapp und fuhr davon.
Aber es folgten weitere Begegnungen auf einsamen Straßen, Gespräche über Onkel, die zusammengeschlagen worden waren, kranke, von Soldaten drangsalierte Verwandte und Warnungen, dass er von Paramilitärs verfolgt wurde. Manchmal wurden ihm Geld und schnelle Autos versprochen, manchmal verklausulierte Drohungen ausgesprochen, bei denen der Anbahner mit seinem kühlen Blick dem Jungen so starr in die Augen sah, als würde er magnetisch von einem Makel, einem inneren Pol der Schwäche angezogen, von dem Devine nicht einmal geahnt hatte, dass es ihn gab.
In den langen Jahren voller Ausflüchte und Täuschungen, die folgen sollten, hatte sich ihm eine Wahrheit offenbart, vor der es kein Entrinnen gab – dass nämlich sein erster Verrat einem Feuer glich, das niemals völlig herabbrennen würde. Sein ganzes Leben hatte er sich gefühlt wie ein Kind allein im dunklen Wald und sich immer einen so allumfassenden Verrat gewünscht, dass alles hinter ihm Liegende vollständig niederbrannte. Kein Rauch, keine Funken, keine glimmende Kohle, keine Spuren oder Schatten sollten übrig bleiben, nur noch Schutt und Asche.
Das ferne Krächzen einer Krähe weckte ihn aus einem kurzen unbequemen Schlaf. Aufmerksam lauschte er der Tonfolge. Krah-rah, krah-rah, krah-rah, krah-rah . Obwohl der Krähenruf halb vom Abendnebel verschluckt wurde, erkannte er den Laut, mit dem der Vogel anzeigte, dass keine Gefahr drohte.
Er lächelte über den Gedanken, dass er auf einen Krähenruf baute, um seine ärgste Furcht in Schach zu halten. Bei einem Jagdausflug hätte er sich vielleicht einen Spaß daraus gemacht, den Vogel vom Himmel zu holen.
Für die Wasservögel war die Schlafenszeit gekommen, und überall am Ufer schwärmten sie zurück in die Nester. Ihre Rufe antworteten der heranflutenden Nacht. Devine schloss die Augen, versammelte in Gedanken die Schlafrufe aller Vögel und verortete sie an ihren Schlafplätzen. So wob er sich in der Dunkelheit des Verstecks langsam selbst ein in das bewegliche Gespinst der Vogellaute, und während er dem Rufen und abendlichen Flügelrauschen zuhörte, schlief er wieder ein.
Das klägliche Quaken der Stockente ließ ihn aufschrecken. Der Laut erfüllte ihn mit Sorge, dieser Krächzer klang wie ein Todesschrei, ein klammes Gurgeln, das aus dem Vogelhals herausgepresst wurde. Er kletterte aus dem Versteck und watete in die Richtung des Lauts, aber er hatte abrupt geendet, wie verschluckt von der Schwärze der eisigen Nacht.
Doch dann hörte er ein weiteres klägliches Quaken aus dem Unterholz. Jetzt, im Freien, erkannte er den Misston darin. Den falschen Klang. Einen menschlichen Ton. So zu quaken erforderte Übung, aber ihn konnte man damit nicht täuschen.
Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr, und im selben Moment wurde ihm klar, dass sich ein Pfad zum Tod aufgetan hatte. Die Binsen schwankten, Schatten stürzten auf ihn zu. Während er durch das Ried zu seinem Versteck rannte, entdeckte er einen weiteren Schatten vor sich. Als er einen Haken schlug, hörte er etwas, das wie Lachen klang.
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