Die herbeigerufenen Polizeibeamten bemühten sich zunächst, die Eltern zu beruhigen und von einer harmlosen Erklärung zu überzeugen. »Die ist vielleicht zum Baden gegangen«, sagte ein Polizist.
Doch für die Eltern war klar, dass Ulrike niemals ihre Pferde im Stich gelassen hätte. Niemals. Wubbo Everts hatte das Gefühl, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Die Zögerlichkeit der Polizei ärgerte ihn, reizte ihn bis zur Weißglut. Wertvolle Zeit verstrich aus seiner Sicht, bis die Polizei die Sache ernst nahm und gegen Abend eine erste Suchaktion einleitete. Eine Hundestaffel wurde angefordert, Polizeihubschrauber mit Wärmebildkameras überflogen die Gegend. Aus Sicht von Wubbo Everts jedoch nicht weiträumig genug. Überhaupt verlief die ganze Fahndung, für die am nächsten Tag noch eine Hundertschaft zugezogen wurde, nach Meinung des besorgten Vaters viel zu oberflächlich.
Zu einer wirklich großangelegten Suchaktion, die auch die Wälder der Umgebung erfasste, kam es erst zwei Tage später mit Hilfe örtlicher Vereine. Die Feuerwehr ließ die Sirenen heulen. Das ganze Dorf wurde mobilisiert. Doch von Ulrike fand sich immer noch keine Spur.
Auch sonst hatte das Verschwinden des Mädchens kaum Spuren hinterlassen. Eine Frau, die an jenem heißen Nachmittag mit dem Kinderwagen unterwegs gewesen war, hatte aus 400 Meter Entfernung ein Auto wenden sehen, konnte aber keine genaue Beschreibung geben. Die übrigen Hinweise blieben ebenso vage. Wenn die Ponys hätten sprechen können … Was geschehen war, musste ihnen einen nachhaltigen Schrecken eingejagt haben. Denn noch lange Zeit danach scheuten sie, wenn sie an den mutmaßlichen Tatort kamen, weigerten sich weiterzugehen.
Für Ulrikes Eltern begann mit dem Anruf aus Harbern ein Alptraum, der kein Ende nehmen wollte. Die quälende Ungewissheit, Angst und Fassungslosigkeit verfolgten sie Tag und Nacht. Sie nahmen Beruhigungsmittel, um überhaupt noch einen klaren Gedanken fassen zu können oder Schlaf zu finden. Unfähig, weiter seiner gewohnten Arbeit nachzugehen, durchforstete Wubbo Everts Tag für Tag auf eigene Faust Gestrüpp und Wälder der Umgebung. Da er fast nichts mehr aß, magerte er ab bis auf die Knochen. Sein Gesicht war bald eingefallen wie das eines Todkranken.
Seine Frau litt auf weniger augenfällige Art. In manchen Momenten war es Marlene Everts, als sei das alles gar nicht wahr. In Ulrikes Zimmer sah es ja auch noch Monate später genauso aus wie an diesem Tag im Juni, eine Woche vor den Sommerferien, zwölf Tage vor Ulrikes Geburtstag. Ulrikes Rucksack mit den Schulsachen stand immer noch so auf dem Sessel, als wäre sie gerade erst von der Schule nach Haus gekommen. Auf dem Tisch ungeöffnete Briefe – Post von Tierbuchverlagen. Alles hatte sich ja bei Ulrike um Tiere gedreht, um Pferde vor allem. Ein Sattel, ein Westernhalfter, Bücher und Zeitschriften über Pferde beherrschten den Raum. Pferdemotive schmückten Bettzeug und Tapeten.
Außer den Ponys Rex und Sonja stand auch noch Ulrikes Haflingerstute auf der Weide. Fürsorglich kümmerten sich jetzt die Eltern um das Pferd, ebenso wie um die 20 Wellensittiche und Prachtfinken, die Zwergkaninchen, die Fische im Aquarium, den Dackel und die Katze, die Ulrike zuvor versorgt hatte.
Nahezu ihre ganze Freizeit hatte die Realschülerin ihren Tieren gewidmet. Für Freundinnen oder Mitschüler war da kaum mehr Zeit gewesen.
Völlig undenkbar war es daher für ihre Eltern, dass sie ausgerissen sein könnte, wie manche meinten. Einfach abhauen und die Tiere im Stich lassen? Vollkommen ausgeschlossen. Außerdem war Ulrike auch eher ängstlich, als Nachkömmling und Nesthäkchen umsorgt und verwöhnt. Auch von ihren drei Geschwistern, die bereits erwachsen waren und das Haus schon verlassen hatten.
Täglich ließ Wubbo Everts sich von der Polizei auf dem Laufenden halten. Dass es mit den Ermittlungen so schleppend voranging, verbitterte ihn, bestärkte ihn in seinem Verdruss über die Polizeiarbeit. Aufgebracht hatte er sich bereits darüber beschwert, dass die Reifenspuren viel zu spät gesichert worden waren, die sich auf dem Sandweg abgezeichnet hatten. Schon bald seien darum Schaulustige darüber hinweggelatscht, klagte er. Sogar Polizeiautos seien über die Spuren gefahren, bis endlich jemand Anweisung gegeben habe, den Weg abzusperren.
Nein, Wubbo Everts war auf die Sonderkommission Kutsche, die drei Tage nach Ulrikes Verschwinden eingerichtet worden war, nicht gut zu sprechen. Fehler über Fehler sah er in der Polizeiarbeit; bemängelte die schlampige Auswertung eines schlechten Tatortfotos, kritisierte die halbherzige Suche nach seiner Tochter, zeigte sich empört, als ein Polizeibeamter ihm nahe legte, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass Ulrike möglicherweise nicht mehr am Leben sei.
Um die ins Stocken geratenen Ermittlungen voranzutreiben, überzog Wubbo Everts den Leiter der Sonderkommission in Delmenhorst mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde – und nahm damit in Kauf, dass man ihn nicht mehr täglich über den Stand der Ermittlungen informierte. Aber was sollte das auch? »Nichts Neues«– auf diese stereotype Botschaft konnte er gut verzichten.
Und die Eltern verließen sich ohnehin nicht nur auf die Polizei. Sie veranlassten in- und ausländische Fernsehsender zu Berichten, schalteten eine Vermisstenanzeige mit Foto im Internet und ließen 50 000 Suchzettel drucken, auf denen Ulrike als Konfirmandin abgebildet und knapp beschrieben war: ca. 160 Zentimeter groß, blonde, glatte, nackenlange Haare, ovales Gesicht, dunkelbraune Augen. Immer höher kletterte die Summe, die sie zur Belohnung aussetzten – bis auf 50 000 Mark.
Im Schneeballsystem verbreiteten Freunde die Suchzettel mit Hilfe von Spediteuren bis ins Ausland. Lastwagenfahrer hängten die Zettel an Autobahnraststätten aus. Marlene und Wubbo Everts schrieben sämtliche Kreis- und Stadtsparkassen Deutschlands an, um sie zum Aushängen der Aufrufe zu veranlassen.
Der Kreis der Unterstützer weitete sich. Nicht nur Freunde und Verwandte, auch Fremde meldeten sich, um ihre Hilfe anzubieten. Darunter auch etliche »Spökenkieker«, die Wege jenseits der Schulweisheiten empfahlen, Hellseher und Pendler. In ihrer Verzweiflung klammerten sich die Everts an jeden Strohhalm. Ein Pendler gab sogar den Ausschlag dafür, dass die Polizei auf das Drängen der Eltern hin ein Waldstück durchsuchte. Man durfte ja nichts unversucht lassen. Es war doch alles so unglaublich, so unfassbar, dass vielleicht auch das Unglaubliche helfen konnte. Und Wubbo Everts schöpfte Kraft daraus, wenn ihm ein Hellseher sagte, dass seine Tochter noch am Leben sei. Kraft schöpften die Eltern auch aus ihren Gebeten. Wubbo und Marlene Everts, die der Kirche bisher nicht besonders eng verbunden gewesen waren, beteten, wie nie zuvor in ihrem Leben.
Denn bei allen Bemühungen kroch immer wieder die lähmende Angst in ihnen hoch, dass eines Tages der Anruf kommen könnte, der all ihre Hoffnungen zunichte machte. Doch sie kämpften dagegen an, weigerten sich, das Unabänderliche tatenlos auf sich zukommen zu lassen. Sie waren der Überzeugung, es Ulrike schuldig zu sein, alles Menschenmögliche tun zu müssen, um zu verhindern, dass die Polizei eines Tages die Aktendeckel über dem ungeklärten Vermisstenfall zuklappte. Undenkbar, unerträglich, sich das auszumalen! Die Vorstellung, dass ihr Kind womöglich von Menschenhändlern verschleppt und irgendwo erniedrigenden Sexualpraktiken ausgesetzt sein könnte – hilflos, verängstigt und allein –, brachte Marlene und Wubbo Everts fast um den Verstand. Die nervliche Daueranspannung machte sie reizbar und stellte auch die Ehe auf schwere Belastungsproben. Nichts war seit dem 11. Juni mehr wie zuvor.
4. Erinnerungen an den Vater
Keine 15 Kilometer von Jeddeloh II entfernt, spielte ein Mann mit seiner elektrischen Eisenbahn, der Marlene und Wubbo Everts hätte sagen können, was mit ihrer Tochter geschehen war. Doch der Mann hatte sich entschlossen, nicht mehr daran zu denken. Und es war ihm gelungen, die Erinnerung an jenen Junitag von sich abzustreifen wie Spinnengewebe, das einem am Kopf hängen bleibt, wenn man an einem Herbstmorgen durch den Wald spaziert. Er hatte ja auch seine Frau und seine beiden kleinen Kinder, die ihn beschäftigten. Und schon bald ging er wieder einer halbwegs geregelten Arbeit nach. Wenn es dennoch in ihm zu rumoren begann, dann zog er sich in seine Dachstube zurück, schaltete seine Stereo-Anlage ein und tauchte ab in seine Musik – in Lieder von Ronny oder auch in moderne Pop-Hits. Er ließ dabei seine elektrische Eisenbahn kreisen oder polierte seine Feuerzeugsammlung.
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