Aber Ronny Rieken hörte nicht hin. Er drückte seine Zigarette aus und starrte auf den Weg.
Als das Mädchen an seinem Auto vorbeiging, streckte er blitzschnell seine Hand aus dem Seitenfenster und packte das Kind. Er krallte sich in den Haaren des Mädchens fest. Im nächsten Moment sprang er aus dem Auto, wechselte den Griff und umschlang sein Opfer. Das Mädchen schrie und trat verzweifelt um sich. Dabei starrte es den kräftigen blonden Mann im Holzfällerhemd mit weit aufgerissenen Augen an. Bei dem Gerangel entglitten dem Mädchen die Zügel, so dass die Shetlandponys ihren Weg allein fortsetzten.
Doch Rieken, der sonst panische Angst vor Pferden hatte, achtete nicht auf die Ponys.
Da ist dann wieder dieses Programm abgelaufen, dieses – blöder Ausdruck, aber ich habe kein besseres Wort dafür – dieses altbekannte Programm, da gab es kein Zurück mehr.
Er zerrte das angststarre Mädchen zum Heck seines Autos, zwängte es mit dem Kopf zuerst in den Kofferraum, schlug die Klappe zu, setzte seine Fahrt fort. Mit hoher Geschwindigkeit raste er über den Feldweg in Richtung Konsorstraße. Er hatte das Mädchen natürlich nicht nach seinem Namen gefragt, wusste also nicht, dass es Ulrike hieß. Er interessierte sich auch gar nicht dafür. Er verspürte weder Mitleid noch Angst, beobachtet zu werden. Und als Ulrike im Kofferraum weinte, drehte er einfach die Musik lauter.
»Kleine Annabell,
musst nicht traurig sein …«
Wilde Fantasien schossen ihm durch den Kopf. Er stellte sich vor, was alles er tun konnte mit dem Mädchen, das er in seiner Gewalt hatte und dem er all seine Wünsche aufzwingen konnte. Nur ein Ziel war es, das er vor Augen hatte, als er zum Küstenkanal zurückfuhr: seinen rund zehn Kilometer entfernten Lieblingsplatz, eine kleine Uferwiese im Schatten von Bäumen und Büschen, nicht weit entfernt von der Tierkörperbeseitigungsanstalt Kampe. Oft schon hatte er hier geangelt und vor sich hin geträumt. Doch an diesem heißen Juninachmittag sollte es auf dem kleinen Wiesenstück nicht so beschaulich zugehen.
Bevor er das Mädchen aus dem Kofferraum zerrte, nahm er die Hälfte des Nylonstrumpfs, den er immer im Auto hatte. Schon einmal hatte sich eine Strumpfhälfte als Keilriemenersatz bewährt. Diesmal aber nutzte er den Strumpf auf andere, ebenfalls erprobte Weise. Er verband dem Mädchen damit die Augen.
Verzweifelt versuchte Ulrike sich zu befreien. »Lass mich los, lass mich bitte, bitte gehen«, flehte sie den Mann an. Und der versprach: »Wenn du ruhig bist, bringe ich dich zu deiner Kutsche zurück.«
Aber das sagte er nur so. Er breitete seine rote Wolldecke aus, begann, Ulrike auszuziehen. Als sie sich wehrte, versetzte er ihr eine derart harte Ohrfeige, dass sie sich nicht mehr zu regen wagte.
Jetzt forderte er sie auf, sich vor ihm hinzuknien. Wie berauscht kostete er ihre Ohnmacht aus, warf sie zu Boden, würgte sie mit ihrem T-Shirt, um ihren letzten Widerstand zu brechen.
Er zwang sie, sein Glied in den Mund zu nehmen, drang mehrmals in sie ein.
Dann war da auf einmal das Geräusch eines sich nahenden Autos. Er horchte auf, hielt inne. Auch das Mädchen musste das Auto gehört haben. Es riss sich los, sprang hoch und schrie. Doch schon im nächsten Moment hatte er es wieder gepackt, niedergedrückt und ihm den Mund zugehalten. Dann ging alles ganz schnell. Er ergriff die losen Enden des T-Shirts, das noch um Ulrikes Hals geschlungen war, und zog zu. Ganz fest. Er beobachtete, wie das Kind röchelte. Doch er ließ nicht locker. Erst als Ulrike nach zwei bis drei Minuten kein Lebenszeichen mehr von sich gab, ließ er los.
Daraufhin legte er den erschlafften Körper in den Kofferraum und fuhr weiter. Aber wohin? Nach und nach kam ihm zu Bewusstsein, was er getan hatte. Entsetzt von seinem eigenen Tun zündete er sich eine Zigarette an. Es war weniger Mitleid, das ihn quälte. Es war vor allem die Kinderleiche im Kofferraum, die ihn mit Sorge erfüllte. Was, wenn er in eine Polizeikontrolle geriet? Wahrscheinlich würden sie ja schon nach dem Kind fahnden. Es war klar, dass er die Leiche schnell wieder loswerden musste. Aber wie?
Um zur Ruhe zu kommen, drehte er die Musik lauter.
»Oh, my Darling, oh my Darling,
oh my Darling Clementine ….«
Er atmete durch, drückte seine Zigarette in dem überquellenden Aschenbecher aus und zündete sich gleich eine neue an, während er sein Auto durch Oldenburg in Richtung Osten steuerte. Irgendwann hatte er die Gemarkung des Dorfes Loy erreicht. Er kannte den Ort. Eine Tante von ihm hatte hier einmal gewohnt. Hinter Loy erstreckte sich ein Naturschutzgebiet, das Ipwegermoor, eine abgeschiedene Gegend. Er bog in einen Feldweg ein. Als er gerade ein passendes Waldstück entdeckt hatte und anhalten wollte, sah er in der Ferne einen Bauern über einen Acker tuckern. Um nicht beobachtet zu werden, setzte er seine Fahrt fort. Während er über einen Waldweg holperte, sog er hastig den Rauch seiner Zigarette ein, achtete nicht darauf, dass ihm die Asche auf die Hose fiel. Irgendwann hatte er die Gellener Torfmöörte erreicht.
Als er sich sicher wähnte, hielt er an einem Rastplatz für Wanderer und holte den Leichnam aus dem Kofferraum. Gut 500 Meter trug und schleifte er das tote Kind durchs Gestrüpp, bis er zu einer Senke kam, die von einem Hügel verdeckt wurde. Da er mittlerweile völlig verschwitzt und erschöpft war, beschloss er, die Leiche in der Senke abzulegen, von der er annahm, dass sie längst ausgetrocknet war – fälschlicherweise, wie sich später herausstellen sollte.
Er bedeckte die nackte Kinderleiche mit Laub, verbuddelte auch die Kleidung des Mädchens, hockte sich an den Grabenrand und rauchte zwei Zigaretten. Dabei ergriff ihn erneut Entsetzen über sein Tun. Wie hatte das nur passieren können? Was war bloß los mit ihm?
Da es noch zu früh war, nach Hause zurückzukehren, legte er einen Zwischenstopp an der Oldenburger Schleuse ein. Ein Frachtschiff, vermutlich mit Kohle beladen, schob sich heran. Er beneidete den Mann, der mit einer Pfeife in der Hand über das Deck schlurfte.
Für die Rückfahrt nach Elisabethfehn benötigte er eine knappe Stunde. Um abzuschalten, hörte er wieder Seemannslieder von Ronny.
»Rolling home, rolling home,
rolling home, across the sea …«
Als er gegen halb acht nach Hause kam, war das Haus leer. Gerda war mit den beiden Kindern zu Besuch bei Verwandten im Dorf. So war er noch ein bis zwei Stunden allein. Er zog seine Arbeitsklamotten aus und duschte. Lange und ausgiebig.
Immer drückender wurde ihm bewusst, was er getan hatte. Erst als Gerda mit den Kindern zurückkehrte, wurde ihm leichter zumute. Natürlich erzählte er seiner Frau nicht, was er am Nachmittag getan hatte – er war ja bei der Arbeit gewesen. Jetzt war er nicht in der Stimmung, sie über seinen Privatstreik aufzuklären. Bereitwillig wechselte er stattdessen Jonas die Windeln und spielte mit seinem kleinen Sohn. Auch am Tag darauf kümmerte er sich um den Jungen wie ein Bilderbuchvater. Tobte mit ihm auf dem Rasen vor dem Haus herum, schob Spielzeugautos durchs Haus, nahm Jonas zum Spaß den Schnuller weg. In Gedanken aber war er oft bei dem Mädchen mit der Ponykutsche.
Seine Frau berichtete später, dass er in dieser Zeit ungewöhnlich still, ja manchmal sogar geistesabwesend gewesen sei. Doch Argwohn schöpfte sie nicht.
Als Rundfunk, Fernsehen und Zeitungen über den Fall des vermissten Mädchens berichteten, hatte Ronny Rieken die Tat schon so weit aus seinem Bewusstsein geschoben, dass ihm war, als habe er gar nichts mehr damit zu tun.
Wubbo und Marlene Everts waren sofort alarmiert. Eine Bekannte aus Harbern hatte aufgeregt angerufen. »Die Pferde kommen allein zurück, von Ulrike ist nichts zu sehen. Da stimmt was nicht.« Sofort nach dem Anruf war Marlene Everts zum Dortmunder Moorweg geeilt, wenig später hatte auch ihr Mann seinen Betrieb verlassen, um sich auf den Weg nach Harbern zu machen. Nach kurzer vergeblicher Suche entschlossen sich die beiden, die Polizei zu rufen.
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