Mit schweren Beinen und Troll im Schlepptau stapfte sie die Stufen hinunter, vorbei am bunten Marktgetümmel, um die Ecke in die enge Fußgängerzone, wo wieder einmal reger Lieferwagenverkehr sich wagemutig an vollgehängten Kleiderständern, Angebotsschildern und ausladenden Markisen vorbeiquälte. Hupend bemühten sie sich, sich gegenseitig im Schneckentempo, Millimeter für Millimeter, zu überholen, was alle Passanten mehrmals zu lästigem Stop-and-go zwangen.
Werktag für Werktag, das gleiche lästige Spiel, so unnötig wie ein Kropf! Warum schafften es die Anrainer-Geschäftsleute nicht, ihre Werbeutensilien bis elf Uhr im Laden zu lassen bis die tägliche Ladezone für die Zulieferer beendet war und diese niemanden mehr störten? Verflixt, beim Ausweichen an eine Hauswand war Mona voll in einen stinkigen Hundehaufen getreten. Brr, igitt! Sonst achtete sie immer penibel auf solche Tretminen. Eigentlich war der Samstag Monas Lieblingstag der Woche, aber in letzter Zeit erschienen ihr die Samstage eher wie aneinandergereihte Montage, in denen Murphys Gesetz zu Monas unliebsamen Begleiter wurde. Genau dieses grüßte gerade wieder einmal leise aus der Ferne.
Sie streifte ihre rechte Sandale am nächsten höher stehenden Pflasterstein ab, der sich bot. Leider waren nicht alle Hunde so reinlich wie Troll, der niemals seine Ausscheidungen auf der Straße absonderte. Den rettenden Hausflur erreicht, die Treppe hoch, rutschte Mona mit ihrem restkot-behafteten Blockabsatz blitzschnell und mit viel Druck, über die borstige, spruchgeschmückte Fußmatte des Hausmeister-Ehepaares der gegenüberliegenden Wohnung. Genauso, wie sie es einmal bei zugehöriger Dame auf der Matte der Mieter vom Erdgeschoss beobachtet hatte. Immerhin war hier zu lesen, ›Tritt rein, bring Glück hinein!‹ Sei’s drum! Endlich zu Hause. Die Schuhe vorsichtig aus und auf die Werbeprospekte gepackt, die für die Papiertonne bereitlagen. Klamotten herunter, schnell noch das Handy auf zwölf Uhr »Wecken« gestellt.
»Leg dich hin, Troll, guter Hund.« Die elastischen, gelben Ohrenstopfen in die Ohren gedrückt, zog Mona die Bettdecke über den Kopf und mit den Gedanken, falls jetzt noch mal einer stört, den höre ich hoffentlich nicht oder ich erwürge ihn, schlief sie ganz schnell ein. Tief und fest.
*
Handyklingeln weckte sie. Vierzehnuhrzehn – verflixt, sie hatte verschlafen. »Jaa?«
»Hallo Süße.« Ihre beste Freundin Simone versuchte schnell zu eruieren, welches Outfit Mona gewählt hatte für ihr Date um halb drei. Außerdem wollte sie ihr mitteilen, dass das »Buchdruckergautschen« erst um vier stattfand, nicht um drei, wie sie zuvor gesimst hatte. Die zuverlässige Sonne malte safrangelbe Muster durch die blau-metallischen Jalousien auf der weißen Raufasertapete des Schlafzimmers.
»Das trifft sich gut. Treffen wir uns dann um drei, vielleicht vor dem Café am Ballplatz?«
»Okay, und was ziehst du an? Etwa das schicke Shirt aus der Boutique Diehl am Leichhof aus der letzten, verkaufsoffenen »Nacht der Sinne«?«
»Das im Kaufrausch erstandene heiße Teil? Nein, zu offenherzig für heute. Ich denke, das schwarzweiße Kleid und die kurze Jeansjacke nehme ich mit. Aber jetzt muss ich dringend unter die Dusche. Bis gleich.«
»Ciao, Bella!«
Troll, ebenfalls staksig erhoben, schnuffte an dem halb vollen Pott, bevor er mit spitzen, gelblichen Zähnen ein paar Happen ins Maul bugsierte. Das heiße Wasser tat Mona gut und langsam wechselte ihr Befinden von so-lala-wach zu hellwach. Noch ganz kurz nach Kneipp – eiskalt abgeduscht, fertig.
Wo hatte sich nur das angedachte Kleid versteckt? Mona durchforstete den bunten Klamottenberg, der sich auf dem platzbietenden Rattanschaukelstuhl türmte.
»Ordnung ist das halbe Leben…«; hörte sie im Geiste ihren korrekten Vater dozieren und ihre lässige Mutter vermitteln:
»Wer Ordnung hält, isch nur zu faul zum suche!« Sie nicht! Da war es schon und absolut tragbar. Ein heftiges »Danke« an die Erfinder knitterfreien Materials. Wimperntusche in Intense Black, einen Klacks des genialen Consealers auf den rosa aufblühenden Pickel an der Nase und der zartrote Gloss-Lippenstift. Perfekt. Ungeschminkt in Naturpur-Look wie heute Morgen verließ Mona fast nie das Haus. Der Hund lag bequem in seiner Kuscheldecke vergraben, augenscheinlich wunschlos glücklich.
»Pass schön auf die Wohnung auf. Ich komme bald zurück«, trug sie ihm auf, während sie noch kurz seine Lieblingsstelle am Hals kraulte. »Mach mir keine Schande, bis nachher, Troll!«
*
Quer durch die Fußgängerzone wuselte es ameisenhaft. Samstags Normalzustand und heute bei strahlendem Wetter und wegen des Johannisfestes entsprechend mehr. Mona schob sich durch die Massen bis zum fachwerkgeschmückten Weinhaus auf der Ecke zur Heiliggrabgasse, die zum Bischofsplatz führte. In dieser lauschigen Weinstube pflegten wohl einige Rentner ihren Zeitwohnsitz. Zu Anfang ihrer Mainzzeit, beim fünften Anlauf darin einen Platz zu ergattern, waren Micha und sie endlich fündig geworden. Doch statt des Kellners, der ihnen die Speisekarte offerierte, erschien ein rechts und links grüßendes, sehr reifes, gemischtes Dreiergespann und behauptete empört, die Studenten blockierten ihre gewohnheitsrechtlichen, langjährigen Stammplätze, die umgehend zu ihren Gunsten zu räumen wären. Danach hatte es sie beide nie wieder gereizt, einen weiteren Versuch zu starten.
In der etwas ruhigeren Gasse, vis à vis von Sparkasse und dem edlen Weinladen, vor dem alljährlich gleich platzierten Toilettenwagen, thronte die Toilettenfrau auf ihrem Hocker, traumverloren in einer zerfledderten Vogue blätternd. Neben sich einen antiquarischen Pinkelpott aus Porzellan deponiert, mit kleinen Blümchen darauf und einigen Münzen darin, harrte sie geduldig des Ansturms notdürftiger Kundschaft, der unausweichlich später erfolgen würde. Um die bronzene Bischofsskulptur waren die vielen Stände bereits stark frequentiert von durstigen Gästen. Die aufgebaute Bühne für die spätere Live-Musik lag verlassen, nur ein Konservensong, der angeblich niedlichsten Versuchung, seit es Blondinen gab, der Australierin Kylie Minogue, schallte über den lauschigen Platz mit dem efeuüberwucherten Parkhaus. Geradeaus, durch die Gasse zwischen Paxbank und Bereitschaftspolizei hindurch, eilte Mona schnellen Schrittes zum Ballplatz, wo gerade ein Zauberer im blau beleuchteten Szenario, Eltern, Großeltern und Kindern mit Magischem verzauberte. Der Johannis-Büchermarkt, täglich von zehn bis zweiundzwanzig Uhr geöffnet und von Leseratten jeden Alters umlagert, lief bereits auf Hochtouren. Monas Blick schweifte suchend über die besetzten Tische des Cafés, als Simone ihr zuwinkte, lachend aufstand und stehen blieb, bis sie durch die knappen Abstände zu ihr hinlangte.
»Hi, Mona!« Küsschen rechts und Küsschen links.
»Hi! Wartest du schon lange?«
»Nein, gerade gekommen und noch nichts bestellt. Gut siehst du aus.« Kaum hatten sie Platz genommen, erschien die Bedienung und Simone bestellte: »Zweimal Latte macchiato, bitte.«
»Gerne! Die Latte, mild oder würzig, typisch italienisch oder sortenrein?«, fragte das Mädel.
»Wusste nicht, dass es solche Unterschiede gibt, aber ich denke, sortenrein hört sich gut an, oder?«
Simone blickte fragend zur Freundin, die zustimmend nickte.
»Okay, aber mit viel Zucker, bitte«, rief Mona der Serviererin noch hinterher, die zum nächsten Tisch weiter gegangen war.
»Du Zuckerschnute! Wohl immer noch nicht süß genug?« Zuerst die Zigaretten und die Handys auf den Tisch, dann ihr kleines Ritual bei jedem Treffen. Simone gab Mona Feuer und umgekehrt. Simone bevorzugte Menthol-Zigaretten, die Mona immer Kopfschmerzen bescherten, sie selber war leicht süchtig nach den schlanken Caprice, fast genauso süchtig wie nach glibberig, grüner Götterspeise. »Und? Wie ist es dir ergangen?«
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