Das zwangsläufig folgende Mark&Bein-durchdringende Kreischen einer Kreissäge im Hinterhof, welches vom Zerstückeln der armen Säue zeugte, vergällte Ilse langfristig den Appetit auf den geliebten Frühstücksspeck, da sich die gruselige Vorstellung regelmäßig und unausweichlich wiederholte. Lange Zeit verlegte die Neubürgerin ihr Frühstück ins Wohnzimmer, um den nervtötenden Geräuschen der unteren Nachbargefilde zu entgehen. Sie schloss das Küchenfenster wegen des aufsteigenden, weißen Dampfes, der ihre Fensterscheiben beschlug, und vermied zukünftig den Blick auf die sehr frühe Leere der Fußgängerzone, weil das Quietschen des Seilzugs sie stets an das Quieken lebendiger Schweine erinnerte.
Zum Glück war die Ausbeinerwerkstatt vor einigen Jahren deutlich besser isoliert worden, sodass Ilse sich von der schweinischen Verarbeitung nicht mehr belästigt fühlte. Auch die sehr frühen Zeiten für die wöchentliche Anlieferung und den Abtransport der abgenagten Knochen samt Müllbox waren ihr schleunigst so hinlänglich bekannt, dass sie diese Aktionen bewusst ignorieren konnte. Ilse bewohnte seit fast dreißig Jahren ihre kleine, aber sehr charmante Wohnung mit schiefen Wänden im zweiten Stock eines vierhundertjährigen Hauses mit überputztem Fachwerk in der Augustinerstraße. Anfangs noch mit Sohn Henrik, der inzwischen erwachsen war, und im Ausland lebte. Auch Mona hatte auf Anhieb ihre Studentenbude hier gefunden, allerdings in einem jüngeren Wohnhaus, auf der sogenannten Beletage im ersten Stock und zweihundert Meter weiter Richtung Dom. Die Bischofsstadt, insbesondere die verwinkelte Altstadt, war inzwischen zu Ilses Heimat aufgestiegen, wo sie sich sehr wohl fühlte. Trotz ihrer mittelgroßen Adaptionsprobleme an die »Schunkelmentalität« der Urmainzer – treffend ausgedrückt im Fastnachtsmotto: »Mainz, wie es singt und lacht!«, oder in der Realität der Altstadt manchmal eher… stank und krachte!
Anfangs unvorstellbar, als es Ilse samt Nachwuchs aus dem hohen Norden ins Rhein-Main-Gebiet verschlagen hatte und festkleben ließ. Sie kannte zahlreiche Geschichten aus der langen Zeit,
»…über das schwarz-weiße und manchmal grellbunte Treiben in der Altstadt, als sich noch metallene Straßenbahnschienen wie große Adern durch die inzwischen gepflasterte Fußgängerzone zogen und heiße Öfen von Motorrädern oder röhrende Auspuffrohre von lautstarken Autos ihre stinkenden Abgase – fast blau – in den engen Häuserschluchten stehen ließen, ehe sie zum Himmel entweichen konnten.« Aus dieser prallen, imaginären Schatzkiste bewegten Altstadtlebens kramte die sympathische Seniorin des Öfteren, autobiografisch gefärbte Anekdoten und offenbarte diese schmunzelnd der Kunststudentin Mona. Die, immer auf der Suche nach lohnenden Karikaturmotiven, sog sie begeistert auf. Wie jene vom kleinwüchsigen, verhärmten Italiener im zweiten Stock der gegenüberliegenden Straßenfront.
Jedes Mal, sobald Ilse es wagte sich mit Freundinnen am Fenster zu zeigen, fühlte sich dieser Kretin scheinbar zu halböffentlichem, wildem Onanieren animiert, die markante Region zusätzlich beleuchtet durch einem verbeulten Spotstrahler. Was stets so lange reibungslos, bzw., eher reibungsvoll bei ihm ablief, bis ein rohes Ei an seinen verwitterten Fensterflügeln zerbarst und mit klebriger Schleimspur zerfloss. Gezielt platziert von Ilses studentischem Nachbar im dritten Stock, untermalt durch lautes Beifall-Geklatsche eines Konzertmitschnitts aus seiner Anlage, welche er zur Untermalung der kostenlosen Peepshow so lange erdröhnen ließ, bis die wohlgenährte, italienische Mama wutschnaubend aus dem Nachbarzimmer der engen Wohnung emportauchte. Sie zerrte ihren ‚Onani’ hastig von der Bildfläche und verschloss Fenster und Gardinen blickdicht.
Oder die von zwei feministisch angehauchten Studentinnen im gleichen Haus, die Ilses dreizehnjährigen Sohn samt Freund eines Abends mit anstachelnden Sprüchen quer über die Straße in ihre Wohnung lockten, um den Teenies eine Metallreibe vom Flohmarkt in die Hände zu drücken mit den Worten,
»Macht’s euch selber, Männer«: Umgehend schickten sie dann die verdutzten Jungs samt Reibe zurück. Wohl eine Reaktion auf deren neugierige und pubertäre Blicke in die gut einsehbaren, gardinenlosen Fenster, unter denen sich die Mädels anschließend lachend auf der Matratze kugelten.
Ebenso diverse Storys über den quirligen, italienischen Familienclan, der sich Jahr um Jahr zahlenmäßig vergrößerte und das enge, nachbarliche Hinterhaus bevölkerte, welches im Zweimeter Abstand zum Haupthaus errichtet war. Im Winter kühlten sie ihre Vorräte in aufgeschnittenen Plastikkanistern auf der Fensterbank und im Sommer kurbelten »la Madre« und »la Nonna« abwechselnd und tagtäglich die Wäsche mittels einer abenteuerlichen, mechanischen Rollenkonstruktion zum übernächsten Hinterhof. Dort hauste mehr als wohnte scheinbar ihre Verwandtschaft, wie man den lebhaften, fast maschinengewehrartigen Unterhaltungssalven entnehmen konnte, die, zumindest die Hälfte des Tages, quer über den Hinterhof schallten. Durch die plastische Schilderung der pittoresken Altstadtarchitektur und ihrer Bewohner in den siebziger Jahren vermittelte Ilse immerzu einen Hauch ihres ganz persönlichen Mainz-Eindrucks an Mona, die jedes Detail begeistert aufsog. Die Studentin verklärte die überlieferten Momentaufnahmen schwärmerisch zu einem Fin de siècle-Flair, welches sie bedauerlicherweise nicht mehr hatte erleben dürfen aufgrund der umfassenden Altstadtsanierung.
Das anheimelnd nostalgische Bild, welches ihr Ilse irgendwann beschrieben hatte, » …als über viele Jahre aus dem Rundbogenrahmen der Dachluke im unbewohnten Hinterhaus, ein dickwangiger, barock vergoldeter Putto, seinen Blick verträumt in mein Küchenfenster richtete«, konnte sie bereits zu einer zart pastellfarbenen Illustration verarbeiten. Mona mochte Ilse und deren häufig poetische Ausdrucksweise gefiel ihr sehr. Obwohl die ungleichen Freundinnen bei Unterhaltungen regelmäßig befremdliche Blicke und Tuscheln der Nachbarn ernteten. Besonders auffällig vor dem italienischen Eiscafé am Leichhof zwischen den eng gestellten Tischen, wo sie sich öfter zu Latte macchiato oder Gelati multicolore verabredeten. Vermutlich zielte das pikierte Gebaren mancher Mitmenschen darauf, Ilses Redefluss zu stoppen oder auf normalbürgerlichen Level herabzusenken, doch es bewirkte eher das Gegenteil. Je nach Stimmung regte es Ilse zu lyrischen Höhenflügen an, mit promptem Echo im Umkreis, über das sie beide später herzhaft lachen konnten. Ilses vieljährige Tätigkeit als Lektorin eines Frankfurter Verlages, wo sie auch Gedichte redigieren durfte, hatte mit Sicherheit auf sie abgefärbt, wie sie gerne einräumte.
*
»Der Wochenmarkt ist schlichtweg ein Traum. Von mir aus könnte der immer am Hopfengarten seine Zelte aufschlagen«, rief sie ihnen leicht keuchend zu, weil sie versucht hatte ihrer Diva zu folgen, die trotz kurzkrummer Dackelbeine sehr flink war. Mit,
»Hallo, ihr zwei! Schon so früh unterwegs am Samstag?«, blieb Ilse vor ihnen stehen, während die freilaufende Diva den angeleinten Troll schnuppernd umkreiste.
Inzwischen war es halb zehn geworden. So früh waren sie sich samstags noch nie begegnet. Mona schilderte leicht verstimmt ihren frühmorgendlichen Ärger mit der Politesse und dem Strafzettel, während bleierne Müdigkeit langsam ihre Glieder hochkroch und ihr den viel zu früh abgebrochenen Schönheitsschlaf in Erinnerung rief. Ilse nickte zwar verständnisvoll, aber da sie kein eigenes Auto besaß, kannte sie die katastrophale Parksituation der stark frequentierten Altstadt nur vom Hörensagen. Sie meinte beschwichtigend:
»Aber Mona, die tun doch auch nur ihre Arbeit. Sonst würde ja überall das Chaos ausbrechen.«
»Ja, aber klar.« Niemand verstand Mona heute Morgen, darum verabschiedete sie sich schnell. »Ciao, Ciao! Wir sehen uns bestimmt später noch.«
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