Die Sonne strahlt, als wolle sie den gestrigen Tag wieder gut machen. Das Thermometer wird im Laufe des Tages auf fast 30 Grad ansteigen. Aber das ahne ich am Morgen noch nicht. Nichts wie raus mit mir! Der Berg ruft? Nein, die Harbour Bridge, „the coat-hanger“. Hier ein paar Fakten: eine der größten Einbogen-Spannbrücken der Welt, 1932 eingeweiht, verbindet die City mit den nördlichen Stadtteilen, in sechs Jahren von 1400 Arbeitern errichtet, 1149 Meter lang und 48 Meter breit. Sie beherbergt auf einer Ebene acht Autospuren, zwei Bahnlinien und je einen Fußgänger- und Radweg. Die vier Brückenpfeiler sind angeblich ohne statische Funktion und dienen nur der Zierde. Ich ignoriere die abgasgeschwängerte Luft und genieße den unbeschreiblich schönen Blick auf den Hafen, die Oper und die Innenstadt. Am anderen Ende angekommen, schaue ich mich noch auf dem Gelände am Milsons Point um. Nach einem längeren Schwätzchen mit einem netten Paar aus Neuseeland steige ich in einen Explorer Bus. Dieser fährt in einem Rundparcours eine feste Route durch die Stadt und hält an 27 touristisch interessanten Stationen. Man kann so oft man will aussteigen, sich in Ruhe umsehen und wieder in den nächsten Bus einsteigen. Alle 20 Minuten taucht einer auf. Man kann natürlich auch die etwa zweistündige Tour als Stadtrundfahrt betrachten und den Hintern bequem im Sessel lassen. Erläuterungen – teils vom Band, teils vom Fahrer – gibt es auch.
Heute will ich ein wenig von beidem. Ich steige an den geschichtsträchtigen Hyde Park Barracks aus, in deren nächster Umgebung es einiges zu sehen gibt: Hyde Park, St. Marys Cathedral, Parliament House, St. James Church und das Sydney Hospital. Doch heute fehlt mir der Ehrgeiz, mich bis zum Anschlag mit Bildung vollzustopfen. Ich begnüge mich mit dem Betrachten der formschönen, historischen Fassaden. Ich will draußen sein und die Stimmung der Stadt inhalieren. Am Martin Place gönne ich mir einen Smoothie. Und wie ich diesen so genüsslich hinunter schlürfe, bemerke ich die anwachsende Menschenmenge, die sich vor den im Erdgeschoss einsehbaren Fernsehstudios versammelt. Nichts wie hin und Leute gefragt, welche Berühmtheit denn da zu sehen sei. Frei nach dem saarländischen Motto „Ei, denne MUSCHT du kenne!“ Von einem netten Paar aus Canberra erfahre ich, dass Larry hier gerade seine tägliche, landesweit bekannte Morgenshow abdreht, die live gesendet wird. ZDF-Morgenmagazin auf Boulevard. Nach einem kleinen Plausch mit den Touristen aus Australiens Hauptstadt gehe ich wieder meiner Wege, fest entschlossen, eines Morgens schlaftrunken Larrys Show anzusehen.
Den nächsten Busstopp lege ich am Mrs. Macquaries Point im Botanischen Garten ein. Diese Stelle passierte ich zwar bereits gestern auf meinem Hardcore-Wandertag, aber heute verspricht das Wetter bessere Fotos: von hier aus hat man einen umwerfenden Blick auf Opera und Bridge. Die eine taucht optisch quasi unter dem Bogen der anderen auf. Ah, bei Sonne kommt das doch gleich viel besser! Das findet auch ein weiterer deutscher Tourist im Fotorausch, mit dem ich an dieser Stelle ins Fachsimpeln komme. Noch besser wäre es indes, nicht um die Mittagszeit, sondern gleich morgens hier aufzuschlagen. Dann steht die Sonne günstiger. Doch wer will hier dem Perfektionismus erliegen? Ich. Aber nur, wenn ich am Ende meines Aufenthaltes in dieser Stadt nicht mehr weiß, was ich noch tun soll.
An Bord des nächsten Busses schalte ich für eine Weile auf das Programm „Stadtrundfahrt“ um und lasse mich für die nächsten Tage inspirieren. Da lauert noch eine Menge auf mich! Ich steige am Fischmarkt aus. Branchenüblicher Geruch und das typische Flair schlagen mir gleich entgegen. Dort komme ich vor lauter Fotografieren kaum zum Essen, schaffe es letztlich aber doch, mir eine Ladung Fish & Chips reinzuschaufeln. Immer schön mit Blick aufs Wasser. Das Auge isst schließlich auch mit. Auf dem Rückweg zur Bushaltestelle fällt mir zum wiederholten Male auf, wie höflich und rücksichtsvoll die Autofahrer hier sind. Auch ohne Ampelzwang und Zebrastreifen lassen sie mir den Vortritt – meist mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen. Als ich in den nächsten Bus einsteige, empfängt mich ein strahlender Busfahrer. „Sie kenne ich doch! Sie sind heute schon mal mit mir mitgefahren.“ Stimmt, jetzt, wo er es sagt. Erstaunlicherweise konnte er sich sogar noch daran erinnern, wo ich ausgestiegen war. Ich bin beeindruckt.
Darling Harbour
Mein nächstes Ziel ist Darling Harbour, eine glitzernde Mischung aus Freizeitpark, Einkaufszone und Kulturzentrum, im Hafengelände gelegen. Ich schlendere ziellos herum, schlecke ein Eis und lasse mich anschließend zum Circular Quay kutschieren, in dessen Nähe ich wohne. Kurz entschlossen besteige ich wahllos die nächstbeste Fähre, weil ich noch Fotos von Brücke und Opernhaus in der Dämmerung vom Wasser aus machen will. Doch was mich fast noch mehr beeindruckt als die beiden begehrten Objekte, ist das Ziel der Fähre: Mosman Bay. Wie kann man nur so unverschämt paradiesisch in dieser Bucht in Hanglage wohnen? Und das nur 20 Fährminuten vom Zentrum entfernt? Sollte ich mal auswandern und den einen oder anderen Dollar übrig haben, lasse ich mich gerne hier nieder. Bis dahin muss ich mich mit meinem Hotelzimmer in The Rocks zufrieden geben, in das am Abend kurzzeitig das Kufsteinlied aus der Kneipe namens „Oktoberfest“ schallt. Ein kräftiges „Holleradihi“ im Ohr, falle ich in tiefsten Schlaf.
Blue Mountains – Blauer Dunst nach kaltem Start
Heute werde ich gegen 6 : 30 Uhr sanft geweckt. Feueralarm! Nach fünf Minuten folgt der Aufruf zur Evakuierung. Schnell die nächstbesten Klamotten übergeworfen, Wertsachen in den kleinen Rucksack gepfeffert und raus aus der Hütte. Im Tross mit anderen ebenfalls noch nicht ganz vorzeigbaren Hotelgästen gelange ich durchs Treppenhaus ins Freie. Zwei Löschzüge brausen mit Alarm an. Rauch ist weder zu sehen noch zu riechen. Ich wage es, mich dem Eingang zu nähern. Dort deaktiviert ein Feuerwehrmann gerade den Alarm, wünscht freundlich einen guten Morgen und zieht mit der Truppe wieder ab. Verlegenes Grinsen auf dem Gesicht des Herrn an der Rezeption. Der Übeltäter war ein verbrannter Toast in einem der Hotelzimmer.
Känguru …
Nun, jedenfalls bin ich wach. Ich muss heute eh früh raus, denn schon bald werde ich am Hotel zur Tagestour in die Blue Mountains abgeholt. Zusammen mit zwei netten Engländern aus Birmingham – jetzt kriege ich den berühmten Song der Sex Pistols nicht mehr aus dem Ohr – warte ich auf den Bus. Ich wusste, der Tag wird hart. Wer je Englisch aus dem Munde von Leuten aus besagter Stadt gehört hat, weiß, was ich meine. Aber wie gut, dass sie mit von der Partie sind! Sonst wäre der Bus lässig an meinem Hotel vorbei gebraust. Denn ich stehe nicht auf der Liste des Tour-Guides Geoff. Meine Buchung von gestern Nachmittag war wohl zu spontan für den Veranstalter. Aber meine „Papiere“ sind alle in Ordnung und so darf ich natürlich mit. Mit zwölf Gästen aus sechs Nationen (Neuseeland, Australien, England, China, Indonesien, Deutschland) bestückt, ruckeln wir im Kleinbus durch Sydneys morgendliche Rushhour. Aus den Boxen perlt herzerfrischend „Guantanamera“, bis der Fahrer zu seinen launigen Reden und Anekdoten ansetzt. Ein begnadeter Entertainer!
… und Echse im Blue Mountains Featherdale Wildlife Park
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