Extrem freundliche asiatische Stewardessen geleiten mich charmant in den Flieger. Nur knapp allerdings entgehe ich dem ungeplanten Anschlag eines Mitreisenden, der allzu lässig seine Rollerskates über die Schulter schleudert. Unverletzt entere ich meinen Fensterplatz und stelle entzückt fest, dass Cathay Pacific nicht nur leere Nachbarplätze, sondern auch geschätzte zehn Zentimeter mehr Beinfreiheit gewährt als die Konkurrenz. Kleben meine Knie bei anderen Airlines fest am Vordersitz, halten sie hier komfortablen Abstand. Nein, mein Körper ist noch nicht geschrumpft. Dafür ist mein Gehirn zuständig, wenn es nicht genug Futter kriegt. Und à propos: mit dem vorbestellten vegetarischen Essen klappt auch alles. Irgendwie verdächtig.
Doch bevor ich mich dem süßen Nichtstun hingeben kann, lauert noch ein Verwaltungsakt auf mich. Zwei Zettelchen sind auszufüllen: Immigration card und ein Fragebogen zur Schweinegrippe. Ich muss detailliert angeben, wo ich in den nächsten sieben Tagen zu erreichen bin. Also krame ich umständlich die Unterlagen heraus. Auswendig kenne ich die Daten nicht. Noch nicht. Jedenfalls überbrücke ich sinnvoll die Zeit bis zum Abflug damit, Hoteladressen, Flugnummern etc. einzutragen. Der Start geht anschließend so pünktlich und unspektakulär über die Bühne wie der ganze Flug.
Kowloon Nathan Road
Hong Kong – Boxenstopp I
Kulturschock
Am frühen Morgen landen wir kurz nach 7 Uhr auf Lantau Island. Dort wurde vor ein paar Jahren Hong Kongs neuer Flughafen hingeklatscht. Seitdem ist auf diesem ehemals beschaulichen Fleckchen Erde ein klein wenig mehr los.
Nach einer unspektakulären Einreise wartet in der Ankunftshalle der Fahrer von Jetway Express auf mich und auf noch eine Handvoll anderer desorientierter Reisender. An dieser Stelle ist ein Geständnis fällig. Ich habe mir für meinen kurzen Zwischenstopp in Hong Kong entgegen sonstiger Gewohnheit ein Rundum-Sorglos-Paket gegönnt. Transfer von und zum Flughafen, zwei Hotelübernachtungen und eine halbtägige geführte Stadtrundfahrt. Dann habe ich schon mal den groben Überblick und kann mich am Ende der Reise genüsslich auf eigene Faust austoben. Denn dann stoppe ich wieder in Hong Kong. Ich habe das Vergnügen, vorne neben dem Fahrer sitzen zu dürfen. Für die erste Reihe brauche ich keine Öffentlich-Rechtlichen. Der Fahrer kämpft sich durch den morgendlichen Berufsverkehr, was uns Reisenden die Gelegenheit verschafft, uns in Ruhe das eine oder andere Faszinierende anzuschauen. Gigantische Wolkenkratzer vor bergiger, tropisch üppiger Naturkulisse, futuristische Autobahnbrücken, fremde Schriftzeichen auf den Straßenschildern, enge Straßenschluchten, ordentlich aufgereihte Handschuhe am Müllwagen – ich wünsche mir mehr als nur zwei Augen.
Mit Schirm, Charme und ohne Melone
Im Hotel angekommen, ist mir das Glück hold. Mein Zimmer, das mir eigentlich erst ab dem Nachmittag zusteht, ist schon fertig. Es ist erst kurz nach 9 Uhr, und der ganze Tag liegt mir zu Füßen. Das tut sonst niemand. Ich werfe meine Habe ins Zimmer und stürze mich nach Dusche und Klamottenwechsel ins Unbekannte. Denn wenn ich mich jetzt frei nach dem Motto „Nur ein paar Minütchen“ hinlege, dann bin ich geliefert, falle ins Koma und finde nicht rechtzeitig in den neuen Schlafrhythmus. Endlich bin ich Ihnen einmal voraus – wenn auch nur um sechs Stunden. Doch das wird noch besser, wenn ich erst in Australien bin.
Ich trete auf die Straße. Das Wetter klatscht mir hart und unerbittlich wie eine Ohrfeige ins Gesicht. Die Temperaturen um 35 Grad herum könnte ich ertragen. Wäre da nur nicht diese brutale Luftfeuchtigkeit. Gefühlte 150 Prozent. Mindestens.
Ich wohne im Herzen Kowloons. Hier ist der Kaufrausch zu Hause: in allen Preisklassen. Auf der Nathan Road werde ich alle zwei Meter von Typen angequatscht, die mir billige Uhrenimitate andrehen oder mich in irgendwelche Läden lotsen wollen. Den ersten gönne ich noch ein freundliches Kopfschütteln. Die anderen werden Opfer meiner Arroganz. Ich ignoriere sie. Weil mir das Gelaber auf die Nerven geht. Weil ich müde und schon wieder hungrig bin – Frühstück gab es im Flieger heute Morgen schon um 5 Uhr. Weil ich hin- und hergerissen bin mit meinen Eindrücken von Hong Kong. Einerseits die traumhafte Lage am Meer, die beeindruckende Hochhauskulisse von Hong Kong Island, die trotz Gewusel und Enge gelassenen Menschen. Andererseits die stickige Luft, die vielen heruntergekommenen Ecken, die vollgestopfte Enge, der Leuchtreklamen-Overkill. Faszinierend und widersprüchlich zugleich.
Aber ich hüte mich, nach einem Tag ein Urteil zu fällen. Ich muss eine Nacht darüber schlafen und mir morgen den anderen interessanten Teil dieser Stadt, Hong Kong Island, ansehen. Am späten Nachmittag bin ich endgültig platt. Die lange Anreise, Schlafmangel, Hitzekeule und Jetlag schlagen zu. Bevor ich jedoch ins Hotel zurückkehre, treibt mich die Neugier in die nahe gelegene Temple Street. Ab 18 Uhr verwandelt sich diese tagsüber recht unscheinbare Gasse in einen lebhaften Nachtmarkt. Wer sich für Textilien, Leder- und Elektronikwaren interessiert, feilscht hier, was das Zeug hält.
Hoch oben auf dem Dach im 21. Stockwerk hat mein Hotel einen kleinen, aber feinen Swimmingpool. Ich werde mit einem exklusiven Ausblick auf die Stadt belohnt. Ich habe den Pool für mich alleine und ziehe genüsslich ein paar Bahnen. Feierabend.
Geschäftigkeit meets Gelassenheit
Der Tag heute wird kurz werden. So ist das, wenn man erst um 11 Uhr aufwacht und sich in einer Stadt befindet, die knapp nach 18 Uhr in eine sehr kurze Dämmerung verfällt, die sich wiederum noch vor 19 Uhr in Dunkelheit verwandelt. Wunderbar ausgeschlafen begebe ich mich in den Untergrund. Ich finde es immer wieder aufregend, in fremden Städten mit der U-Bahn zu fahren. Hong Kong macht es der Fremden leicht. Alles Wissenswerte steht auch auf Englisch da, das Netz ist übersichtlich, die Ticketautomaten geradezu vorbildlich selbsterklärend. Ein Blick ins Portemonnaie allerdings verrät: kein Kleingeld für den Automaten. Den Fahrschein bekomme ich bestimmt auch beim einschlägigen Kundenservice ein paar Meter weiter. Oder aber auch nicht: der junge Mann am Schalter reicht mir freudestrahlend kein Ticket, sondern den Gegenwert meines Scheines in Münzen rüber. Für den Ticketautomaten. Nun, auch gut. Ich tue, was zu tun ist und nehme die nächste U-Bahn. Sie ist brechend voll, genau wie der Bahnsteig. Geschubse, Gedränge, Generve und Gemecker? Fehlanzeige. Völlig entspannt, ruhig und gelassen arrangieren sich die Leute mit der Situation. Ich bin beeindruckt.
Drei U-Bahn-Stationen weiter tauche ich wieder an der Oberfläche auf und befinde mich auf Hong Kong Island. Hier weht heute eine leichte Brise. Von frisch kann indes keine Rede sein. Es ist eher eine Art, hm, nennen wir es Föhn. Ich verdränge die feuchte Hitze aus meinem Bewusstsein und nehme meine Umgebung wahr. Was ich sehe, gefällt mir, sehr sogar. Um mich besser orientieren zu können, schlage ich den kürzesten Weg zum Fährhafen, dem Star Ferry Pier, ein. Da mir noch was an meinem Leben liegt, überquere ich die Connaught Road auf dem überdachten Hochweg für Fußgänger. Dort trotten Menschenmassen in aller Ruhe gemächlich vor sich hin. Asiatische Gelassenheit oder Kapitulation vor der Hitze? Vermutlich von beidem etwas. Ich jedenfalls, die ich die Berliner Hetze gewöhnt bin, finde das mehr als angenehm.
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