1 ...7 8 9 11 12 13 ...16 „Ich dich auch. Gute Nacht.“
„Und … wenn wir ausschlafen und den Wäschetrockner am Samstagmorgen anschalten?“
„Ja, morgens wär super! Da sind wir dann ja auch wieder fit.“
„Alles klar! Also waschen wir einfach abends noch was und stopfen es nach dem Aufwachen gleich in die Trommel.“
„Und davon wacht Max dann auf und kommt rein.“
„Wieso?“
„Der Trockner läuft doch sonst nie so früh.“
„Und wenn schon. Dann erkläre ich ihm einfach, dass es Mama gar nicht schlecht geht, obwohl sie so schreit.“
„Wenn Max plötzlich beim Ficken reinkommt, geht’s mir aber schlecht.“
„Dann schließen wir eben die Tür ab.“
„Als ob du noch einen hochkriegst wenn du weißt, dass dein Sohn an der Tür lauscht.“
„Vielleicht hast du Recht. Ich meine, ich will ja auch nicht, dass er Angst bekommt.“
„Angst?“
„Na, Mama quiekt und kreischt so komisch und die Tür ist zu. Also mir wäre das nicht wirklich geheuer gewesen, so mit vier.“
„Als ob du dabei keine Geräusche machst.“
„Nicht so laute wie du.“
„Von wegen! Kurz bevor du kommst, bist du total laut.“
„Wie bitte? Das würde ich doch wohl mitkriegen.“
„Tust du aber nicht.“
„Also echt! Ich werde ja wohl am besten wissen, was ich für Geräusche …“
„Und wieso wache ich dann nachts immer auf, wenn du kommst?“
„WAS?“
„Nu werd doch nich gleich rot. Ich mach‘s mir doch auch ab und zu, wenn ich nicht schlafen kann.“
„Wirklich?“
„Klar, du wachst davon nur nie auf.“
„Obwohl du immer so schreist?“
„Mache ich dann doch gar nicht.“
„Wie? Du kannst das auch … ganz ohne?“
„Vergiss es. Ohne Ton macht’s absolut keinen Spaß.“
„Warum tust du’s dann?“
„Was soll ich denn sonst machen, wenn wir wochenlang nicht ficken?“
„Und wenn wir es machen, nachdem wir Max in den Kindergarten gebracht haben?“
„Im Auto vor der Arbeit?“
„Viele Menschen vögeln im Auto.“
„Wenn sie keine eigene Wohnung haben.“
„Haben wir ja auch nicht mehr. Irgendwie …“
„Wir müssen es einfach schaffen, dass Max endlich auch mal bei Finn pennt und nicht diese kleine Kröte nur jedes zweite Wochenende bei uns.“
„Max will aber nun mal nicht woanders schlafen.“
„Warum zählt immer nur, was Max will? Man muss Kindern auch mal Grenzen setzen.“
„Das mit dem Abholen machst du dann, wenn er abends um Elf immer noch heult.“
„Bei Oma hat er immer gern geschlafen.“
„Hör auf! Wenn ich da dran denke fang ich an zu heulen.“
„Tut mir leid.“
„Wie schnell das alles ging. Nicht zu fassen.“
„Dieses Arschloch!“
„Phhh … Gerald ist aber schon sehr nett zu Oma. Und auch zu Max.“
„Nett? Den Platz in Omas Bett hat er ihm weggenommen, der Scheißkerl!“
„Erstens kann Gerald nichts dafür, dass Max woanders noch nicht alleine schläft und zweitens ist Oma total aufgeblüht, seit er da ist. Gestern waren sie bei ner Grateful-Dead-Covershow und haben zusammen einen gekifft, hat sie erzählt.“
„Während wir hier festhängen. Streu nur Salz in meine Wunden.“ „Wir werden uns dran gewöhnen müssen. Ich meine, vierundachtzig ist ja kein Alter, heutzutage.“
„Du …?“
„Ja?“
„Klingt jetzt vielleicht bisschen blöd, aber … Lina und Martin gehen doch immer in diesen Swinger-Club drüben an der Ecke.“
„Vergiss es!“
„Nun sei doch nicht so verklemmt.“
„Bin ich doch gar nicht. Es ist nur …“
„Was..?“
„Oma und Gerald gehen da hin.“
„Es reicht! Gerald muss weg!“
„Wie willst du das denn machen?“
„Was weiß ich! Koks, Geld, Nutten …, jeder Mensch ist käuflich.“
„Und Oma heult sich die Augen aus.“
„Ach, komm! Die sagt doch selbst immer, dass es in Geralds Alter jeden Moment vorbei sein kann und dass jeder Tag ein Geschenk ist und so.“
„Einen Mann zu Grabe tragen ist aber was anderes, als von ihm verlassen zu werden.“
„Echt?“
„Warte mal!“
„Was denn?“
„Gerald ist Diabetiker!“
„Ja, und?“
„Und wenn er Mittagsschlaf macht, schafft es nicht mal Max, ihn aufzuwecken. Ich meine, so‘n kleiner Pieks is ‘n Scheiß gegen Max.“
„Was …?“
„Ne Überdosis Insulin kannste nicht nachweisen, Mann! Vollkommen sichere Sache.“
„Sag mal, verstehe ich das gerade richtig, dass du …? Das wäre Mord!“
„Aber Gerald wäre weg.“
„Und Oma?“
„Die hat bisschen Stress mit der Beerdigung und Weihnachten ist alles wieder gut.“
„Meinst du?“
„Klar. Und man soll ja auch aufhören, wenn’s am schönsten ist.“
„Weihnachten ist erst … in sieben Monaten.“
„Weißt Du noch letztes Jahr? Da hat Max am Dreiundzwanzigsten bei Oma übernachtet und Heiligmorgen hatten wir so richtig geilen, entspannten Sex.“
„Wir … sind Ostern bei denen eingeladen, oder?“
„Jepp.“
„Und Weihnachten … haben wir dann Sex?“
„Ja. Weihnachten haben wir Sex.“
CHRISTIAN KRUMM
geboren 1977 in Krefeld, ist promovierter Historiker und Heavy-Metal-Autor. Seine Bücher geben Einblicke hinter die Kulissen der Szene und stets ist er auf der Suche nach Themen, die bislang unbeachtet geblieben sind. Zusammen mit Holger Schmenk schrieb er 2010 Kumpels in Kutten. Heavy Metal im Ruhrgebiet , ein Buch über die Szene der Metal-Metropole Ruhrpott. Das Buch Do It Yourself. Die Geschichte eines Labels (2012) portraitiert die Dortmunder Plattenfirma CENTURY MEDIA. Dass der Metal auch exzellenten Romanstoff bietet, bewies er mit At Dawn They Sleep (2014). Mit Morgoth Uncursed lieferte er 2015 in der Edition Roter Drache seine ersten Bandbiografie ab. Zeitgleich mit dieser Anthologie erscheint im gleichen Verlag sein Buch Traumschrott , eine Sanmmlung mit 12 Kurzgeschichten.
Die blonde Frau in den übergroßen Jeans und der weiten Joggingjacke wurde von dem Polizisten aufgefordert, sich zu erheben und zog damit die Aufmerksamkeit des jungen Thor auf sich. Während er sie durch das Schaufenster mit der Aufschrift „Antiquariat Koreander“ beobachtete, fiel ihm auf, dass ihr blondes Haar unter ihrer grauen Stoffmütze herausragte. Es schimmerte rotgolden in der winterlichen Nachmittagssonne, was einen eigenartigen Kontrast zu ihren Ringen in der Nase, den Lippen, den Ohren und den Augenbrauen bewirkte. Sie muss ein schwieriges Leben haben, dachte Thor, und alleine die Tatsache, dass die Frau kein Geld von ihm haben wollte, hinterließ bei ihm ein Gefühl der Unzulänglichkeit. Es mochte wohl in der ganzen Stadt keinen sensibleren Menschen gegeben haben als ihn, und unglücklicherweise hatte ihm seine Mutter beigebracht, dass man immer selbst daran schuld war, wenn man zurückgewiesen wurde.
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