1 ...8 9 10 12 13 14 ...19 Um dieses Verlustgefühl noch zusätzlich zu schüren, begab sich der Her Glaubert seinerseits im fernen Mexiko in ein dort installiertes Telefonhäuschen und stürzte sich in vermeidbare Unkosten, um sich täglich um das Wohlergehen der Dame des Hauses zu erkundigen. Dies tat er, wenn möglich, zweimal am Tage, nämlich morgens und abends, um auf diesem Wege persönlich am weiteren Heilungsprozess meines lädierten Selbst teilzuhaben. Er gab also auch aus dem Ausland keine Ruhe mehr.
Unerklärlicherweise störten mich diese Telefonate, da zeitlich nur beschränkt, weil teuer, nicht weiter. Vielmehr freute ich mich, täglich zwei Mal aus dem fernen Mexiko zu hören, zumal diese Distanz mich ja vor weiteren Unbillen, ausgelöst von einer reinrassigen Kravallschachtel, bewahrte. Doch diese Distanz währte nicht ewig, und als der Tag näher rückte und ich Anweisung erteilt bekam, mich alsbald wieder zum Bahnhof in der Großen Kreisstadt zu begeben, um dort Abgegebenes wieder abzuholen, da beschlich mich eine leise Vorahnung, die ich noch nicht zu deuten wusste. Sicher, in meinem Piepshausen, in dieser anheimelnden, sicher gestellten Enklave der Ruhe und Beschaulichkeit, wähnte ich mich geborgen, gut aufgehoben. Doch allein schon der Gedanke an dieses breite, verquere Grinsen, diese Quirligkeit und Unerschütterlichkeit, die mir drei Wochen lang in Brummelbach zuteil geworden waren, ließ, einer unreifen Sechzehnjährigen gleich, meinen Magen flattern.
Wollte sich da etwas einstellen, fragte ich mich nervös? Oder war all das nur auf die einsetzende Langeweile zurückzuführen, die mich nach den turbulenten Brummelbacher Zeiten nun, noch immer zu Krankenstand und Untätigkeit verdonnert, beschlich?
Ich wusste es nicht. Ich wusste nur eines: sollte hinter diesem pubertären Bauchgefühl mehr stecken, als zunächst befürchtet, so würden Ruhe und Beschaulichkeit meine bisherige Daseinsform für alle Zeiten verlassen! Das war mir in meiner zunehmenden Verwirrung rasch klar geworden. Ich musste nun eine Strategie ersinnen, wie ich diese bedrohlich sich anbahnende Situation so rasch als möglich wieder entschärfen konnte. Ich durfte sie ganz einfach gar nicht erst aufkommen lassen, so einfach war das! Ich würde zum Bahnhof fahren, den Heimkehrer einladen, ihn nach Brummelbach fahren, dort abladen, ihm Dank sagen für all seine Hilfsbereitschaft, ihm alles Gute und alles Glück für die Zukunft wünschen, nein, ich komme nicht mehr mit herauf, und nein, mache dir bitte keine falschen Hoffnungen, und nein, es geht einfach nicht, ich bin nicht bereit dazu, ja, Freunde können wir bleiben, vielleicht ab und zu mal – …
Ob er wohl braun geworden war in Mexiko? Was er wohl alles so erlebt hatte? Und – oh – vielleicht hatte er ja ein nettes Mädchen kennen gelernt! Ein Mädchen ganz aus der Nähe vielleicht. Aus Greifswald oder Rostock. Zu dem es ihn unweigerlich hinzog, und das sich schon jetzt ganz schmerzlich nach ihm verzehrte! Ein süßes Mäuschen, ein Ebenbild der noch ganz jungen Andrea Berg. Mit einer Figur wie ein Stundenglas und einem ausgeprägten Faible für durchgeknallte, frühberentete und Flaschen sammelnde Sachsen!
Doch das Ergebnis dieser zum Großteil durch ein schlechtes Gewissen angeleierten Gedankengänge meinerseits war, dass er kein nettes Mädchen mehr kennen zu lernen BRAUCHTE! Denn – er hatte ja schon eines! Ich wusste es nur noch nicht …
Ich wusste es in dem Moment, in welchem ich wieder zum Bahnhof fuhr, um ihn nach Brummelbach zu transportieren. Um nach Brummelbach zu schaffen, was nach Brummelbach gehörte. Denn – mein Magen flatterte nicht mehr nur. Er rotierte …
Und als der Zug einfuhr mit kreischenden Bremsen und dann der Herr Glaubert aus selbigem hinaus stolperte mit schwerem Gepäck und kreischendem Gelächter und kreischenden Grüßen, mich kreischend an seine Brust drückte und der ganzen großen Welt die kreischende Beteuerung leistete, ich hätte ihm gefehlt, – SO GEFEEEHLT!!! – …
Da ging mir das Herz auf …
Ab sofort war mir klar, dass mein weiteres Leben ganz anders aussehen würde. GANZ anders. Denn hier würde ich so ohne weiteres und ganz ohne Blessuren an Leib und Seele nicht mehr herauskommen! Ab sofort hatte ich ein großes, großes Problem. Und dieses Problem habe ich noch heute, acht Jahre später. Dieses Problem stellte sich ein in dem Moment, als ich mich am Bahnhof drücken und herzen ließ. Und in dieser Umklammerung stecke ich, jetzt und acht Jahre gereifter, noch immer. Ein Druck und ein Würgegriff, den nur Liebende aushalten können.
Ja, richtig. Denn nach all diesem Schlamassel, Knochen brechend und wirr an Sinn und Geist, ist dann doch etwas geschehen. Es hat noch einmal ein paar Wochen gedauert, dann geschah doch etwas mehr als Drücken und Herzen. Es geschah trotz aller Bedenken, Ängste und Sorgen, und wie dieses ETWAS ausgesehen hat, – ich denke, da muss ich keine Zeichnung machen, wie? Alle Bedenken und Ängste und Sorgen sind nach diesem ETWAS geblieben, sie werden nicht weniger, im Gegenteil. Sie wachsen und gedeihen und treiben mich bis hin zur Panik, sie werden größer und facettenreicher, mein Leben ist aus den Fugen geraten, lässt sich nicht mehr sortieren. Ich stehe ständig auf Alarmstufe Rot, kämpfe tagtäglich gegen drohenden Herztod, stehe ohne Unterlass dicht an der Schwelle zum blanken Wahnsinn, und wenn ich gefragt werde, weshalb ich mir das antue, so kann ich nur antworten: Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur eines: MIT ihm geht es nicht. OHNE ihn geht es auch nicht mehr. Und so zappeln wir eben wie zwei außer Rand und Band geratene atomare Teilchen umeinander herum, krachen zusammen, stoßen uns ab, taumeln gemeinsam durchs Leben, klammern uns dabei aneinander fest und drohen uns gegenseitig in den Abgrund zu reißen. Eine gut meinende Seele erklärte mir auf mein Wehklagen hin mal, dies sei eben echte Liebe. Nun, wenn echte Liebe sich dergestalt ausdrückt, dass man sich täglich versucht fühlt, bei der nahe gelegenen Irrenanstalt zu klingeln und zu fragen, ob man künftig dort wohnen dürfe, muss man sich ernsthaft fragen, was man da eigentlich TUT! Und warum! Und mit wem …
Das Warum wurde mir ja bereits erklärt. Wegen der Liebe eben. Das Mit-Wem kann ich allein beantworten. Mit dem Herrn Glaubert, genannt Der Dicke. Der Dicke, der keinesfalls dick ist und in etwa über so viel Hirnschmalz verfügt, wie in einen Fingerhut passt, dieses mickerige Kontingent jedoch in Schwindel erregendem Eifer und unverbrüchlichem Selbstvertrauen einsetzt und damit die Leute vor den Kopf stößt, die Welt ins Wanken bringt und sich und mich unmöglich macht, ohne es zu merken oder gar zu kapieren! Das ist mein Dicker. Der gehört jetzt mir. Und das alles, weil ich mal vom Fahrrad geflogen bin …
Und diesen verqueren Hampelmann werden wir im Anschluss des öfteren mal näher beleuchten. Damit alle mal so eine ungefähre Vorstellung davon bekommen, mit was ich es jeden Tag auf ein Neues zu tun habe …
So. Habe ich das nicht schön gemacht? Schön behutsam angefangen mit unseren kleinen Geschichten, die sich alle noch quer Beet durch des Dicken Hier und Jetzt hindurchziehen werden. Ja, ich denke, der Einstieg ist geschafft.
Ach, ja! Wenn Sie meinen, diese meine Unfallfahrt habe mich für immer von der Radfahrerei kuriert, dann täuschen Sie sich. Ich fahre wieder. Ja. Ich fahre wieder …
So kam es also, dass ich zum Radler wurde. Nicht unbedingt passioniert, doch es geht so. Zwar nicht ganz freiwillig, bleibt aber im Rahmen des Erträglichen. Mein Stichtag ist der Sonntag. Sonntag früh um 10.30 Uhr heißt es radeln! Radeln, was das Zeug hält! Das tut gut, sagt der Dicke. Das hält jung und gesund! Auch wenn ich persönlich das etwas anders sehe.
Seit meinem Unfall mag ich nämlich nicht mehr radeln. Ich habe Angst. Habe Respekt. Ich MAG nicht radeln, aber ich MUSS. Hat jemand anders über meinen Kopf hinweg beschlossen. Das geht dann immer ein paar Wochen am Stück, bis ich wieder gänzlich sowohl Lust, Freude als auch Risikobereitschaft verliere und kurzfristig in den Streik trete. Ich WILL nicht radeln! Ich habe Angst davor. Diese Dispute arten dann immer wieder in einem kurzweiligen, verbissenen Kräftemessen untereinander aus, in welchem ich meist die Oberhand gewinne. Denn eines ist sicher: Ich bin sowohl rhetorisch als auch, was die blanke Sturheit anbelangt, meinem Herrn und Meister haushoch überlegen. Doch er wiederum verfügt über einen unglaublichen Trickreichtum, mit welchem er mich immer wieder zum Einlenken animiert. Was meine permanente Weigerung, mit dem Rad zu fahren, angeht, so weicht er diese immer wieder von innen heraus auf, indem er mir im Vorbeigehen auf meinen prachtvollen Bauch haut und im flotten Jargon anmerkt: „Na, Speckschwaa’tä? Alled im jrün’ Bereich?!“
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