An sich hat eine Geschäftsfreundschaft nichts Verwerfliches. Tragisch wird es nur, wenn die Beteiligten der Begrenztheit ihrer Nutzenfreundschaft nicht ins Auge sehen, sondern Geschäftsfreunde mit echten Freunden verwechseln. Da bei erfolgreichen Geschäftsleuten der zeitliche Aufwand für ihr Berufsleben zumeist sehr hoch ist, verkümmern oft Freundschaften jenseits des beruflichen Umfeldes. Gerät dann ein Unternehmer in eine finanzielle Krise, verlieren seine Geschäftsfreunde das Interesse an ihm und plötzlich steht er allein da.
Nutzfreundschaften können in Ausnahmefällen aber auch sehr stark sein: Mit ausgesprochener Konsequenz hat der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl die mögliche Stärke von Nutzenfreundschaften unter Beweis gestellt, als er sich weigerte, Parteispender beim Namen zu nennen. Er stellte sein Ehrenwort über das Gesetz und läutete damit das Ende seiner politischen Karriere ein. Bis zu seinem Tod hat Helmut Kohl geschwiegen. In seinen letzten Lebensjahren fühlte er sich von vielen Parteifreunden im Stich gelassen, obwohl er unglaublich viel für Deutschland als Kanzler der Wiedervereinigung als auch für seine Partei erreicht hatte. Offenbar hat er die Grenzen dieser Nutzenfreundschaften seiner politischen Karriere aber nicht realistisch eingeschätzt.
In vielen beruflichen und politischen Situationen sind wir gut beraten, Nutzenfreundschaften einzugehen, um Herausforderungen gemeinsam und dadurch effektiver bewältigen zu können. Das darf uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit Ende der gemeinsamen Vorteile auch die Nutzenfreundschaft an ihre Grenzen stößt. Befinden wir uns auf der Suche nach Freundschaften, in denen wir als Person gesehen und geschätzt werden, sollten wir uns auf die Suche nach tiefen Freundschaften begeben.
Den Nutzen- und Lustfreundschaften stellt Aristoteles die wahre, auch vollkommene Freundschaft genannt, gegenüber. Mit beiden Begriffen habe ich meine Schwierigkeiten. „Vollkommenheit“ ist meiner Ansicht nach kaum mit menschlicher Existenz zu vereinbaren. Das Erleben von Vollkommenheit ist dem Menschen allenfalls in einzelnen Augenblicken vergönnt. Es existieren keine vollkommenen Menschen, genauso wenig lassen sich vollkommene Freundschaften finden. Wir sind fehlerhaft und wir erleichtern unser Dasein ungemein, wenn wir dieser Realität ins Auge schauen.
Auch mit dem Begriff der „wahren“ Freundschaft mag ich mich nicht recht anfreunden. Er unterstellt der Nutzen- und der Lustfreundschaft „Unwahrheit“ oder „Unechtheit“. Auch zum Wesen der sogenannten wahren Freundschaft gehören Nutzen und Lustgewinn. Vielmehr sind Nutzen- und Lustfreundschaften im Vergleich – wie wir gesehen haben – eindimensional. Was Aristoteles mit wahrer oder vollkommener Freundschaft bezeichnet, nenne ich deshalb tiefe Freundschaft. Sie verfügt über viele Facetten und Dimensionen. Die Freunde sind bereit, sich in der Tiefe ihrer Seelen auszutauschen. Es besteht eine tiefe Verbindung zwischen ihnen.
Die tiefe Freundschaft dient nicht allein einem bestimmten Zweck. Sie ist mehr. Sie baut darauf, dass sich zwei Menschen zusammen tun, die sich mögen, sich sympathisch finden, sich vertrauen und füreinander einstehen. Eine Freundschaft wird dann zur tiefen Freundschaft, wenn die gemeinsamen Interessen nicht mehr die tragenden Säulen bilden, sondern von einem Selbstverständnis an sich abgelöst werden. Man muss nicht länger begründen, warum ein Freund ein Freund ist. Es ist eben ein Freund. So hat es auch der französische Philosoph Michel de Montaigne vor knapp 500 Jahren zum Ausdruck gebracht, der über seine tiefe Freundschaft zu Étienne de La Boétie schrieb: „Wenn man in mich dringt, zu sagen, warum ich ihn liebte, so fühle ich, dass sich dies nicht aussprechen lässt, ich antworte denn: Weil er er war; weil ich ich war.“ (Michel de Montaigne: Von der Freundschaft , S.13) De Montaigne führt weiter eine seelische Verbundenheit an und bemüht das Bild von einer Seele in zwei Körpern. Es stimmt also nicht nur die Chemie zwischen den Freunden, sondern es besteht eine tiefgreifende Verbundenheit, eine Verpflichtung, die nicht nur gefühlt wird, sondern ein Selbstverständnis darstellt.
Die Kraft, die Freundschaften zusammenhält, ist Liebe. Liebe will dem anderen Gutes. Und gut ist, was der Freund als gut empfindet. Aristoteles führt an dieser Stelle an, dass es für eine tiefe Freundschaft eines tugendhaften Charakters bedarf: „Die aber dem Freund um seiner selbst willen Gutes wünschen, sind Freunde im vollkommenen Sinne, weil sie diese Gesinnung an sich, nicht mitfolgend, haben.“ (Aristoteles: Nikomachische Ethik , S.215) Es geht also nicht in erster Linie um mich, wenn ich meinem Freund Gutes tue, sondern um ihn. Ich möchte zu seinem Glück beitragen. Aristoteles bezieht sich hier auf den Charakter eines Freundes, der dem anderen Gutes wünscht, ohne dass der andere diesen Wunsch erst erzeugen müsste. Er ist da, weil einer für sich beschließt, seinem Freund Gutes zu tun.
Als 350 Jahre nach Aristoteles Jesus Christus gefragt wurde, wie er seine gute Botschaft in einem Satz zusammenfassen würde, antwortete er mit dem bekannten Doppelgebot der Liebe: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.“ Und er fügt hinzu: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus 22, 37–39) Dieses Gebot stellt bis heute unverändert eine der größten Herausforderungen der menschlichen Existenz dar. Und jeder, der sich entschieden hat, von sich aus mit Freunden wie mit Fremden freundlich, aufrichtig, annehmend, respektvoll, vorurteilsfrei, ehrlich und wohlwollend umzugehen, weiß, wie schwierig das oft ist. Gleichzeitig sind wir alle von dem Wunsch erfüllt, von solchen Menschen umgeben zu sein.
De Montaigne führt das Doppelgebot der Liebe weiter aus, wenn er schreibt: „Denn ebenso, wie die Freundschaft, die ich zu mir hege, nicht durch den Beistand vermehrt wird, den ich mir in der Not bringe, was auch die Stoiker darüber sagen mögen; und wie ich mir keinen Dank für den Dienst weiß, den ich mir leiste: ebenso lässt die Verbindung solcher Freunde, wenn sie wirklich vollkommen ist, sie das Bewusstsein solcher Pflichten verlieren und zwischen ihnen diese Worte der Trennung und Unterscheidung verabscheuen und verscheuchen, die heißen: Wohltat, Schuldigkeit, Erkenntlichkeit, Bitte, Dank und dergleichen.“ (Michel de Montaigne, S.15) Mit anderen Worten: De Montaigne sieht keinen Widerspruch zwischen Selbstliebe und der Liebe zum Freund. Es ist völlig selbstverständlich, dass ich für mich selbst sorge, mir selbst helfe und für mich selbst kämpfe, wenn ich in eine schwierige oder bedrohliche Situation gerate. Ebenso zögere ich nicht, für einen Freund einzustehen, wenn er in Bedrängnis gerät. Da braucht es keine Bitte, da muss keiner in der Schuld des anderen stehen, schon gar nicht wird da eine Wohltat erbracht. Freunde helfen sich, weil sie Freunde sind. Es ist eine Selbstverständlichkeit, da wird nicht die Hilfe des einen gegen die des anderen aufgerechnet. In tiefen Freundschaften stellen sich die Freunde auf eine Ebene. Wenn es dem einen nicht gut geht, geht es auch dem anderen nicht gut. Echte Freunde halten zusammen und unterstützen sich gegenseitig so gut sie können, ohne Bedingungen aufzustellen, sondern weil es sich von selbst versteht.
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