Aber es lohnte sich nicht, Dawn etwas krummzunehmen. Sie schadete sich selbst am meisten. Sie hatte keine Traute. Den ganzen Mumm in der Familie hatte Crystal abgekriegt. Jetzt hat Crystal ein Zimmer und einen Trödelstand auf dem Mandala Street Market, und Dawn steht an der Straßenecke und steigt zu irgendwelchen Freiern ins Auto. Und alles, was sie verdient, versäuft sie im Pub. Kann man noch blöder sein?
Sie ist bloß hierher gezogen, auf die Südseite vom Fluss, damit sie Crystal leichter anpumpen kann. Früher hatte sie einen Beschützer, aber mit ihm lief es so wie mit allen Kerlen, wenn sie mit einer Frau fertig sind. Mit ihm ging es steil bergauf. Und mit Dawn lief es so wie mit allen feigen Frauen, die keinen Beschützer haben. Mit ihr ging es rapide bergab.
So läuft es immer, wenn man von anderen abhängig ist. Glaub mir. Auf dieser Welt darfst du dich nur auf dich selber verlassen. So hat Crystal es gemacht, so habe ich es gemacht. Und wir haben es geschafft.
Ich bezahlte meine Bananen und ging. Dawn war immer noch da. Die Kids hatten sie umgerempelt, und ein Junge versuchte ihr mit einem Stock den Rock hochzuschieben.
»Dawn ist eine Nutte, Dawn ist eine Nutte«, johlten sie. »Die kann jeder kriegen, im Stehen und im Liegen.«
Ich wollte mich gerade umdrehen und nach Hause gehen, als plötzlich Crystal wie von der Tarantel gestochen über die Straße gerast kam. Sie schnappte sich den Stock und drosch um sich wie ein mordlustiger Gartenzwerg. Sie ist selber nicht viel größer als eine Zehnjährige, aber sie hatte Dawn die Meute im Handumdrehen vom Hals geschafft. Sie sah so komisch aus, dass ich mich fast totgelacht hätte.
Großer Fehler. Sie entdeckte mich.
»Eva!«, schrie sie. »Pack mal mit an.«
»Du kannst mich mal!«, schrie ich zurück. »Ich hab zu arbeiten.«
Aber dann zeigte ein Jüngelchen mit dem Finger auf mich und sagte zu seinen Kumpeln: »Ist das nicht das Kampfschwein?«
»Kampfschwein« ist noch eine der netteren Beleidigungen, die ich bei einem Kampf zu hören kriege. Und weil ich geschmeichelt war, dass mich der Wicht erkannt hatte, marschierte ich ganz lässig rüber. Unterwegs zog ich mir die Jacke aus, damit alle meine muskulösen Arme sehen konnten. Ich bin sehr stolz auf meine Arme. Da steckt jede Menge harte Arbeit drin. Auf meinen Bauch bin ich nicht so stolz, aber den wollte ich auch schließlich keinem zeigen. Jedenfalls nicht mitten auf der Straße. Und schon gar nicht, ohne dafür bezahlt zu werden.
»Pack mal mit an«, sagte Crystal noch einmal.
»Bist du echt das Kampfschwein?«, fragte einer der Jungen.
»Was dachtest du denn?«, sagte ich. »Aber hüte deine Zunge, sonst muss ich es dir beweisen.«
»Mein Dad sagt, Catchen ist bloß Schau.«
»Ja?«, sagte ich und machte einen Schritt auf ihn zu. Der Bursche war beeindruckt. Er machte zwei Schritte zurück. Ich war stolz wie Oskar. Letztes Jahr um diese Zeit kannte mich kein Mensch, jetzt werde ich auf der Straße angesprochen. Das zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
»Mein Dad sagt, wenn es hart auf hart kommt, sind Catcher nicht zu gebrauchen. Wenn es echt zur Sache geht.«
»Pass auf«, sagte ich. »Du gibst mir jetzt den Namen und die Adresse von deinem Dad, falls du sie überhaupt weißt, und dann wollen wir mal sehen, was er sagt, wenn ich dich durch seinen Briefschlitz schiebe.«
Crystal sagte: »Gib nicht so an, hilf mir lieber.«
Sie hatte Dawn hingesetzt und ein bisschen an ihr herumgewischt, aber um sie auf die Beine zu stellen, hätte sie eine Motorwinde gebraucht. Sie hatte überhaupt keine Knochen mehr in den Beinen. Ich hatte meine Ma schon in derselben Verfassung gesehen, und ich weiß, da hilft nur eins: der gute alte Feuerwehrmanngriff. Und den wandte ich dann auch an. Nicht Dawn zuliebe, bestimmt nicht. Von mir aus hätte sie auf der Straße verrotten können. Aber Crystal und ich hatten einiges zusammen durchgemacht. Wir sind nicht gerade ein Herz und eine Seele, das waren wir eigentlich nie, aber wir haben ein-, zweimal im selben Boot gesessen, und obwohl sie mir nie einen Gefallen getan hat, hat sie mir auch nie geschadet. Engere Freunde habe ich nicht.
Crystals Zimmer sah fast so chaotisch aus wie ihr Trödelstand. Möbel gab es keine; es war eher ein Lagerraum mit einer Matratze in der Mitte. Wir packten Dawn ins Bett, damit sie sich auspennen konnte, dann ging Crystal wieder auf den Markt und ich zurück zum Schrottplatz.
Da wohne ich nämlich – auf einem Schrottplatz. Und wenn dir das komisch vorkommt, überleg doch mal, ob du vielleicht auch fürs Wohnen bezahlt wirst. Wenn du aber einen Hauswirt oder eine Hypothek am Hals hast, brauchst du über mich nicht zu lachen. Ich wohne umsonst. Das gehört zum Job. Das ist nämlich der andere Job, den ich neben dem Catchen noch habe, ich bewache nachts den Schrottplatz. Wenn du also auf Ersatzteile oder Werkzeuge scharf bist und nicht dafür bezahlen willst, musst du zuerst an mir und meinen Hunden vorbei. Einfach ist das nicht, das kannst du mir glauben. An Ramses, Lineker und mir ist noch so gut wie keiner vorbeigekommen. Wir mögen vielleicht nicht die Schönsten sein, aber dafür haben wir mächtig was auf dem Kasten; wir können kämpfen und Krach schlagen.
Als die Arbeiter nach Hause gegangen waren, machte ich den Laden dicht, wie jeden Abend. Ich ließ die Hunde raus, und wir machten unseren Rundgang auf dem Gelände. Eigentlich muss ich die ganze Nacht aufpassen, aber manchmal habe ich noch andere Sachen zu erledigen. Kommt immer darauf an, wer besser zahlt. Aber solange ich rechtzeitig zurück bin, um die Hunde zu füttern und das Tor aufzuschließen, braucht davon keiner was zu erfahren.
Heute Abend hatte ich eine Verabredung mit der Feindin. Sie hält sich für wahnsinnig clever und cool und lauert bloß darauf, mich eines Tages zu schnappen. Wobei sie mich schnappen will? Solche Leute gibt es eben, und sie haben alle irgendwas mit der Polizei zu tun.
Du hast’s erfasst, die Feindin ist eine Bullentante. Sie sagt zwar, sie ist nicht mehr bei der Truppe, aber ich sage, einmal Bulle, immer Bulle. Das bleibt kleben wie Scheiße an den Schuhen.
Auf dem Schild an ihrer Bürotür steht »Lee – Schiller«. Lee ist die Feindin, Schiller ihr Partner. Er ist ein alter Krauter, die Sekretärin ist eine alte Schreckschraube. Die Feindin hat ein richtiges Altenzentrum aufgemacht. Deshalb braucht sie mich. Ich muss die Jobs erledigen, die einer mit Krückstock nicht schafft.
Ich machte die Tür auf, und es klingelte. Die Schreckschraube saß an ihrem Tisch und schrieb etwas in ein großes Buch.
Sie sagte: »’n Abend, Eva. Wollten Sie Ihr Geld abholen?«
»Was dachten Sie denn?«, sagte ich.
Sie gab mir einen Briefumschlag. Ich riss ihn auf und zählte die Scheinchen. Alles da.
»Haben Sie einen neuen Auftrag für mich?«, fragte ich.
»Anna ist im Moment nicht da«, sagte sie. Als ob ich das nicht gewusst hätte. Sonst taucht die Feindin nämlich sofort auf, wenn es an der Tür klingelt. Neugierige Kuh – muss immer wissen, was gespielt wird. Auch wenn es sie nichts angeht. Typisch Bulle.
»Wenn etwas hereinkommt, weiß sie ja, wo sie Sie finden kann«, sagte die Schreckschraube. Was mich stinksauer machte. Darum kreuze ich ja regelmäßig bei der Feindin auf. Weil es mir nicht besonders gefällt, dass sie weiß, »wo sie mich finden kann«. Wenn es etwas gibt, was du über mich wissen solltest, dann das: Eva Wylie wurde nicht in die Welt gesetzt, um der Polizei das Leben leichter zu machen.
Und die Feindin machte mir das Leben schwer. Kein Nebenjob, keine Extrakohle. Ach, sie konnte mich mal.
Am nächsten Tag erfuhr ich, dass Dawn tot war.
Ich stand wie immer gegen drei Uhr nachmittags auf; ich machte Tee und aß Bananen und ein paar Marmeladenbrote zum Frühstück. Dann ging ich zum Trainieren und Duschen in Sams Fitnessstudio. Da versammelt sich die ganze Truppe von Deeds Promotions. Manche von uns trainieren profimäßig – Harsh und ich zum Beispiel. Die anderen hängen bloß dumm rum, posieren und tratschen. Ich gehe jedenfalls ins Studio, um in Form zu bleiben und zu erfahren, wann ich meinen nächsten Kampf habe. Außerdem hole ich mir da meine Börse ab.
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