Die nordischen Götter lebten in Kenntnis ihres Endes, daher sind ihre Vorstellungen von der Vergangenheit weniger farbig als jene der Zukunft. Die uns überlieferten Mythen sind eschatologisch geprägt – vom Ende der Zeit, einem Heil beeinflusst, das schon das Herüberwehen christlicher Vorstellungen beweisen dürfte.
Und es war Loki, der diesen Niedergang der Götter einleitete. Er ist der Auslöser, der wichtige Faktor im Geschehenen. Am Ende der Welt darf Loki das Nagelschiff lenken 104, seine Kinder sind wichtiger Teil der Eschatologie. Sie werden im Rahmen einer gigantischen Blutrache von den Kindern der Opfer getötet. 105Und er auch.
II. Der riesige Hintergrund
Loki ist eine der interessantesten Gestalten der nordischen Mythologie, wenn nicht gerade die interessanteste. Als der Geist, der stets verneint, treibt er innerhalb der Götterwelt sein Unwesen (…); er ist bald Ratgeber und Helfer der Götter, bald ihr Possenreißer und Spaßmacher, schließlich aber ihr erbittertster, furchtbarster Feind (…).
– Nordische Mythologie, Paul Herrmann 106 –
Lokis Herkunft ist unklar. Doch seine Familienverhältnisse sind (teilweise) eindeutig. Er hat drei Kinder: die Midgardschlange, den Fenriswolf und Hel (Tod). Alle drei spielen beim Ende der Welt eine wichtige Rolle.
Odin konsultierte, um das Schicksal Balders zu erfahren, die Seherin und Riesin Angerbode oder Angrboda ( die Schadensbotin 107), die Mutter von Fenris, Hela und Midgardschlange. Sie war tot, daher musste Odin sie im Totenreich Helas suchen.
Warum war sie tot? Wer ist diese Frau, die Mutter von Lokis Kindern? Warum hatte Loki Kinder mit einer Riesin? War er selbst ein (Halb-)Riese, ungeschlacht, mythisch?
Noch einmal Herrmann:
Die Riesen erscheinen als Heiden aus dem Steinzeitalter, die sich scheu vor den erobernden Menschen zurückziehen und ihren Ackerbau und die Klänge ihrer Kirchenglocken verwünschen. 108
Für eine Beschreibung der Riesen ist das zu wenig, auch wenn es zutreffend ist. Die Riesen sind älter als die Götter, auch eine der Nornen wird als Riesin bezeichnet. 109Die Riesen erhalten Runen für die Zauberei 110, doch die Zaubersprüche sind „gar nützlich den Menschen, doch unnütz den Riesen“. 111Warum? Welche Zauberei war den Riesen eigen? Wie konnte sie gegen die Asen bestehen, ihnen ein würdiger Gegner sein?
Ich weiß es nicht. Niemand hat eine Antwort, die mich überzeugt. Zusammenfassend kann ich mich wieder nur Herrmann anschließen:
Ihrer [der Riesen] großen Bedeutung bei der Kosmogonie entspricht nicht ihre untergeordnete Stellung in der Eschatologie. 112
Loki:
„Hass und Hader,
bring ich den Asen,
so misch’ ich ihnen Gift in den Met.“
– Zankreden Lokis , Vers 3 –
Loki stiftet Balders/Baldrs Tod an. Er ist Beginner und Vollender des göttlichen Endkampfes Ragnarök.
Doch ist er auch schuld? Diese Frage mag eigenartig sein, aber sie wird aus zwei Quellen gespeist. Erstens ist es der Ursprung der Schuldfrage, die eigenartig ist:
Seine [Lokis] Weigerung, um Baldr zu weinen, sein trotziges Brüsten Frigg gegenüber (…) galt ursprünglich als wirklicher Grund für seine Bestrafung; aber ist noch keine Andeutung wahrzunehmen, dass Loki an Baldrs Tötung schuld gewesen sei; der intellektuelle Urheber des Mordes ist Loki in der Dichtung erst um das Jahr 1000. 113
Ist Lokis Schuld eine spätere Schöpfung, ein Erklären des Ragnarök, das mit seiner ursprünglichen Rolle nichts zu tun hat? Vielleicht; zumindest ist die Theorie interessant (und passt zu meinen folgenden Thesen). Der zweiten Quelle meiner Theorie will ich mich gleich zuwenden.
IV. Die ewigen Blutsbrüder
„Lebt wohl“, sagte der Wanderer. Sein Umhang wehte um ihn herum, sein Speer drehte sich in die andere Richtung, die Tür fiel zu, und er war fort.
– Die Trauer Odins des Goten, Poul Anderson 114–
Odin: Der große Gute der nordischen Mythologie, die All-Vater-Figur, der Wissende um das Ende der Götter, der trotzdem seine Rolle bis zum Ende konsequent spielt. Doch ist Odin richtig beurteilt, wenn Herrmann über ihn schreibt:
Die alte Welt geht aus den Fugen, aber in unermüdlicher Fürsorge sie so lange wie möglich zu erhalten, auch unter den schwersten eigenen Opfern – das ist ihm [Odin] gelungen. 115
Odin ist keine Lichtfigur, will es auch nicht sein. Man darf nicht vergessen, welche Ereignisse zum Krieg am Ende der Zeit führen. Die Schuld liegt bei den Göttern. Der erste Eidbruch war der Bruch des Eides der Götter gegenüber den Riesen. Dieser Betrug erzeugt das Ragnarök, sät er doch die Feindschaft, welche die Welt zerstören sollte.
Und auch Odins Handel, der zum Verlust von Hand, Schwert und Auge führt, ist am Ende der Welt töricht. Loki hingegen hilft den Göttern, kampfbereit zu bleiben. Als Thors Hammer verschwunden ist, ist es Loki, der ihn mit Thor zusammen wiederholt. 116Seine Warnung ist eindeutig:
Gleich werden Riesen
in Asgard hausen,
holst du dir nicht
deinen Hammer heim. 117
Warum? Immerhin rettet er damit das Gerät, mit dem die Vernichtung der Welt erst möglich wird. Und was weiß er von der Bedrohung durch die Riesen, die durch die Angst vor Thors Hammer gebannt wird?
Scheinbar will er den Status Quo halten, so lange er kann. Und das macht nur (!) Sinn, wenn er vom Endkampf weiß. Eine eigenartige These. Aber es gibt Indizien dafür, dass Loki in das große Geheimnis eingeweiht ist.
Warum sind Loki und Odin Blutsbrüder? Woher stammt dieser Eid, auf was fußt er?
Loki:
„Weißt du noch, Odin,
wie in der Vorzeit einst
wir mischten das Blut miteinander?
Sagtest, du würdest
kein Bier je trinken,
außer es würde uns beiden gebracht.“ 118
Was war geschehen, dass diese beiden so aneinander bindet? Ich glaube, dass es das Wissen um das Schicksal war, in dem sie beide ihre Kinder und ihr eigenes Leben verlieren würden. Loki war die einzige Wahl für Odin, um das Geheimnis zu teilen. Wer sonst, wenn nicht der zynische Rätsel-Zauber-Trug-Gott? Und daher ist es Loki, der seine Rolle spielt – aber dafür sich herausnimmt, unter Odins Schutz der Witzbold zu sein, der Dinge tun darf, die kein anderer tun darf. Odin und Loki sind Blutsbrüder, weil sie gemeinsam um das Ende wissen.
Doch war das Geheimnis wirklich ein Geheimnis, das nur Odin kannte? Woher kennen die Götter beim Ragnarök dann das Geheimnis?
Die Asen treffen
am Idafeld sich, (…)
und denken zurück
an die großen Dinge,
an Göttervaters,
altes Geheimnis .119
Und auch die Seherin kennt das Schicksal der Welt:
Heimreite du, Odin,
freu dich des Ruhms!
So suche keiner mehr
Künftig mich heim,
bis Loki sich löst
aus seinen Banden
und Göttergeschick,
das gewaltige, eintritt. 120
Was spricht Odin seinem (eigentlich schon toten) Sohn ins Ohr, bevor dieser auf den Holzstoß steigt? 121
Das Geheimnis kann kein Geheimnis sein, wenn es so weit bekannt ist. Aber es ist auch nicht öffentlich bekannt, eher ein Geheimnis einer kleinen Gruppe, die gemeinsam schweigt, außer sie verplappert sich oder wird zum Reden gezwungen.
Odin kennt den Gang der Welt, aber er nutzt dieses Wissen meiner Ansicht nach, um das Ende der Welt so weit wie möglich zu verzögern. Verschlüsselt wirft auch Loki Odin vor, am Schicksal gedreht zu haben. 122Wofür hat Odin eigentlich sein Auge bezahlt? Das Schicksal der Welt kannte er schon, als er sich verstümmelte.
Immer wieder wird Loki von Odin geschützt – scheinbar als Ergebnis des alten Bundes, der Loki schützt, so lange dieser das Geheimnis wahrt. Doch Odin ist nicht der einzige, der Loki schützt. Loki wird bestraft, in dem eine Giftschlange ihm Gift ins Gesicht tropft. Seine Frau Sigyn 123hält eine Schale über sein Gesicht, um ihn vor dem Schmerz zu retten. Macht man das mit jemanden, der die Welt vernichten will? 124
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