Meine These ist einfach: Loki weiß durch Odin (oder durch eigenes Erfahren?) vom Ende der Götter. Odin schützt Loki des gemeinsamen Geheimnisses willen. Die beiden schließen einen Bund, bis zum Ende der Welt zu schweigen, da sie ihre Umgebung nicht mit dem Wissen belasten wollen, das zu groß und zu schrecklich ist, um es selbst Göttern anzuvertrauen. Loki bleibt der Zyniker der Götter, der – von Odin geschützt – tun und lassen darf was er will, so lange er hilft, das gesehene Ende zu verwirklichen. So ist zu erklären, warum er Thor seinen Hammer besorgte und warum er seinen Teil im Kampf der Götter spielte.
Doch er wusste und erkannte, wer an dem Krieg wirklich schuld war. Die Asen trugen die Schuld der alten Blutlast und sie werden bestraft. Aber mit dem Fall der Asen endet auch das goldene Zeitalter Asgards, und so versucht Loki alles, um dieses Zeitalter zu verlängern – vergeblich, wie es scheint. Wenn die Zeichen kommen, dann steigt Loki an Deck und lenkt das Schiff zum letzten Kampf.
Und so erfüllt sich das Schicksal, das nicht hätte sein müssen, wenn die Götter ihre Eide gehalten hätten. Loki – der widerwillig zum Feind gemachte Possenreißer – zieht mit seinen Kindern gegen die Götter-Ordnung, um vernichtet zu werden. Das Steuerrad sicher zwischen den Händen fährt er aus, um Familie und eigenes Leben zu verlieren. Aber er stirbt im Wissen, das Ende der Welt mitgestaltet und – soweit möglich – verzögert zu haben.
Nur ein sehr naives Zeitalter konnte wähnen, dass des Feuers Macht Segen bringt, solange es der Mensch bezähmt und bewacht. Der Teufel ist ein gewiefter Falschspieler, er lässt den Partner zunächst einmal gewinnen, um ihn dann hinterher um so müheloser ausplündern zu können. Mit dem Feuer, dem Element der Dämonen, lässt sich kein dauerhafter Bund schließen.
– Der Dämon und sein Bild, Erwin Reisner 125 –
Dreieinhalb Nachbemerkungen.
Erstens: Ich bin kein Fachmann in nordischer Mythologie, kann weder fünfundzwanzig Namen für Gehöft in altisländisch oder altnorwegisch vorschlagen noch wichtige Sätze wie „Noch ein Met für den Magier an Tisch Zwo!“ in einer Zunge sprechen, die nordischen Göttern verständlich wäre. Sollte ich nach meinem Tode von Walküren geholt werde (was ich bezweifele), so hoffe ich in der Halle der Helden auf Bedienung nach Handzeichen.
Zweitens: Ich bin kein Mensch, der sich mit Schamanismus beschäftigt. Schamanismus und Religion sind nicht zwei unterschiedliche Seiten einer Münze, sondern eine Holzscheibe und eine Münze. Da ich an Gott oder Götter glaube (nennen wir es Theismus), muss ich auf den Schamanismus verzichten. Mir fehlt daher auch der Zugang, zu Göttern oder göttlichen Welten zu reisen und mich dort selbst umzuschauen. Mir bleiben das Buch, das gesprochene Wort und das eigene Erleben.
Drittens: Meine Annäherung an Loki ist eine vorsichtige. Ich habe große Achtung und Demut vor dem Feuer und der Lohe, die in Loki brennt. Aber Loki fasziniert mich trotz der Warnung, die in Reisner Zitat „Mit dem Feuer, dem Element der Dämonen, lässt sich kein dauerhafter Bund schließen“ mitschwingt. Ich will nicht den Fehler machen, mit dem Feuer einen Bund zu schließen. Ich suche einen Mittler, der mir das Feuer erklärt und mir hilft, mehr zu Feuer zu werden oder das Feuer zu erkennen 126. Dieser Mittler ist für mich – mit aller Demut, die man benutzen muss, wenn man für Menschen, die mehr von nordischer Mythologie verstehen als man selbst, über nordische Mythologie schreibt – Loki. Keiner sonst.
Dreieinhalb: Hey Loki, wir sterben sowieso (fast) alle im Endkampf. Ich würde gerne den Wind in den Segeln spüren und die Waffe für etwas schwingen, an das ich glaube, bevor alles vorbei ist. An Zynismus kann ich glauben, aber eher an einen Eid, der einen zum Schweigen verpflichtet, damit das Leid durch das Wissen um das Ende nicht noch größer wird. Wenn auf deinem Schiff noch ein Platz frei ist …
MUSIK, MYTHOS, FANTASY
1. Vorbemerkung
Ich bin selbst kein Musikwissenschaftler. Ich bin von der Ausbildung her eigentlich Sozialarbeiter und habe mein Diplom über Fantasy-Rollenspiele geschrieben. Danach kam ein Studium der Geschichte und Politik mit einer Magisterarbeit über Alternative Geschichte – also über das Was wäre wenn? einer anderen Entwicklung von historischen Ereignissen. Darüber hinaus bin ich seit vielen Jahren in der Phantastik-Szene aktiv.
Man möge mir also verzeihen, wenn meine Abhandlungen weniger mit Musiktheorie als mit Phantastik, weniger mit wunderschönen Liedbeispielen aus dem 11. Jahrhundert als mit Zitaten aus dem sogenannten Mainstream geschmückt sind. Als Mainstream bezeichne ich im Folgenden etwas lapidar all jenes, was einem ohne zu suchen via der modernen Kommunikationsmedien ins Haus gebracht wird. Jene Dinge, die man suchen muss, um auf sie aufmerksam zu werden, können per Definition nicht Mainstream sein.
Die Phantastik ist mit ihren mythischen Bildern nach vielen Jahrzehnten als verlachte Randerscheinung der Literatur längst im Mainstream angekommen. Dies gilt nicht nur für die Literatur, sondern auch für den Film und die Musik. Ich brauche – völlig anders als noch vor zwanzig Jahren, als das Lesen von Fantasy ähnlich ruchbar war wie der Import von bunten Druckheften aus Dänemark – nur auf die Bestsellerlisten zu verweisen, wo nicht nur Harry Potter für die Phantastik punktet. Auch die Herr der Ringe -Verfilmung, Narnia , Beowulf und was da sonst noch in den letzten Jahren über uns hereingebrochen ist, hat bewiesen, dass mythische Bilder längst ihren Platz in der allgemeinen Kultur eingenommen haben.
Keine andere Literaturgattung kennt eine so enge Bindung zwischen Musik und Literatur wie die Phantastik. Nur der Krimi hat eine ähnliche Leserbindung entwickelt wie die Phantastik – analog mit Veröffentlichungen zum Thema, dem Erscheinen von eigenen Magazinen ( Fanzines ) und einem eigenen Fan-Publikum ( Fandom genannt).
Doch spielt Sherlock Holmes zwar meisterhaft die Violine, aber ein singender Sherlock oder ein singender Arsene Lupin sind undenkbar. So gibt es zwar die Tanzenden Männchen bei Holmes, aber keine Hinweise auf Gesang. Der bekannte Detektiv Nero Wolfe beschäftigt sich nur mit Philosophie, seiner Bibliothek, Wein und Essen 127; Sherlock Holmes 128nur mit Tabak und der Violine. Gesang findet nicht statt – und der Singende Detektiv ist daher auch eine eher humoristische Fernsehserie als eine echte Bereicherung des Genres.
Anders in der Fantasy. Wir wissen sofort, dass Prinz Eisenherz sein singendes Schwert führt, auch wenn dies Schwert überhaupt nicht singt. Da musste man schon bis Falsches Spiel mit Roger Rabbit (1988) warten, wo ein singendes Schwert mit dem Gesicht von Frank Sinatra vor sich hin fechtet. Aber praktisch kein Fantasy-Roman kommt ohne die Gesänge irgendwelcher obskurer Volksgruppen aus, die nur singend reisen oder ihre Rituale und Zauber gerne mit Gesang untermauern. Ein wenig fühle ich mich bei Elben immer an den 17. Asterix-Band Die Trabantenstadt gemahnt: Die Elben können nur arbeiten, wenn sie singen – die Elben sind vom Arbeiten befreit.
Sprache hat in der Fantasy-Literatur eine ganz eigene Bedeutung. In seiner Doktorarbeit zur Fantasy schreibt Helmut Pesch darüber:
Die Welt der Fantasy ist somit in einem ganz besonderen Sinne eine Welt, die aus Sprache aufgebaut ist; es verwundert darum auch nicht, dass die Sprache die Möglichkeit gibt, diese Welt zu verändern. 129
Die Fantasy kennt einen Zusammenhang zwischen Sprache und wahrer Sprache, die wiederum auf die wahren Namen von Dingen hinweist. 130Wer den wahren Namen einer Sache kennt, der kann die Sache beherrschen. Zur Perfektion getrieben hat dies der Science Fiction-Schriftsteller Samuel R. Delany – in Babel 17 (1966) wird eine Sprache als Waffe eingesetzt. Wer etwas in dieser Sprache richtig beschreiben kann, der kann es auch kontrollieren.
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