Wolfram Siemann schildert in seiner Biografie Metternichs dessen erste Begegnung mit Napoleon im August 1806 im Audienzsaal des Schlosses von St. Cloud nahe Paris. Clemens Wenzel Lothar Graf (seit 1813 Fürst) von Metternich nahm den mächtigsten Mann der damaligen Welt als klein und vierschrötig wahr. Interessant ist seine Einschätzung, dass Napoleon versucht habe, »seine Körpergröße zu erhöhen und seine Erscheinung zu veredeln«, dazu sei er gern auf Zehenspitzen gegangen. Napoleon versuchte, auch physisch (mehr) Größe zu vermitteln; er wollte nicht als kleiner Korse, als Emporkömmling, sondern als großer Kaiser anerkannt werden.
Ob Napoleon unter einem Napoleon-Komplex litt, bleibt dahingestellt. Sein Untergang liefert jedoch ein Beispiel dafür, wohin selbstherrliche Politik führt, die nur das Ich, aber kein Wir kennen will. Dank Napoleon können wir zudem bei passenden wie unpassenden Gelegenheiten die Redewendung, dass »jemand sein Waterloo erleben« wird, einsetzen. Kenner irritieren ihre Gesprächspartner übrigens gern dadurch, dass sie den belgischen Ort nicht wie weithin üblich englisch aussprechen – was auf den Stellenwert der berühmten Schlacht in Großbritannien und wohl noch mehr auf den gleichnamigen ABBA-Song zurückzuführen ist –, sondern korrekt: Bei Waterloo bleibt das »A« ein »A« und das »O« ein »O«.
Eine nahezu unglaubliche Karriere
Eine Weltgeschichte ohne Napoleon? Für uns unvorstellbar. Doch Napoleon hätte genauso gut als Nebenfigur in einer Fußnote enden können. Was Geschichte von Mathematik unterscheidet und sie so spannend macht, ist, dass ihr Verlauf weder logisch noch vorhersehbar ist. 2 + 2 ergibt nicht zwingend 4. Persönlichkeiten, Entscheidungen und Zufälle prägen die Abfolge der Ereignisse. Betrachten wir ein paar Stationen in Napoleons Karriere, an denen er allzu leicht vom uns bekannten Lebenslauf hätte abweichen können.
Napoleons junges Herz schlug für sein Vaterland, und das war Korsika. Die Republik Genua trat die Insel 1768 an Frankreich ab; die Unabhängigkeitskämpfer unter Pasquale Paoli bekämpften die neuen Herren, wurden aber im Jahr darauf – Napoleons Geburtsjahr – vernichtend geschlagen. Von seinem Vater Charles Bonaparte (Carlo Buonaparte), zuvor ein entschiedener Anhänger Paolis, lernte Napoleon wohl eine wertvolle Lektion: Häng dein Fähnlein nach dem Wind! Der Advokat arrangierte sich mit den französischen Machthabern und erlangte für seine älteren Söhne königliche Stipendien. So gelangte Napoleon auf die Militärschule in Brienne und begann danach seine Karriere als Offizier in der Armee König Ludwigs XVI.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Napoleon begrüßte die Ideale der Französischen Revolution und wandelte sich zum Republikaner. Er wurde auf Korsika politisch aktiv, wobei er die Zukunft seiner Heimat in einer engen Anbindung an das revolutionäre Frankreich sah. Hingegen trat der aus dem Exil zurückgekehrte Paoli für mehr Unabhängigkeit ein. Mit Paoli wurden die Bonapartes nicht mehr warm. Der Rebellenführer verzieh dem mittlerweile bereits verstorbenen Charles den Verrat an der korsischen Sache nicht; dessen Söhnen misstraute er. Zu Recht? Lucien Bonaparte rühmte sich 1793 in einem Brief an seine älteren Brüder Joseph und Napoleon, er habe maßgeblich zum Beschluss des Konvents, Paoli zu verhaften, beigetragen. Nachdem dieser Brief Paoli in die Hände gefallen war, wurden die Bonapartes für vogelfrei erklärt und mussten fliehen. Was wäre wohl gewesen, wenn Napoleon seine Ziele auf Korsika erreicht und dem Festland den Rücken gekehrt hätte?
In Frankreich hatte sich inzwischen viel geändert. König Ludwig XVI. war im Januar 1793 geköpft worden und die radikalen Jakobiner unter der Führung von Maximilien de Robespierre errichteten ihre blutige Schreckensherrschaft ( la Terreur ). Napoleon war lange unerlaubt der Armee ferngeblieben, doch der Mangel an Offizieren kam ihm zugute und er wurde gern wieder aufgenommen. Zudem näherte er sich politisch den Jakobinern an und fand in Augustin Robespierre, dem jüngeren Bruder Maximiliens, einen Förderer. Militärisch bewährte er sich bei der Belagerung und Rückeroberung von Toulon; Ende des Jahres war er Brigadegeneral und durch Augustins Fürsprache erhielt er im März 1794 das Kommando über die Artillerie der Italienarmee.
Napoleon freute sich über seine steile Karriere – bis ihm das Schicksal einen Strich durch die Rechnung machte. Am 27. Juli 1794 (9. Thermidor nach dem Kalendarium der Revolutionäre) wurden die Jakobiner gestürzt und die Gebrüder Robespierre mit vielen anderen hingerichtet. Es fehlte nicht viel, und auch der verhaftete Napoleon hätte seinen Kopf verloren. Er wurde zwar freigelassen, aber seine militärische Karriere war auf Eis gelegt. Dies wäre beinahe das Ende der Geschichte gewesen.
Seit 1795 wurde Frankreich von einem fünfköpfigen Direktorium regiert, in dem Paul Vicomte de Barras eine führende Rolle spielte. Erneut schaffte es Napoleon, auf das richtige Pferd zu setzen. Er tat sich Anfang Oktober bei der Niederschlagung eines Aufstandes hervor und wurde als »Général Vendémiaire« gefeiert sowie zum Divisionsgeneral befördert. »Das Glück ist mir hold«, jubelte er. Privat fand er sein Glück mit der verwitweten Joséphine de Beauharnais, die sich als ehemalige Geliebte Barras’ in den besten Kreisen bewegte. Die beiden heirateten am 9. März 1796. Ob Barras Napoleon das begehrte Kommando über die Italienarmee als eine Art Hochzeitsgeschenk verschaffte?
Nach der Schlacht bei Lodi 1796 soll Napoleon angeblich erstmals der Gedanke gekommen sein, dass er »wohl auf der politischen Bühne eine ausschlaggebende Rolle spielen könnte«. Seine Erfolge als Feldherr verstand er propagandistisch auszuschlachten und erhöhte damit seinen Bekanntheitsgrad. Er fiel auch Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord auf, der im Juli 1797 vom Direktorium zum Außenminister ernannt worden war und nun schriftlich Kontakt mit Napoleon aufnahm. Der mit allen Wassern gewaschene Vollblutdiplomat und der siegreiche Feldherr – ein ideales Gespann, oder? Talleyrand wirkte maßgeblich an Napoleons Aufstieg mit und sah sich in den nächsten Jahren in der Rolle des weisen Mentors gegenüber dem Jüngeren. Vielleicht hoffte er, als Art graue Eminenz aus dem Hintergrund die Fäden zu ziehen und Napoleon steuern zu können.
Von seinen Siegen bestärkt, neigte Napoleon dazu, sich über Befehle des Direktoriums hinwegzusetzen. Talleyrand drängte ihn zu Friedensverhandlungen mit Österreich und formulierte Ziele wie die Festigung der Italienischen Republik und die Festlegung des Rhein als östliche Grenze Frankreichs; entgegen den Vorgaben des Direktoriums schloss Napoleon in seiner Rolle als General eigenmächtig den Frieden von Campo Formio, der den Ersten Koalitionskrieg beendete.
Die Direktoren waren irritiert und besorgt angesichts des Ehrgeizes, den der General an den Tag legte. Noch saßen sie am längeren Hebel, wie folgende von Johannes Willms beschriebene Szene verdeutlicht: Offensichtlich hatte Napoleon als General in Italien bisweilen mit seinem Rücktritt gedroht, um seinen Willen durchzusetzen. Nun nahm er in Paris an Sitzungen des Direktoriums teil und versuchte ebenfalls, die Richtung zu bestimmen. Direktor Jean François Reubell wies Napoleon darauf hin, dass er ihnen gar nichts zu befehlen hätte, woraufhin dieser impulsiv seinen Rücktritt verkündete. »Nur zu, General«, antwortete Reubell anders als erwartet, »hier haben Sie eine Feder! Das Direktorium erwartet Ihr Rücktrittsgesuch.« Wieder einmal war Napoleons Karriereende zum Greifen nah. Doch seine Worte waren schnell als leere Drohung entlarvt; er entschuldigte sich in aller Form. Die Direktoren waren dennoch froh, ihn in die Wüste schicken zu können. Doch die Distanz erwies sich für Napoleon als Vorteil. Während die Direktoren zunehmend unpopulär wurden, da sie als korrupt und unfähig galten, konnte sich Napoleon vor der exotischen Kulisse Ägyptens in Szene setzen.
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