Straßen-Partner: Philipp verrät endlich sein Geheimnis – und es rollt sich dann besser weiter .
Doch als der Arzt am nächsten Morgen in die Station kommt, sind Philipp und Jonas längst wieder unterwegs. Sie haben auf der Veranda vor der Krankenstation übernachtet, wieder im Schlafsack. Sie haben beschlossen, die Sorge wegzustrampeln, mit der Dämmerung hat der Wecker geklingelt, eine halbe Stunde später waren sie auf der Straße. »Das ist ja keine Tour-de-France-Ärztin«, konstatiert Jonas. Jeder Pfleger, jede Schwester, jeder Arzt ohne Bezug zum Radfahren und zu ihrem Projekt würde dasselbe sagen. Aber hier müssen andere Maßstäbe her. Sicher, so eine Stelle sieht nicht gut aus. Aber darum geht es ja nicht. Es geht ums Weiterkommen. Philipp schmiert Creme auf die wunde Stelle und fährt weiter. Auf Kilometer 1.000 zu, der schon früh am Morgen geschafft ist.
Heute wollen sie die nächste Grenze passieren, den Schritt machen in ein ganz anderes Kapitel: hinüber nach Russland, jenes Land, vor dem Jonas nicht nur Respekt hat, sondern tatsächlich Angst. Aber erst einmal genießt er noch das Hochgefühl, denn der Wind dreht sich am Nachmittag.
DER WEG NACH SANKT PETERSBURG
Jonas ist gut aufgelegt. Okay, sie sind ein bisschen hinter Plan. Mit dem starken Gegenwind, der seit Tagen konstant weht, war nicht zu rechnen. »Aber es wird auch wieder Rückenwind kommen, das weiß ich, das wird sich ausgleichen«, sagt er. Philipp spürt jetzt, dass der Schmerz in seinem Knie nachlässt. Er geht immer öfter für lange Zeit in die Führung. »Ich habe das Gefühl, dass er jetzt stärker wird. Philipp hat jetzt angefangen mit zu pushen.«
Wie jeden Abend schauen sich die beiden auch nach fünf Tagen auf dem Smartphone an, wie weit sie schon gekommen sind. Es ist erstaunlich. Auch wenn sie objektiv noch ganz am Anfang dieser Reise sind, die blaue Linie von Nord nach Süd ist schon gut zu erkennen, sie haben schon richtig Strecke gemacht. Für Jonas steht fest: Alles ist gut, alles wird gut, auch wenn sicher noch einiges auf uns zukommt. Das Wetter war bisher nicht extrem. Mit dem Verkehr hatten sie, bis auf einen sehr nah überholenden Holztransporter, Glück. Auch Pannen sind bislang ausgeblieben.
Je näher sie der russischen Grenze kommen, desto besser läuft es für die beiden. Was sie vielleicht nicht geschafft haben, spielt jetzt keine Rolle mehr. Eigentlich hätten sie am Abend des sechsten Tages in Sankt Petersburg sein wollen, mit einem Sponsor von Jonas war dort ein kleiner Empfang vereinbart. Doch so sind sie noch im Süden Finnlands unterwegs. »Ich habe dennoch ein gutes Gefühl, weil ich merke, dass wir in Schwung sind«, sagt Jonas. Das kann man wohl sagen.
Am sechsten Tag stehen sie in Juuka auf. Sie hatten direkt am idyllischen Pielinen, einem der größten Seen Finnlands, ihr Lager für die Nacht aufgeschlagen und ein Feuer angezündet – ein letztes skandinavisches Bild wie aus dem Katalog. Morgens um 6 Uhr rollen sie los, es regnet bereits. Heute wollen sie die nächste Grenze passieren, den Schritt machen in ein ganz anderes Kapitel: hinüber nach Russland, jenes Land, vor dem Jonas nicht nur Respekt hat, sondern tatsächlich Angst. Aber erst einmal genießt er noch das Hochgefühl, denn der Wind dreht sich am Nachmittag. Jonas und Philipp durchqueren die Seenlandschaft an der russischen Grenze, und jetzt weht der Wind von hinten. Sie beschleunigen. Heute werden sie das erste Kapitel schließen, ein fantastisches Gefühl. 298 Kilometer legen sie an diesem Tag zurück. Es ist ihr bislang stärkster Tag.
Um etwa 22 Uhr erreichen Jonas und Philipp die Grenze zwischen Finnland und Russland. Ein Tag zum Feiern liegt hinter ihnen. Der Anfang ist gemacht. Der Weg hierher war mühsam, aber im Rückblick sieht all das Leiden, der Gegenwind, die Probleme mit Knie und Gesäß, nicht mehr so wild aus. Jetzt geht es über die Grenze, durch die Visumkontrolle, hinüber in das riesige Reich im Osten Europas. Es geht hinein in ein neues Kapitel, vor dem Jonas zu Recht Angst hat.
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Eben Optimismus, jetzt Shithole. Es ist Freitagabend, die erste Woche im Sattel ist bald geschafft, die erste wichtige Grenze auf ihrem Abenteuer liegt jetzt nur einige Schritte vor ihnen. Jonas und Philipp haben eben noch das Gefühl genossen, dass sie dem Ziel ihres großen Abenteuers nähergekommen sind. Sie haben aufgeatmet, sie hatten Rückenwind, der leckere Kartoffelauflauf in Parikkala ist verdaut. Jetzt betreten sie ein Land, das für sie epische Qualen bereithalten wird.
Was sie als Erstes sehen, bedrückt sie. »Was ist das hier für ein Shithole!«, entfährt es Philipp. Im waldigen Nordwesten Russlands bleibt wenig von der landschaftlichen skandinavischen Idylle. Denn Swetogorsk, der 20.000-Einwohner-Ort direkt hinter der Grenze, ist eine heruntergekommene Industriestadt. Erschöpft von ihrem bislang kilometerreichsten Reisetag mit 298 Kilometern schauen sich die beiden um. Es ist erdrückend. »Hier sieht es aus wie in einem der schlimmsten Stadtteile, die man sich in einem deutschen Ort vorstellen kann«, findet Philipp, und als Düsseldorfer kennt er die tristen Ecken des Ruhrgebiets nur zu gut. Eine Stadt der Einöde, der Plattenbauten, dreckige Straßen, überall Industrieanlagen. Swetogorsk hat eine lange Geschichte als Forst- und Papierindustriestandort, eine der größten Zellstofffabriken Russlands liegt hier. Für die Wirtschaft ist Swetogorsk bedeutsam, für die Stimmung der beiden ein erster Test. Noch lachen sie. Noch denken sie, dass es vielleicht nicht so schlimm wird. Sie gönnen sich die erste Hotelübernachtung ihrer Reise, in einem ordentlichen Business-Hotel freut sich Jonas sogar über einen kleinen Flirt mit der Rezeptionistin. Seit Tagen haben sie kaum Menschen gesehen. »Nur dein Hinterteil, Philipp, und Rentiere«, sagt Jonas. Da werde man doch auch mal mit einer netten Frau schäkern dürfen. »Stell dir mal vor, du heiratest jetzt Svetlana und bekommst Kinder hier, wie wäre das?«, scherzt Philipp. Beide lachen. Philipp freut sich über eine erste heiße Dusche seit Tagen. Sie sind müde, erschöpft. Es wird schon alles nicht so schlimm werden, denken sie. Dabei sind sie in einem viel größeren Shithole, als sie es ahnen.
Und sie wissen es ja eigentlich besser. Am ersten Morgen in Russland sind sie so müde vom Vortag, dass sie erst gegen halb acht auf dem Rad sitzen. »Lass uns das Hotelfrühstück noch mitnehmen«, hat Philipp gesagt, und der Rekordmensch Jonas hat nicht eine Sekunde gezögert. Draußen scheint sogar schon die Sonne, es ist trocken. Sie könnten also guter Stimmung sein, als die beiden ihre Räder beim Pförtner wieder aus dem Häuschen holen. Aber gleich hinter der Ortsausfahrt aus Swetogorsk deutet sich an, dass es jetzt hart wird, härter, als sie es sich bislang vorstellen konnten.
Noch befinden sich Jonas und Philipp erst im Vorspiel der Qualen im Riesenreich der Angst. Noch sind sie nicht bei Kilometer 5 auf ihren beinahe 3.000 Kilometern durch Russland. Doch schon beginnen die Widrigkeiten. »Was ist das denn für eine Scheiße?«, entfährt es Philipp, als sie vor sich eine Baustelle sehen, die auf Sicht nicht endet. Die Straße ist nicht nur teilweise aufgerissen, sie ist auch voll mit Schwerverkehr, sie ist hügelig. Philipps Hintern tut weiter weh, und die Luft ist kalt. Überall stehen Baustellenmitarbeiter, überall ist Schmutz. So geht es über die ersten 40 Kilometer nach Süden in Richtung Sankt Petersburg. Als sie das überstanden haben, sind sie wieder optimistisch: Der Asphalt ist gut, die Sonne scheint, inzwischen sind es sogar 15 Grad. »Wird schon«, sagt Jonas, »jetzt sind wir unterwegs!«
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