Auch bei der Arbeit drehen sich Besprechungen und Flurfunk sehr häufig um Schwierigkeiten, nur selten um die angenehmen Erfahrungen, die genauso zum Arbeitstag gehören. Wenn wir am Abend nach Hause kommen, erzählen wir von Komplikationen bei einem schwierigen Projekt und von Reibereien mit dem Chef oder Kollegen, nicht von dem verlässlichen Menschen, mit dem wir ein Büro teilen, oder der freundlichen Kundin vom Vormittag. Und danach schauen wir uns die Probleme der Welt in den Nachrichten an.
Während wir unseren Mangel kultivieren, übersehen wir, was wir schon alles haben: Etwas zu essen, ein Dach über dem Kopf, Kleidung und Medizin – mehr materielle Dinge benötigt der Mensch nicht, hat der Buddha gelehrt. Wir haben also bereits mehr, als wir brauchen.
Wechseln wir einmal die Perspektive, sehen wir vieles, wofür wir dankbar sein können. Wir sehen die Möglichkeiten, die unser Körper uns bietet, auch wenn er vielleicht nicht frei von Unpässlichkeiten oder Krankheiten ist. Wir sehen die Menschen, die uns nah sind und auf die wir uns verlassen können. Wir sehen, dass wir die Chance haben, das Dhamma zu praktizieren. Wie viele Menschen auf der Erde haben diese Möglichkeit nicht, weil sie täglich ums Überleben kämpfen müssen! Du tust dir selbst einen großen Gefallen, wenn du für all das Gute in deinem Leben mehr Wertschätzung entwickelst.
Ich selbst war einmal aufgrund einer schweren Krankheit für kurze Zeit völlig auf fremde Hilfe angewiesen. Geblieben ist ein Grundgefühl der Wertschätzung für alle jetzt wieder intakten Funktionen meines Körpers. Ich erlebe sie seit jener Zeit bewusster und nehme sie nicht mehr als Selbstverständlichkeit wahr, sondern als ein großes Geschenk.
Die erste Ebene der Freude: Sinnesfreuden
Deine Lieblingsmusik, ein Ausflug mit deiner Familie oder Freunden, ein Stück Kuchen: Die sinnlichen Freuden des Alltags werden deine Probleme zwar nicht lösen, aber Freuden sind sie dennoch. Auch sinnliche Freuden sind Freuden.Sie können dir durchaus helfen, mehr Leichtigkeit in dein Leben und deine spirituelle Praxis zu bringen, dich aus dem Diktat der Gedanken zu lösen und dich angesichts der alltäglichen Herausforderungen auszubalancieren. Dies wird umso nachhaltiger möglich sein, je feiner die Sinnesfreuden sind: Blumen und Kerzen in der dunklen Jahreszeit, Spaziergänge in der Natur und klassische Musik können zum Beispiel sehr wohltuend sein.
Sinnesfreuden sind allerdings immer abhängig von äußeren Umständen und körperlichen Bedingungen. Sie sind außerdem meist rasch vergänglich und können deinen Geist fesseln: Du möchtest dann nicht mehr von ihnen lassen und richtest dich ganz auf die Sinnesfreuden aus. So bindest du dich an vergängliche Formen und schaffst damit Dukkha.
Die zweite Ebene: Gebefreude, Mitfreude, Tugendfreude
Sofern sie dich beruhigen und dich für andere Dimensionen des Erlebens öffnen, können Sinnesfreuden dir den Zugang zu feineren Ebenen der Freude erleichtern. Das gilt insbesondere, wenn du sie mit anderen teilst.
Gebefreude, Mitfreude, Freude an der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und an tugendhaftem Verhalten – alle diese Formen der Freude beruhen auf Interesse für andere und verbinden dich mit ihnen. Gebefreude und Mitfreude verbinden dich mit anderen.Gebefreude löst aus dem Kreisen um sich selbst und führt gleichzeitig zu mehr Einklang auf tieferen Ebenen. Mitfreude wurzelt in Wertschätzung und Anerkennung und führt zu Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Zudem inspiriert sie alle Beteiligten dazu, weiter Gutes zu tun.
Tugendhaftes Verhalten führt zu Freude, unter anderem weil du dich mit anderen verbindest, ohne dich dabei zu verwickeln.
Auch die Entdeckung eines für dich gangbaren spirituellen Weges kann Freude hervorrufen. In unserem Meditationszentrum sehe ich viele Menschen, die ernsthaft und inspiriert das Dhamma praktizieren. Ich sehe, wie sich solche Menschen entwickeln und wie sie wachsen, und empfinde Freude darüber. Ich erlebe Mitfreude mit denen, die sich nun leichter ausbalancieren können, Mitfreude mit denen, die eine Zuflucht gefunden haben, und Mitfreude mit mir selbst, weil ich erleben darf, dass der Same meines Wirkens langsam aufgeht.
Die dritte Ebene: Freude in der Meditation
Ein offenes, freudiges Herz ist bereit für die Meditation. Jetzt ist es dem Geist möglich, sich zu sammeln. Ein gesammelter Geist hat die Kraft, in eine völlig neue Dimension der Wahrnehmung einzutreten. Möglicherweise erlebst du schrittweise die meditativen Vertiefungen (Pali: jhana): Entzücken, Freude, Zufriedenheit und Erfülltheit. So erkennst du, welche Freude in dir liegt. Um sie zu empfinden musst du nichts weiter tun, als deinen Geist zu sammeln und dich dem Atem hinzugeben. Dein Erleben der Freude ist nun weniger von äußeren Faktoren abhängig. Dieses Erleben wird dich inspirieren und große Kräfte in dir freisetzen.
Die vierte Ebene: Freude der Einsicht
Ein Geist, der durch Meditation gestärkt und stabilisiert wurde, kann Erfahrungen in ihrer ganzen Tiefe erfassen und bis in die feinsten Feinheiten durchschauen. Auf dieser Ebene beobachtest du körperliche und geistige Prozesse, siehst, wie sie entstehen und vergehen. Du erlebst Begrenztes und Vergängliches und erahnst Größeres. Vergängliches zu durchschauen ermöglicht, Unvergängliches zu erkennen. Unvergängliches zu erkennen bedeutet höchste Freude.
Fassen wir zusammen: Am Anfang, wenn du dich für Freude zu interessieren beginnst, suchst du nach etwas, das dir Freude bereiten kann. Mehr und mehr vermagst du Freude zu erleben, die unabhängig ist von den Bedingungen der Außenwelt. Zu erkennen, wer du wirklich bist, ist die höchste Freude.Du lernst, die Identifikation mit dem Körper und mit geistigen Erscheinungen zu durchschauen und aufzugeben. Jedes Auflösen von Identifikation ist verbunden mit einem Zuwachs an Weite, Erfüllung und Freude. Du verstehst immer besser, wer du wirklich bist.
Mitgefühl mit sich selbst entwickeln
Dich auf Freude auszurichten bedeutet nicht, Schwierigkeiten aus dem Blick zu verlieren. Ganz im Gegenteil: Die Freude wird Kräfte in dir freisetzen. Auf diese Weise gestärkt, kannst du dich deinen Verletzungen und deiner Verletzlichkeit liebevoll zuwenden.
Damit eröffnest du dir einen Zugang zu einer weiteren unerschöpflichen Kraftquelle: dem Mitgefühl mit dir selbst. Manchen Menschen fällt es relativ leicht, sich auf andere einzulassen und fürsorglich mit ihnen umzugehen. Mütter sorgen für ihre Kinder, Partner kümmern sich umeinander, Kollegen unterstützen sich gegenseitig am Arbeitsplatz. Wenn dir eine Freundin am Telefon von ihren Problemen in ihrer Beziehung, mit ihren Kindern oder bei der Arbeit berichtet, fällt es dir nicht schwer, ihr eine Stunde lang aufmerksam zuzuhören und ganz für sie da zu sein. Aber kannst du dir selbst genauso liebevoll zuhören?
Für viele Menschen ist es schwer, sich selbst nahe zu sein. Geduldig mit sich umzugehen, das eigene Weinen und die eigenen Unzulänglichkeiten auszuhalten. Sich keine Vorwürfe zu machen und sich von ganzem Herzen Gutes zu Mitleid ist eine Haltung der Schwäche, Mitgefühl ist eine Haltung der Stärke.wünschen und einen guten Rat zu geben. Manche buddhistischen Schriften bezeichnen Mitgefühl als »Zärtlichkeit des Herzens im Angesicht des Leidens«. Dabei darf Mitgefühl nicht mit Mitleid verwechselt werden. In dem Wort Mitleid verbirgt sich das Wort Leiden: Wir leiden mit, das heißt am Ende leiden zwei Menschen. Niemandem ist damit gedient, wenn zum Schluss am Telefon beide weinen. Das mag zwischendurch Vorkommen, aber es ist wichtig, nicht dabei stehen zu bleiben. Mitgefühl ist etwas völlig anderes als Mitleid: Es ist eine kraftvolle, fürsorgliche Haltung. Mitgefühl richtet sich aus an der Frage: »Was wird gebraucht, was kann ich tun?«
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