Ab und zu gelingt es einem Kind tatsächlich, seine Bedürfnisse noch in Worte zu fassen, bevor es das Gefühl der Verbundenheit verliert. Doch selbst das geschieht dann nicht gerade sehr höflich. Die Tochter einer Freundin war bei der Geburt ihrer Schwester vier Jahre alt. Mehrere Monate lang verhielt sie sich dem Neugeborenen gegenüber ausgesprochen liebevoll und aufmerksam. Doch schließlich wurde die gefühlte Verbundenheit zur Mutter aufgerieben. Da baute sie sich vor ihr auf und schrie: „Mami, leg das Scheiß-Baby weg und kümmere dich um mich !“ So viel Geistesgegenwart besaß das Mädchen, dass sie noch ein Signal senden konnte, bevor ihr Denken ganz aussetzte.
Ihr Kind weiss instinktiv, wie es sich von Verletzungen erholt
Das Leben birgt viele Anlässe, die im Kind das Gefühl der Verbundenheit unterbrechen, seine Gefühle verletzen, sein Denken anhalten und es aus dem Gleichgewicht werfen. Zum Glück wurde Ihr Kind mit einem robusten seelischen Reparaturmechanismus geboren. Die aufgewühlten Gefühle brauchen ein Ventil und das Kind muss unbedingt wieder Ihre Fürsorge spüren. Es gibt nur eine einzige Handlung, die ihm einerseits erlaubt, seine Gefühle auszudrücken, und gleichzeitig Ihre liebevolle Zuwendung übermittelt: das Zuhören . Ja, Zuhören kann tatsächlich die Verletzung heilen.
Halten Sie einfach inne, suchen Sie die Nähe zum Kind und unterbrechen Sie sanft das unerwünschte Verhalten. Machen Sie dabei nicht viel Worte: Ihr Kind kann Anweisungen ohnehin nicht folgen, wenn sein Denken nicht funktioniert! Greifen Sie sanft, aber bestimmt ein, damit es keinen Schaden mehr anrichten kann oder nicht mehr einfach vor den Hausaufgaben wegrennt. Dann legen Sie Ihrem Kind sanft die Hand auf den Rücken oder setzen sich zu ihm auf den Boden, falls es dort liegt und Tritte verteilt. Hören Sie allem zu, was es sagt und zeigt. Nehmen Sie die Bedeutung seiner Körpersprache auf. Ihr Kind braucht jemanden, der seine schwierigen Gefühle versteht. Während Sie zuhören, werden die Gefühle des Verletzt-Seins durch Weinen, Wutanfälle, Lachen oder dem Angst abbauendem Schwitzen und Zittern geheilt.
Vielleicht dauert es eine Weile, bis sich Ihr Kind ausgetobt hat. Wahrscheinlich werden Sie die ersten Male, bei denen Sie Ihre üblichen Disziplinierungsmethoden durch das Zuhören ersetzen, sogar denken: „Wird mein Kind jemals zur Ruhe kommen? Das kann doch nicht gut tun!“ Wir sind solch leidenschaftliche Zurschaustellung von Emotionen nicht gewohnt! Aber halten Sie durch. Das alles geschieht nicht ohne Ziel. Denn zum Vorschein kommen genau jene Emotionen, die das Verhalten Ihres Kindes beeinträchtigt haben! Zwar offenbart Ihr Kind damit, wie schlecht es sich fühlt, aber es wird mit dem Wüten trotzdem nicht aufhören, denn tiefer im Inneren spürt es Erleichterung, diese zerstörerische Spannung losgeworden zu sein. Sobald Ihr Kind seinen inneren Aufruhr herausgelassen hat, wird es Ihre Fürsorge wieder wahrnehmen. Es wird seine Welt besser verstehen, verhält sich flexibler und sein Vertrauen wird wachsen.
Noch ist nicht ganz geklärt, wie Weinen, Wutanfälle, Zittern, Schwitzen und Lachen die emotionale Spannung in der Psyche eines Kindes abbauen. Die Erkenntnis, dass diese Aktivitäten normal sind und zu einem angeborenen Heilungsprozess gehören, ist recht neu. Zwar wissen wir nicht, wie er funktioniert, aber dass er funktioniert. Was auch währenddessen im Gehirn in den Neuronen geschieht, ein weinendes Kind wird jedenfalls seine Denkfähigkeit wiedergewinnen, wenn ihm dabei jemand liebevoll zuhört. Und allmählich bewältigt es seine schwierigen Situationen immer besser. Indem Sie Ihrem Kind zuhören, werden Sie an ihm Veränderung und Wachstum erleben. Sein Verhalten wird seltener entgleisen. Auch wird es ihm immer besser gelingen, Ihnen seine Bedürfnisse rechtzeitig mitzuteilen.
Ganz allein kann sich Ihr Kind allerdings nicht von seinen Verletzungen erholen. Schließlich ist es vor allem ein soziales Wesen und Sie sind sein Fels, sein Anker, sein sicherer Hafen. Es braucht Ihre Hilfe, um die Folgen der Verletzung loszuwerden. Also lassen Sie die Bereitschaft zur Verbindung in Ihr Kind hereinströmen, während es die Gefühle herausströmen lässt, die seine Problemlösefähigkeit und Lebensfreude beeinträchtigen.
Die folgende Geschichte zeigt, was geschehen kann, wenn Sie Ihrem Kind während seines Gefühlsausbruchs liebevoll zuhören, anstatt es einfach zu beruhigen.
Mein vierjähriger Enkel Reggie bekam Besuch von einem Kind aus seinem Kindergarten. Der Junge wollte das gar nicht und Reggie selbst passte der Besuch ebenso wenig, aber der Vater des Kindes brauchte eine Kinderbetreuung und die Eltern hatten es so vereinbart. Ich hielt mich unauffällig bei den Jungs auf. Sie hatten überhaupt keine Lust, miteinander zu spielen. Vergeblich versuchte ich, sie hin und wieder aufeinander zu zubewegen. Jeder spielte allein vor sich hin; sie redeten noch nicht einmal miteinander und das ging über eine Stunde lang.
Dann stieß der Freund zufällig an eine von Reggie und seinem Vater aufwendig konstruierte Murmelbahn und sie krachte zusammen. Da brach Reggie in verzweifeltes Weinen aus. Ich nahm ihn auf den Schoß. Er heulte: „Nie, nie mehr kann ich das wieder aufbauen! Sie war so gut. Jetzt ist sie für immer hin!“ Ich sagte: „Ja, mein Schatz, da hast du wohl Recht“, worauf er erst recht losheulte. Ich wollte ihm jedoch Gelegenheit geben, sein Werk vollständig zu betrauern. Der Freund spielte leise in der Nähe, hörte aber genau zu, ohne etwas zu antworten. Ich sagte: „Ethan hat deine Bahn nicht absichtlich angestoßen. Das war ein Unfall. Er wollte sie nicht umwerfen.“
Reggie heulte etwa zwanzig Minuten lang. Als er sich ausgeweint hatte, bot ich den beiden einen Imbiss an. Da griffen Sie gerne zu. Dann hatte Reggie die Idee, Verstecken zu spielen. Kichernd und jauchzend rannten die zwei durchs Haus, weil es mir ja „so schwer fiel“, sie aufzuspüren. Nun waren die beiden doch noch vereint. Erst klemmten sie sich eng nebeneinander in einen kleinen Schrank, dann quetschten sie sich hinter eine Tür. Wir spielten das eine ganze Weile. Als schließlich Ethan abgeholt wurde, bat er seinen Vater: „Darf ich noch bleiben? Ich mag nicht nach Hause!“ Auch Reggie wollte ihn noch dabehalten.
Weinen und Wutanfälle sind keine nutzlosen Verhaltensweisen! Ihr Kind tut das Allerklügste, wenn es einen Trotzanfall zulässt. Im Bemühen, wieder klar zu denken, schüttelt es so seine emotionale Spannung ab. Und während Ihr Kind weint, haben Sie direkten Zugang zu seinem wehen Herzen. Jetzt sind Sie am Zug! Was Sie für ein aufgebrachtes Kind tun, zeigt Ihre Liebe zehnmal stärker als zärtliches Knuddeln und Streicheln an guten Tagen. Ihr Kind sehnt sich sogar trotz ablehnender Worte nach Ihrer Hilfe: „Geh weg! Ich mag dich nicht.“ Wenn Sie seinen Gefühlen zuhören können und liebevolle Zuwendung anbieten, wird es nach seinem Wutanfall ein anderer Mensch sein.
Auch alte Verletzungen können ihr Kind aus der Fassung bringen
Was aber, wenn Ihr Kind plötzlich grundlos verrücktspielt? Nach einem vergnüglichen Tag sperrt es sich beispielsweise bockig gegen das Baden. Oder es spielt vollkommen zufrieden vor sich hin, bis Sie mit Ihrer Frau ein Gespräch beginnen. Dann springt es auf und geht lauthals dazwischen. Verhält es sich nicht einfach unreif oder vielleicht sogar manipulativ?
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