Was kann nun in einer Durchschnittsfamilie zu einer erheblich stressbelasteten Eltern-Kind-Beziehung führen? Was Eltern manchmal so alles begegnet, kann ich bereits anhand einiger Erfahrungen aus meiner Verwandtschaft demonstrieren: Im Kindesalter stieß mein Mann seinen Bruder auf der Golden Gate Bridge aus dem fahrenden Auto. Die Mutter musste mitten auf der Fahrspur anhalten, zurückrennen und ihren Sohn von der Schnellstraße auflesen. Meine Schwester fiel in ihrer Entwicklung bis zu schwerster geistiger Behinderung zurück und nach einem Jahr erkannte sie uns nicht mehr und konnte nicht einmal mehr willentlich ihre Körperglieder bewegen. Mein Bruder schoss mit einem Luftgewehr seinem Freund um Haaresbreite ein Auge aus. Meine Cousine erkrankte mit zwölf Jahren an einer chronischen Gelenkentzündung und saß monatelang im Rollstuhl. Mein Onkel, ein Pilot der Luftwaffe, kehrte so schwer traumatisiert aus dem Vietnamkrieg zurück, dass er es weder mit Frau und Tochter noch mit sonst jemandem aushielt. Nirgendwo fand er Trost und nahm sich schließlich das Leben.
Sie können sich vorstellen, wie jedes der betroffenen Familienmitglieder mit den Nerven am Ende war. Viele leiden noch heute sehr daran. Und das ist nur eine kleine Stichprobe aus einer Mittelschichtssippe, der es an nichts fehlte, außer an emotionaler Unterstützung.
Die wenigsten Eltern bleiben von ernsten Schwierigkeiten völlig verschont. Dann tasten wir uns oft Schritt für Schritt voran und wahren in der Öffentlichkeit das Gesicht. Aber das Leben mit unseren Kindern kann uns bis auf die Knochen zermürben, und zwar ganz unabhängig von unserem sozialen Status.
Sich der emotionalen Arbeit zu stellen – Ablademöglichkeiten für Stress zu suchen und die selbst errichteten Schutzwälle abzutragen –, das ist noch nicht zur allgemeinen Norm geworden. Wenn wir von Gefühlen überflutet werden, aber keine seelische Unterstützung bekommen, verlieren wir die Orientierung. Dann befinden wir uns auf unbekanntem Terrain. Wir fühlen uns schlecht und tun Dinge, die wir später bereuen. Aber wir fühlen uns zu isoliert oder schämen uns zu sehr, als dass wir über unsere Kämpfe reden. Eine kleine Minderheit von uns hat sich vielleicht kleinlaut zu einer Beratung oder Selbsthilfegruppe geschleppt. Dort haben wir uns vielleicht im geschützten Raum unseren Problemen gestellt und uns zur Arbeit an den Emotionen durchgerungen. Die Erfahrungen anderer in ähnlich schwierigen Situationen haben uns vielleicht gelehrt, dass wir mit unseren Kämpfen nicht alleine sind. Aber die meisten Eltern spüren den rumorenden Emotionen nicht wirklich nach. Uns fällt nur auf, dass wir umso gereizter reagieren, je älter die Kinder werden. Diese wirken dann umso weniger liebenswert. Wir reden uns ein, wahrscheinlich wäre alles in Ordnung, verpulvern aber, um des häuslichen Friedens willen, viel Energie beim Meiden der emotionalen Tretminen.
Innerlich arbeitet also jeder von uns hart. Wir müssen mit den Verstimmungen unserer Kinder und auch mit unseren eigenen fertig werden. Wir wollen unserem Sohn helfen, wenn er von einem Freund schroff abgewiesen wird, müssen aber auch unsere eigenen Isolationsgefühle bewältigen. Wir wollen unseren Kindern beim Lernen zur Seite stehen, haben aber in Sachen Kindererziehung auch viel zu lernen. Wohin sollen wir uns also wenden? Was können wir tun, wenn wir zu erschöpft oder zu streitsüchtig sind, um für unsere Familie genießbar zu sein?
Es gibt einen Ausweg
Wir haben gute Neuigkeiten: Es gibt gute und einfache Möglichkeiten, mit den emotionalen Belastungen des Elterndaseins fertigzuwerden. Sie können mehr Heiterkeit in Ihre Familie bringen. Und freuen dürfen Sie sich darüber, dass Probleme aufgrund Ihres Handelns als Mutter oder Vater verschwinden. Dafür gibt es hilfreiches Handwerkszeug.
Wenn Sie unsere Zuhörstrategien anwenden, können Sie Ihre seelische Standfestigkeit auf neue Weise stärken und Ihr unterstützendes Netzwerk ausbauen. Anstatt viel Kraft zur Kontrolle des kindlichen Verhaltens aufzuwenden, konzentrieren Sie sich auf den Aufbau einer stabilen Verbindung zu Ihrem Kind, die Sie bei Verschleißerscheinungen sofort reparieren. Elterliche Führung wird Ihnen auch ohne Zuckerbrot und Peitsche gelingen. Dabei bringen Sie Ihr Kind durch sinnvolle Grenzen sogar noch näher an sich heran! Auch werden Sie bisher unbemerkte Aspekte seiner Intelligenz entdecken. Und abends werden Sie sich mit größerer Gewissheit schlafen legen, dass Sie die wichtigsten Bedürfnisse Ihres Kindes erfüllt haben.
Auf Ihrem Weg werden Sie dennoch einigen Hindernissen begegnen. Denn aufgrund all der Schwachstellen in unserer Gesellschaft bleibt keiner völlig von Problemen verschont. Aber mit einer klareren Perspektive überstehen Sie und Ihr Kind schwierige Zeiten, ohne dabei alle Kräfte einzubüßen.
Wir skizzieren das Grundgerüst für ein harmonisches Leben mit Kindern und fünf einfache Strategien des Zuhörens, mit deren Hilfe Sie Ihren Kindern und Ihrem eigenen besten Selbst näherkommen.
KAPITEL 2
Verbundenheit ist der Schlüssel
Ihr Kind hat einen einzigartigen und erstaunlichen Verstand. Damit er jedoch gut funktioniert und sich entwickelt, braucht Ihr Kind das Gefühl der engen Verbundenheit mit Ihnen ebenso dringend wie Nahrung, Schutz, Sauberkeit und Schlaf.
Fühlt sich Ihr Kind mit Ihnen verbunden, dann werden im Gehirn die zum Lernen, Erinnern und Denken benötigten Nervenbahnen ausgebildet. Ebenso wie der Körper Ihres Kindes Nahrung zum Wachsen braucht, benötigt sein Verstand, dass Sie Ihr Kind mit Anteilnahme und Unterstützung füttern. Jede positive Interaktion hilft ihm bei seiner Potenzialentfaltung nicht nur heute, sondern auch in den folgenden Jahrzehnten. Wenn Ihr Kind spürt, dass Sie ihm zur Seite stehen, kann es lernen, kooperieren und sich mit anderen verbinden.
Sich sicher verbunden zu fühlen, hilft Ihrem Kind also beim Aufbau seiner Intelligenz und dem Gebrauch der bereits vorhandenen Intelligenzfunktionen.
Hier nun geht es um die Strukturen des Gehirns und weshalb eine sichere Verbindung für das Wohlergehen Ihres Kindes lebenswichtig ist:
Der Hirnstammbefindet sich als ältester Teil des menschlichen Gehirns am oberen Ende der Wirbelsäule. Wie eine Art Wachposten und Betriebsleiter steuert er das körperliche Wohlbefinden Ihres Kindes. Zuständig für die Regulation von Reflexen, Herzschlag, Atmung und zahlreichen weiteren Körperfunktionen, reagiert der Hirnstamm auf jedes Anzeichen einer Bedrohung blitzschnell. Bei einem plötzlichen lauten Geräusch löst der Hirnstamm in Ihrem Kind zum Beispiel Erschrecken und Herzrasen aus. Zwar ist dieser Teil des Gehirns nicht an Denkprozessen beteiligt, aber dennoch hängt von seinen bedeutsamen Aufgaben das Überleben Ihres Kindes ab.
Das limbische Systembesteht aus mehreren komplexen Teilen, die das sozial-emotionale Zentrum des Gehirns bilden. Evolutionsgeschichtlich an zweiter Stelle, ist das limbische System für den Aufbau sozialer Beziehungen zuständig. Das limbische System Ihres Kindes sendet Signale aus, anhand derer Sie den Gefühlszustand Ihres Kindes von Augenblick zu Augenblick „deuten“ können. Außerdem überprüft es wie ein unsichtbarer Radarstrahl alle eingehenden Daten - Bilder, Töne, Geschmacks-, Berührungsempfindungen und mehr – auf Informationen zur Sicherheit Ihres Kindes. Gefragt wird sozusagen: „Bin ich erwünscht? Gehöre ich dazu? Kann sich hier jemand um mich kümmern?“
Zu den Besonderheiten des limbischen Systems gehört die Auswertung körpersprachlicher Signale. Augenkontakt, Gesichtsausdruck, Tonfall, Körperhaltung und Bewegung, all das liefert dem Kind Informationen über die Gemütslage anderer Menschen. Signalisieren Sie oder ein anderer fürsorglicher Erwachsener: „Ich bin hier. Ich mag dich. Ich bin für dich da“, dann kann die Psyche Ihres Kindes die angebotene Verbundenheit spüren. Das befriedigt sein angeborenes Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Schutz.
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