1 ...7 8 9 11 12 13 ...22 Wie Sie die Hilferufe Ihres Kindes verstehen
Eltern, die gerade viel zu tun haben, erleben den Versuch ihres Kindes, Verbindung aufzunehmen, womöglich als bewusste Provokation. Aber solange es dem Kind nicht gelingt, mit einem fürsorglichen Erwachsenen Verbindung aufzunehmen, wird es sich weiterhin bemerkbar machen. Ein sich isoliert fühlendes Kind kann sich aufführen wie das dickköpfigste, pingeligste, weinerlichste, undankbarste, aggressivste und zappeligste Kind der Welt. Leider sieht ein einzelner Elternteil nicht, dass Kinder überall auf der Erde ihren erschöpften Eltern genau die gleichen Signale senden. Ihre Botschaft lautet: „Seelischer Notstand! Ich fühle mich von dir abgetrennt!“ Diese Ansage kleidet sich eben in Verhalten statt Worte. Bevorzugen Sie jedoch eine schriftliche Nachricht, dann würde die Botschaft Ihres angriffslustigen und widerspenstigen Kindes in feinsäuberlichen Druckbuchstaben wahrscheinlich folgendermaßen lauten:
Liebe Mama oder lieber Papa!
Danke, dass du meine Nachricht liest. Ich strenge mich so an, deine Liebe zu spüren, aber es klappt nicht. Mich so weit weg von dir zu fühlen, ängstigt mich. Würdest du dich bitte baldmöglichst zu mir setzen und mich zu dir einladen? Können wir zusammen ein wenig Spaß machen, oder könntest du wenigstens den Arm um mich legen, damit ich deine Liebe spüren kann? Bitte halte mich freundlich auf, damit ich keinen Blödsinn mache. Ich will wirklich keine Schwierigkeiten machen. Mit deiner Hilfe wird bestimmt alles viel besser.
Ich liebe dich unendlich.
Dein (momentan) weit entferntes Kind.
Die echte Nachricht einer Erstklässlerin an ihre Eltern lautete so:
„Ich liebe euch, wenn ich verrückt, traurig, ärgerlich, enttäuscht, glücklich, stolz und all die anderen Gefühle bin. Ich liebe euch sogar noch mehr, als ich will. Ich liebe euch, wenn ich sage, ich hasse euch. Und das meine ich ernst. Ich liebe euch.“
Zwar steht nicht gerade ein Übersetzer bereit, sobald Sie das Verhalten Ihres Kindes auf die Palme bringt, aber vielleicht finden Sie die folgende Liste praktisch. Mit diesen Notsignalen rufen nämlich alle Kinder um Hilfe:
Der „zerbrochene Keks“ 1
Manchmal genügt eine Kleinigkeit wie die abgebrochene Ecke eines Kekses und der Legostein im Heizungsgitter, um bei Ihrem Kind Tränen oder einen Wutanfall auszulösen. Wahrscheinlich ist das sogar der häufigste Ruf nach Hilfe und Aufmerksamkeit. Dieses Signal bedeutet: „In mir haben sich so viele Gefühle angestaut, dass ich nicht mehr kann. Jede Kleinigkeit macht mich unglücklich. Ich brauche dich in meiner Nähe, bis ich diesen Aufruhr in mir losgeworden bin. Er verdirbt mir alles.“ Ein riesiger Gefühlsausbruch als Folge eines winzigen Auslösers wurzelt vermutlich größtenteils in einer problematischen Erfahrung aus der Vergangenheit. Der zerbrochene Keks oder verlorene Legostein erinnert Ihr Kind bloß an diese frühere, schwierigere Zeit. Der scheinbare Lärm um nichts ist für Ihr Kind aber eine wertvolle Gelegenheit zur Hilfe für seine Heilung. Sie können sein Gefühl für Verbundenheit mit Ihnen wiederherstellen und in ihm die Tendenz zu künftigem ausufernden Verhalten abbauen, indem Sie Verbindung und Zuhören anbieten. Seien Sie in diesem Gefühlssturm die Zuflucht Ihres Kindes und es wird seine Gelassenheit wiederfinden.
Der „verdorbene Ausflug“
Dieses Signal zeigt sich, wenn Sie Ihrem Kind extra Zeit und Aufmerksamkeit widmen, oder sich mit Freunden oder Verwandten treffen. Irgendwann während dieses besonderen Ereignisses wird sich Ihr Kind über eine Kleinigkeit aufregen. Das bedeutet: „Bei diesem gemeinsamen Spaß krieg ich ganz viel Hoffnung. Wir sind uns jetzt so nah, da mag ich dir von dem scheußlichen Gefühl erzählen, das ich manchmal spüre. Bitte hilf mir damit!“ Fast wirkt es so, als würden durch die Geborgenheit und Freude des Augenblicks abgestandene Gefühle mit der Wucht eines Löschwasserstrahls nach draußen gespült. Natürlich geschieht das gerade dann, wenn Sie darauf hoffen, dass Ihr Kind kooperiert.
Der „verdorbene Ausflug“ ist ein so häufiges Phänomen, dass Sie direkt darauf warten können. Geburtstagsfeiern, Familientreffen, Festtage und Ausflüge zu Sehenswürdigkeiten lösen in fast jedem Kind solche Ausbrüche aus. Deswegen ist es jedoch nicht undankbar. Ihr Kind spürt einfach das Wohlwollen um sich herum, und sein Instinkt meldet, dass damit ein guter Zeitpunkt für seinen inneren Hausputz gekommen ist!
„Hilf mir aufzuhören!“
Noch so ein Klassiker. Angenommen, Sie sind mit tausend Dingen beschäftigt, besorgt, in Eile oder haben Besuch und verlieren Ihr Kind immer weiter aus den Augen. Vielleicht hat es Sie schon ein paar Mal um Aufmerksamkeit gebeten und Sie haben es abgewimmelt in der Hoffnung, sein Problem löse sich von selbst. Vermutlich hatten Sie aber einfach alle Hände voll zu tun und konnten nicht auf Ihr Kind eingehen.
Im verzweifelten Wunsch nach Verbundenheit schaut Ihnen Ihr Kind direkt in die Augen und tut etwas, das Sie ihm schon x-mal verboten haben. Es rupft von der Topfpflanze im Wohnzimmer Blätter ab oder wirft einen Holzklotz nach seiner Schwester. Dieses Signal bedeutet: „Ich fühle mich verloren – ich dreh durch, wenn ich dich direkt neben mir sehe und mich trotzdem so allein fühle. Hilf mir!“
Bricht ein Kind bewusst unsere Regeln, glauben wir Eltern oft an Wut oder einen Manipulationsversuch als Ursache. Aber Ihr Kind will Sie nicht ärgern. In seinem unerfüllten Bedürfnis nach Verbundenheit verzweifelt es so sehr, dass ihm lieber ist, Sie wenden sich ihm verärgert zu, als dass es noch länger in seiner Isolation ausharrt. Seine Psyche benötigt die Verbindung zu Ihnen, pronto! Also sucht es einen todsicheren Weg, um Sie in seine Nähe zu beordern.
Rückzug
Manchmal kapituliert ein Kind. Dann wendet es sich nach innen und probiert das schmerzliche Gefühl der Isolation oder Angst mit einem kleinen Ritual zu betäuben: Daumenlutschen, an einer Haarsträhne drehen oder verzweifelt eine Schmusedecke oder Spielfigur an sich klammern. Dieses Signal bedeutet: „Was soll ich bloß machen? Mir geht’s nicht gut. Ich schalte in den Leerlauf, solange mir keiner hilft.“ Dieses Signal fällt nicht weiter auf. Aber Ihr Kind verliert währenddessen wertvolle Zeit zum Forschen und Lernen. Es riskiert damit noch keinen aktiven Aufruhr, fühlt sich aber doch so isoliert, dass es nicht den vollen Zugang zu seinen geistigen und körperlichen Fähigkeiten hat. Mit dem Schnuller im Mund kann es nicht reden, beim Umklammern der Puppe hat es nur eine Hand frei. Wenn es eine Haarsträhne dreht, kann es nicht rennen, lachen oder etwas erforschen. Es bittet solange schweigend um Hilfe, bis Sie kommen und mit ihm Verbindung aufnehmen.
Aggressionen
Wenn Ihr Kind mit seinem Verhalten andere oder sich selbst verletzt, bedeutet dies: „Verbundenheit: gleich null! Denken: Fehlanzeige! Ich hab’ keine Ahnung, wieso ich um mich schlage, kann aber nicht aufhören!“ Ein in aggressivem Verhalten gefangenes Kind hat Angst und braucht eine liebevolle, aber klare Grenze, von einem freundlichen Erwachsenen, der sich an den guten Kern des Kindes erinnert. Das Gefühl für Verbundenheit ist einfach versiegt. In Kapitel 11, Ängste auflösen, und Kapitel 12, Aggressionen überwinden, werden Sie erfahren, wie Sie bestimmte Zuhörstrategien anwenden, um Ihr Kind weg von angstgesteuertem Verhalten und hin zu echter Verbundenheit und Kooperation bewegen können.
Ablenkungsspiel
Ein Kind wirkt manchmal wie elektrisch aufgeladen, wenn in ihm schwache Angstgefühle rumoren. Den äußeren Schein kann es nur wahren, indem es von einer Tätigkeit zur nächsten springt und diesem Tun nur oberflächliche Aufmerksamkeit schenkt. Im Spiel kann es zu anderen keine Verbindung aufnehmen und ein Geben und Nehmen findet nicht statt. Schon bei der kleinsten Herausforderung sucht sich das Kind eine neue Beschäftigung. Diese Sprunghaftigkeit stört beim Lernen. Auch sind die Beziehungen des Kindes nicht zufriedenstellend. Leicht reagiert es pingelig, rechthaberisch oder impulsiv. Seine Botschaft lautet: „Ich fühle mich unruhig und nichts, was ich tue, ändert etwas dran. Ich muss mich die ganze Zeit bewegen, denn ich finde keinen Zufluchtsort. Bitte hilf mir.“
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