• Vor anderen schwierigen Situationen. Wenn das verhasste Haareschneiden oder -waschen ansteht oder ein Besuch bei der pingeligen Tante Tilly, die Kinder nicht gewohnt ist. Vor dem Essen und Schlafengehen, vor der Ankunft eines neuen Geschwisterchens, vor dem Gottesdienstbesuch, vor dem Eintreffen der Gäste bei einer großen Feier, vor dem Einkauf in einem Lebensmittelladen mit demonstrativem Angebot an Kaugummi und anderen Süßigkeiten. Wunschzeit im Voraus ist natürlich kein Allheilmittel, aber bei regelmäßigem Einsatz werden Schwierigkeiten nach einigen Monaten zumindest oft in Schranken gehalten.
• Um nach der Schule oder Tagesstätte wieder Verbindung aufzunehmen. Statt der Frage, „Was habt ihr heute gemacht?“ - „Nichts!“, geben Sie Ihrem Kind mit der Wunschzeit Gelegenheit, zu zeigen, wie es ihm geht. Sobald es sich mit Ihnen verbunden fühlt, wird alles, was Sie wissen müssen, aus ihm herausströmen.
• Vor den Hausaufgaben. Die Wunschzeit wirkt als starkes Gegenmittel zu schulischen Zwängen. Es bestätigt das Kind darin, dass Sie auf seiner Seite stehen.
• Um für Sie unerträgliche Lieblingsaktivitäten Ihres Kindes zu begrenzen. Dafür ist die Wunschzeit ein Segen! Wenn Ihr Kind begeistert Topfdeckel zusammenschlägt, stellen Sie den Timer auf fünf Minuten, verstöpseln sich die Ohren und halten durch! Wunschzeit ist auch eine prima Methode, wenn Ihr Kind gerne Insekten lebendig begräbt, im Barbie-Modenschau-Rausch steckt, seine Judo-Künste an Ihnen ausprobieren will oder Sie bittet, mit ihm die Legokiste nach einem vermissten Mini-Teil zu durchforsten. Wenn Sie gerade auf dem Zahnfleisch daherkommen, müssen Sie sich dem Vorschlag nicht sofort beugen, aber machen Sie mit Ihrem Kind einen späteren, für Sie günstigeren Zeitpunkt aus.
• Wenn das Verhalten Ihres Kindes entgleist ist. Wenn sich Ihr Kind nur noch beklagt. Wenn es außer Rand und Band ist, anderen die Sachen wegnimmt oder so nach Aufmerksamkeit hungert, dass es auf Ihnen herumturnt, während sie ein Gespräch führen wollen. In solchen Situationen hat sich die Wunschzeit als besonders hilfreich erwiesen. Ihr Kind fühlt sich dann wahrgenommen. Und Ihnen erleichtert Sie es, Ihr Kind wieder in vorteilhafterem Licht zu sehen.
• Wenn sich Ihr Kind ängstigt. Angenommen, in einem Monat geht die Schule los und Ihr Kind ängstigt sich davor, dann können Sie täglich einige Minuten Wunschzeit in der Schule abhalten. Vielleicht müssen noch weitere Strategien folgen, aber die Wunschzeit kann ihnen dabei helfen, an Orten oder in Situationen Sicherheit zu vermitteln, wo sich Ihr Kind schnell unbehaglich fühlt.
• Wenn in der Familie der Stresspegel ansteigt. Jede Familie kennt anstrengende Zeiten: Ein Kind wird krank, Ihnen wird gekündigt, die Katze wird vermisst, ein geliebter Opa oder Nachbar zieht weg. In Zeiten größter Anspannung wird die Wunschzeit Ihnen und Ihrem Kind helfen, sich Positivem zuzuwenden, anstatt nur den zermürbenden Stress wahrzunehmen. Diese Verbindung knüpft in schweren Zeiten für Sie beide eine stabile Rettungsleine.
Wie Wunschzeit abläuft
Hier nun die Grundzüge der Wunschzeit. Jeder davon ist bedeutsam. Zusammengenommen verhelfen Sie Ihnen zu positiven Veränderungen in Ihrer Familie.
• Die Zeit benennen. Sie braucht auf jeden Fall einen Namen, zum Beispiel: „Wunschzeit“, „Papa-Anna-Zeit“, „Kind-ist-Chef-Zeit“. Der Name unterstreicht, dass diese Zeit den Kindern gehört und Sie ihnen Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit widmen wollen. Ihnen hilft das, sich zu konzentrieren, und Ihrem Kind wird bewusster, dass ihm nun Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit gehört.
• Wenn möglich, legen Sie Datum und Uhrzeit fest. Und halten Sie Ihr Wort. Vorfreude macht diese Zeit umso unvergesslicher. Außerdem kann sich Ihr Kind vorher überlegen, was es tun möchte. Doch in hektischen Zeiten oder wenn das Verhalten Ihres Kindes außer Kontrolle gerät, schieben sie die Wunschzeit einfach spontan ein.
• Zu Beginn kündigen Sie an: „Jetzt fängt deine Wunschzeit an. Du bestimmst, was wir spielen!“Diese Worte fallen den meisten Eltern schwer, sind aber wichtig. Sie eröffnen Ihrem Kind einen weiten Handlungsspielraum. Außerdem werden Sie aus Ihrer gewohnten Kontrollmentalität herausgeholt. Das kann eine erfrischende Abwechslung sein.
• Programmieren Sie einen Timer. Wunschzeit muss durch Anfang und Ende klar definiert sein. Durch die Schaltuhrsignale wird Ihre Aufmerksamkeit klar eingegrenzt. Das hilft Ihnen auch dann aus der Not, wenn Ihr Kind eine Wahl trifft, die Ihnen nicht gefällt. Angenommen, Sie begeistern sich nicht für Sport, aber Ihr Kind lässt Sie auf der Straße immer wieder bis zum Telegrafenmast rennen. Da geht nichts über dieses erlösende Timer-Signal!
• Bieten Sie anfangs eine kurze Zeitspanne an, etwa fünf oder zehn Minuten. Viele Eltern tun sich erstaunlich schwer damit, dem Kind im Spiel die Führung zu überlassen. Sobald Sie sich daran gewöhnt und regelmäßig kurze Wunschzeiten praktiziert haben, können Sie die Zeitspanne verlängern. Aber bieten Sie nie mehr als eine Stunde an. Denn irgendwann ermüden Sie, verspüren unwiderstehlichen Kaffeedurst oder müssen aufs Klo. Das Ende des „Mensch-ärgere-Dich-nicht!“ kommt Ihnen nicht schnell genug, oder Sie glauben platzen zu müssen, wenn Sie Barbie noch eine Minute länger in ihre Pelze einkleiden sollen. Also bieten Sie lieber eine kürzere Zeitspanne an, die Sie am Ende gegebenenfalls verlängern, als vorzeitig die Konzentration zu verlieren. Ihr Durchhaltevermögen wird mit Übung zunehmen, vor allem dann, wenn Sie selbst mit einem einfühlsamen Zuhörer an den Gefühlen arbeiten, die durch die Spielauswahl Ihres Kindes ausgelöst werden.
• Erwarten Sie Positives. Erwarten Sie, über Ihr Kind Neues zu lernen. Wir bilden uns ein, unsere Kinder durch und durch zu kennen: Tatsächlich stecken wir sie oft unbewusst in Schubladen. Eine erwartungsvoll offene Haltung, „Was wird wohl heute geschehen?“, ist für die Wunschzeit unerlässlich. Heute weicht Ihr Kind vielleicht kaum von seinen üblichen Spielgewohnheiten ab, aber bleiben Sie offen für Überraschungen. Ihre Einstellung zählt!
• Freuen Sie sich an Ihrem Kind. Bieten Sie ihm besonders viel Herzlichkeit und Augenkontakt an, und interessieren Sie sich für seine Spielauswahl, selbst wenn diese schon seit zwei Wochen immer gleich ausfällt. Bleiben Sie geduldig, wenn es nur langsam Vertrauen entwickelt.
• Zeigen Sie am Ende Ihre Zuneigung. Gerade haben Sie mit einem bewundernswert intelligenten jungen Menschen Zeit verbracht. Also umarmen Sie Ihr Kind zum Schluss oder klatschen Sie sich ab und kündigen den Termin der nächsten Wunschzeit an.
Diese achtfache Mutter schildert, wie heilsam es sein kann, selbst in einem höchst ungünstigen Moment Wunschzeit anzubieten:
Gerade war ich nach einer Acht-Stunden-Schicht nach Hause gekommen. Seit Kurzem musste ich abends anstatt vormittags arbeiten und das verkraften meine drei jüngsten Töchter ganz schlecht. Bei meiner Heimkehr sollten sie längst fest schlafen. Jedoch nicht an diesem Abend! Es war zweiundzwanzig Uhr und die Mädchen hatten auf mich gewartet. Shawneece, meine Neunjährige, wollte mir etwas aus der Schule erzählen. Sharille, sieben Jahre alt, fällt es schwer, Verbindung aufzunehmen, und wenn sie sich nicht verbunden fühlt, tickt sie aus und ist besonders zu ihren Schwestern sehr garstig. Meine zweijährige Tochter hätte nun wirklich längst schlafen sollen und wollte getragen und gestreichelt werden. Aber ich war müde und suchte nach einem langen Tag Entspannung. Ich brauchte unbedingt Hilfe. Da verschaffte mir mein Lebensgefährte eine kleine Ruhepause und anschließend widmete ich mich den Mädchen.
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