Neben den gerade vorgestellten Vorteilen und positiven Argumenten für den Einsatz von Work-Life-Blending und Work-Life-Integration werden in der Literatur auch viele kritische Argumente diskutiert, die gegen die Umsetzung der Konzepte sprechen (vgl. z.B. Scholz 2018). Zu den wesentlichen Kritikpunkten gehören insbesondere die folgenden:
Entgrenzung der Lebenswelten:Ein zentraler Kritikpunkt besteht darin, dass die Verschmelzung des Arbeitslebens mit dem Privatleben zu einer Entgrenzung der Lebenswelten führt. Der Preis für die zeitliche und örtliche Flexibilität bei der Bewältigung der beruflichen und privaten Anforderungen und Aufgaben sowie der individuellen Zeiteinteilung besteht in einer dauerhaften Arbeitsbereitschaft der Beschäftigten, auch während der eigentlich erwerbsarbeitsfreien Zeiten. Damit wird das Privatleben von dem Berufsleben vereinnahmt mit der Gefahr, im Berufsleben unterzugehen und seine eigenständige Bedeutung zu verlieren. Dies wiederum kann die Unterordnung des Privatlebens unter das Berufsleben fördern, was der Vereinbarkeit beider Lebenswelten widerspricht.
Selbstausbeutung durch steigende Arbeitszeiten und Überstunden:Die Dominanz des Berufslebens sowie die ständige Erreichbarkeit fördern steigenden Arbeitszeiten und Überstunden der Beschäftigten, die für die örtliche und zeitliche Flexibilität in Kauf genommen werden. Werden nach Feierabend oder im Urlaub häufig zwischendurch berufliche Aufgaben bearbeitet, so erschwert dies den Überblick und die Erfassung der tatsächlichen Arbeitszeiten mit der Folge, dass Beschäftigte weit mehr arbeiten, als in ihrem Arbeitsvertrag vereinbart und ggf. auch bezahlt wird. Dies kann zu einer Selbstausbeutung der Beschäftigten führen, die den Arbeitgebern zugutekommt, für die Beschäftigten jedoch dauerhaft von Nachteil ist.
Gesundheitliche Beeinträchtigungen durch dauerhafte Überlastung: Mögliche Überstunden und auch die permanente berufliche Ansprechbarkeit, also quasi der permanente „berufliche Stand-by-Modus“, verhindern das Abschalten vom Beruf und die Regeneration der Beschäftigten in ihrer Freizeit. Verbunden mit einem kontinuierlich hohen Arbeitspensum kann dies zu dauerhaftem beruflichen Stress und Überlastung führen. Diese wiederum können – auf Dauer – die physische und psychische Gesundheit der Beschäftigten beeinträchtigen (z.B. Schlafstörungen, ständige Orientierung auf berufliche Aufgaben oder Projekte, zu geringe Regenerationsmöglichkeiten) und bei dauerhafter Überlastung auch zum Arbeitsausfall der Beschäftigten führen.
Das Privatleben leidet: Durch die Dominanz des Berufslebens leidet das Privatleben der Beschäftigten, da ein Teil der Aufmerksamkeit immer der Arbeit gewidmet ist. Auch besteht die Gefahr, dass das Privatleben seine eigenständige Bedeutung verliert und dass private Anliegen dem Berufsleben untergeordnet werden. Dies kann zu privaten Konflikten mit Partnern, Freunden, Kindern oder betreuungsbedürftigen Familienangehörigen führen, wodurch die Vereinbarkeit der verschiedenen Lebenswelten wiederum erschwert wird. Im Extremfall fällt das Privatleben dem Job zum Opfer. (Scholz 2018; Existenzgründer Lexikon: Work-Life-Blending 2020).
Arbeitgeber vereinnahmen die Beschäftigten:Je umfangreicher die Erreichbarkeit der Beschäftigten für ihren Arbeitgeber ist und je entgrenzter die verschiedenen Lebenswelten sind, desto mehr besteht die Gefahr, dass alle Lebensbereiche vom Arbeitsleben dominiert werden und die Beschäftigten von ihren Arbeitgebern völlig vereinnahmt werden. Ein eindrückliches Beispiel ist das Unternehmen Google, das von seinen Mitarbeitenden eine 24h-Erreichbarkeit erwartet. Dafür bietet Google seinen Beschäftigten vielfältige kostenfreie Anreize und Angebote, u.a. ein Smartphone, einen Breitbandinternetanschluss, teils Buslinien, die die Mitarbeiter zum Büro und zurückbringen, kostenfreie Verpflegung (vom Frühstück, Mittagessen bis zum Abendessen!), einen Wäscheservice, 2 T-Shirts pro Woche, Fitnessangebote und noch vieles mehr. Vor allem für junge sehr gut ausgebildete Mitarbeitende ohne eigene Familie sind das attraktive Arbeitsangebote. Allerdings verleiten diese vielen Angebote die Mitarbeitenden dazu, deutlich mehr als neun Stunden täglich zu arbeiten, da ja eine „Rund-um-Versorgung“ besteht. Andererseits fordert Google eine 24h-Erreichbarkeit von seinen Beschäftigten, stellt nur begrenzt ausreichende Arbeitsplätze zur Verfügung und steht dem Homeoffice eher kritisch gegenüber. (vgl. Frank 2007).
Die wesentlichen Vorzüge und Kritikpunkte des Work-Life-Blending und der Work-Life-Integration werden in der folgenden Tabelle noch einmal zusammengefasst.
Work-Life-Blending und Work-Life-Integration |
Vorteile |
Nachteile |
Mehr Selbstbestimmunggrößere Autonomie, wann und wo Arbeitsaufgaben bearbeitet werden. Erleichterte Vereinbarkeit des Arbeitslebens mit dem Privatlebendurch örtliche und zeitliche Flexibilität der Bearbeitung der Arbeitsaufgaben Höhere Produktivität der Beschäftigtenaufgrund der Möglichkeit, Arbeitszeiten und –orte in indidivuell hoch leistungsfähige und ungestörte Zeitabschnitte und Örtlichkeiten zu verlagern. |
Entgrenzung der Lebensweltendurch ständige Erreichbarkeit auch in der eigentlichen Freizeit Selbstausbeutungdurch steigende Arbeitszeiten und Überstunden und durch die permanente Arbeitsbereitschaft. Gesundheitliche Beeinträchtigungendurch dauerhafte Überlastung aufgrund fehlender Ruhe- und Regenerationszeiten Das Privatleben leidetdurch die ständige latente und dominierende Arbeitsbereitschaft Arbeitgeber vereinnahmen die Beschäftigtenaufgrund der Erwartung einer ständigen „stand-by-Arbeitsbereitschaft“ zu Lasten des Privatlebens. |
Tabelle 3:
Vor- und Nachteile der Konzepte Work-Life-Blending und Work-Life-Integration. Eigene Darstellung
1.3.4 Work-Life-Separation
Im Gegensatz zu den gerade vorgestellten Konzepten des Work-Life-Blending und der Work-Life-Integration vertritt das Konzept der Work-Life-SeparationWork-Life-Separation eine eindeutige Trennung und Abgrenzung zwischen dem Arbeitsleben und dem Privatleben. Gefordert werden klare Strukturen und eine eindeutige Abgrenzung von Arbeitszeit und Arbeitsort zum Privatleben und Wochenende (vgl. Existenzgründer Lexikon o.J.: Work-Life-Separation). Gerade die junge Generation ZGeneration Z, die zwischen 1995 und 2009 geboren wurden, legt viel Wert auf eine Trennung zwischen ihrer Arbeitswelt und ihrer privaten Lebenswelt. Für einen geregelten Feierabend und ein arbeitsfreies Wochenende ohne permanente Ansprechbarkeit verzichtet sie auch auf die Flexibilität von Arbeitszeit und Arbeitsort (vgl. Scholz 2018). Geprägt wurde die Einstellung der Generation Z auch durch die sichtbaren Auswirkungen des Work-Life-Blending und der Work-Life-Integration, die für viele Beschäftigte zu deutlich längeren Arbeitszeiten, einer permanenten beruflichen Ansprechbarkeit, Einschränkungen des Privatlebens sowie auch zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führten (vgl. Scholz 2018). Wie konsequent sich diese klare Trennung zwischen der Arbeitswelt und dem Privatleben auf Dauer in unserer sehr dynamischen und komplexen Arbeitswelt umsetzen lässt, bleibt abzuwarten. Allerdings begünstigen die aktuelle Arbeitsmarktsituation sowie die zunehmenden Fach- und Führungskraftengpässe die Durchsetzung der Forderung nach einer klaren Work-Life-Separation der begehrten Beschäftigten.
1.3.5 Aktualität des Konzepts der Work-Life-Balance
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